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Wie ein Bremer seinen ersten Tag als Tatortreiniger erlebte

Kim Torster 01.01.2019 0 Kommentare

"Einer muss es ja machen", sagt Andreas Straube über seinen Beruf.  (Juan Palacio)

Meinen ersten eigenen Auftrag hatte ich diesen Sommer hinter Frankfurt. Da ist eine ältere Frau in ihrer Wohnung auf dem Sofa gestorben und lag dann da zwei oder drei Monate, bevor sie gefunden wurde. Schon während der Fahrt fragt man sich natürlich, was da gleich auf einen zukommt. Als ich das Treppenhaus betreten habe, habe ich schon diesen süßlichen, unangenehmen Verwesungsgeruch wahrgenommen. Und auch die ein oder anderen kleinen Tierchen kamen mir dort schon entgegen. Das war der Moment, in dem ich mich gefragt habe: Andreas, was machst du hier eigentlich?

Angefangen hat alles mit einem Gespräch mit einem Freund. Das war zu Beginn des Jahres. Wir saßen zusammen und haben über alles Mögliche gesprochen, als er mich fragte, ob ich die Serie „Der Tatortreiniger“ kennen würde. Bjarne Mädel spielt dort einen Tatortreiniger, der während seiner Arbeit allerhand Kurioses erlebt. Mein Freund erzählte mir dann, dass er so ein Unternehmen gründen wolle und fragte mich, ob ich Lust hätte einzusteigen. Ich sollte dann den praktischen Teil übernehmen, die Reinigung. Ob ich in meinem Alter denn noch flexibel genug sei, hat er mich gefragt. Was soll man denn da sagen? Klar bin ich flexibel! Also habe ich gar nicht erst überlegt und zugesagt.

Andreas Straube war früher mal Versicherungsmakler, mittlerweile ist er beruflich als Tatortreiniger aktiv.
Andreas Straube war früher mal Versicherungsmakler, mittlerweile ist er beruflich als Tatortreiniger aktiv. (Frank Thomas Koch)

Im Mai habe ich die notwendigen Lehrgänge absolviert. Der Tatortreiniger-Lehrgang war ein Witz, der hat nur einen Tag gedauert. Was aber auch dazu gehört, ist ein Desinfektor-Lehrgang. Ich habe schon so viele Lehrgänge gemacht, ich dachte, das sei kein Problem – bis zum ersten Seminartag. Im Lehrgang beschäftigt man sich nämlich mit Bakterien und Übertragungsweisen, wie man sich davor schützen kann und so weiter. Ich kannte bis dato nur Pflaster und Kopfschmerztabletten. Die anderen fünf Teilnehmer kamen alle aus dem medizinischen Bereich. Ich hatte also viel aufzuholen. Das waren wahnsinnig anstrengende drei Wochen. Ich muss sagen, das habe ich völlig unterschätzt.

Anschließend habe ich einmal einen anderen Tatortreiniger bei seiner Arbeit begleitet, dann ging’s auch schon los: Man lädt alle Utensilien in das Fahrzeug und wartet auf den ersten Auftrag.

Als ich die Wohnung der verstorbenen älteren Dame betreten habe, fand ich vor allem den Geruch schlimm. Zu der Zeit war es gerade sehr heiß, das hat es natürlich nicht besser gemacht. Es gibt aber immer mal wieder so Fälle wie diesen, da muss man ab und zu mal kurz vor die Tür. Durchatmen. Sobald man die Maske aufsetzt und sich an die Arbeit macht, geht es aber. Letztendlich ist das Kopfsache. Einer muss es ja machen. 

Ich bin jetzt seit ungefähr sieben Monaten dabei. Überrascht hat mich, wie viele Menschen sterben. Zehn bis zwölf Todesfälle pro Monat bearbeiten nur wir. Häufig liegen die Menschen dann wochenlang in ihren Wohnungen und niemand merkt es. Das ist ja auch ein Zeichen dafür, wie einsam die Menschen sind. Und es gibt viele Selbstmorde. Vom Arzt bis zum Arbeiter ist alles dabei. 

Drei bis vier Stunden dauert eine Reinigung ungefähr. Wir kommen, wenn alles vorbei ist. Die Leichen sehen wir nie. Die Kripo ist vor uns da, dann holt der Bestatter den toten Körper. Was bleibt sind Blut und andere Körperflüssigkeiten. Als erstes baue ich dann alle Möbel ab, die den Verwesungsgeruch zu sehr aufgenommen haben: Bett oder Sofa, je nachdem wo der Mensch gestorben ist. Das wird dann zur Deponie gebracht.

Bei meinem ersten Auftrag konnte der Entsorgungshof in der Nähe der Wohnung keinen Müll mehr annehmen konnte, weil er voll war. Ich habe dann noch einen zweiten angefahren, der aber schon geschlossen hatte. Also musste ich den ganzen Kram bis nach Bremen mitnehmen. Zwischendurch habe ich immer wieder angehalten und den Transporter mit Duftspray eingesprüht, um den Geruch wenigstens ein bisschen zu neutralisieren.

Mittlerweile habe ich festgestellt: Diese Arbeit ist gar nicht mal so schlecht. Es gibt immer wieder neue Herausforderungen, man lernt viel Neues kennen. Ich mache das gerne. Vorher war ich Versicherungsmakler. Da wurde meine Arbeit immer weniger gebraucht, weil viele Menschen ihre Versicherungen einfach im Internet abschließen. Nach getaner Arbeit als Tatortreiniger sind die Angehörigen dankbar und zufrieden. Das ist auch eine schöne Sache.

 

Zur Person

Andreas Straube

Vor einem Jahr arbeitete der 57-Jährige noch als Versicherungsmakler. Zusammen mit einem Freund gründete er das Unternehmen Ihr Tatortreiniger aus Bremen. Straube übernahm den praktischen Teil: das Reinigen und Desinfizieren von Orten, an denen Menschen gestorben sind. Vier weitere Tatortreiniger beschäftigt die Firma mittlerweile.


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Leserkommentare
holger_sell am 20.10.2019 15:36
Kultur ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und gerade auch in Bremen ein Magnet für den Tourismus.
Außerdem ist Kulturbewusstsein ein großer ...
holger_sell am 20.10.2019 15:30
Jede Politik hat ihre Klientel.
Wollen Sie im Ernst behaupten, dass Menschen, die sich für Kultur interessieren, keine normalen Leute sind ?
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