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Wie eine Elfjährige ihren ersten Fridays-for-Future-Protest erlebt hat

Imke Wrage 17.06.2019

Fridays-for-Future-Demo am 24. Mai in Bremen (Symbolfoto).
Fridays-for-Future-Demo am 24. Mai in Bremen (Symbolfoto). (Frank Thomas Koch)

Bei meiner ersten Fridays- for-Future-Demo waren wir nur zu zehnt. Das war an einem Freitag Anfang Februar, wir haben uns auf dem Bremer Marktplatz versammelt und hatten Plakate dabei. Darauf standen Sprüche wie „What do we want? Climate Justice. When do we want it? Now“. Übersetzt heißt das „Was wollen wir? Klimagerechtigkeit. Wann wollen wir das? Jetzt“.

Damals war ich noch sehr zurückhaltend und hab mich nicht so viel getraut. Mit der Zeit wurde ich dann lauter. Ich kann mich noch erinnern, wie an dem Tag plötzlich vier Einsatzwagen von der Polizei vorgefahren sind. Wir standen da und dachten alle so: „Oh mein Gott, was passiert jetzt?“ Die Polizisten wollten uns aber nur sagen, dass gerade Schaffermahl in Bremen ist und wir uns auf dem Marktplatz anders platzieren müssen. Das war aufregend.

Als ich zum zweiten Mal freitags zur Demo gegangen bin, wurde ich gefragt, ob ich nicht mit ins Orga-Team will. Seitdem helfe ich mit, die Demos zu organisieren. Wir sind ein Plenum von ungefähr 30 Leuten, die sich regelmäßig treffen. Mittlerweile sind wir bei den kleinen Demos um die hundert Leute, bei den größeren Demos noch viele, viele mehr. Ich bin fast jeden Freitag dabei – wir demonstrieren dann meist zwischen 10 und 13 Uhr.

Lotta Lessin aus Bremen.
Lotta Lessin aus Bremen. (Karsten Klama)

Wie alles angefangen hat? In der Schule war der Klimaschutz immer wieder Thema, unter Freunden auch. Dann hat meine Mutter mir das Video von Greta Thunbergs Rede bei der Klimakonferenz in Kattowitz gezeigt. Den Vortrag, den sie da gehalten hat, fand ich echt cool. Sie engagiert sich für das Klima, ist überzeugend. Nicht so: „Das könnte man jetzt mal tun.“, sondern: „Wenn ihr nichts tut, gehen wir jetzt streiken!“ Greta setzt ein klares Zeichen. Das möchten wir auch!

Ich mein, schauen wir doch mal raus: Wir haben Anfang Juni und gestern war es draußen so heiß, dass es kaum auszuhalten war. Das war krass. Wenn wir den Klimawandel jetzt nicht stoppen, geraten wir in neun Jahren in eine Endlosschleife. Dann können wir so viel Co2 ausstoßen, wie wir wollen. Es wird dann einfach immer wärmer. Und das Problem betrifft ja nicht nur uns. Es betrifft auch unsere Kinder. Und Enkel. Und Urenkel.

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Durch Fridays-for-Future interessiere ich mich mehr für Politik. Ich bin zum Beispiel auf zwei Podiumsdiskussionen gewesen. Einmal in eine Partei einzutreten kann ich mir im Moment aber noch nicht vorstellen.

Viele Erwachsene sagen, dass wir lieber in die Schule gehen und etwas lernen sollen, anstatt auf die Straße zu gehen. Dadurch, dass ich streiken gehe, verpasse ich Unterricht, ja. Aber für das Klima zu kämpfen ist mir gerade wichtiger. Das Ding ist nämlich: Wir machen das ja nur, weil die Erwachsenen nichts tun. Wie sollen wir sonst sagen, dass wir jetzt dringend handeln müssen, wenn nicht so? Natürlich könnten wir auch samstags streiken. Aber dann hätten wir nicht mehr diese Aufmerksamkeit, die wir jetzt haben. Und diese Aufmerksamkeit brauchen wir, damit sich etwas ändert und die Politiker wirklich etwas tun.

Als von unserer Schule mal ganz viele an einer der Fridays-for-Future-Großdemos teilgenommen haben, mussten aus der Parallelklasse alle nachsitzen, weil sie dafür den Unterricht geschwänzt haben. Ich und meine Mitschüler aus der Klasse mussten das nicht. Mein Lehrer geht damit echt cool um. Meine Eltern finden es glaube ich auch gut, dass ich mich für das Klima stark mache. Sie verstehen mich da. Dass man dafür die Schule verpasst, das findet vermutlich kein Elternteil wirklich gut. Aber ich hab schon das Gefühl, dass die dahinter stehen und mich unterstützen. Die Inhalte, die ich aus dem Unterricht verpasse, arbeite ich Zuhause nach, so gut ich kann.

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Um das Klima zu schützen, kann jeder von uns einen Beitrag leisten. Seit den Fridays for Future-Demos lebe ich vegan. Leute müssen probieren, weniger Auto zu fahren, also lieber das Rad oder den Bus zu nehmen. Weniger fliegen. Plastik vermeiden. Aber das reicht nicht. Die zentrale Frage ist deshalb, wann die Politik reagiert. Hoffentlich möglichst bald. Wir brauchen konkrete Maßnahmen, echten Klimaschutz. Dazu gehört vor allem, Alternativen zu fördern. Statt auf Kohle lieber auf Solar- oder Windenergie setzen. Statt Autobahnen oder Autos zu bauen lieber das Straßenbahnnetz erweitern. Wie lange ich also noch weiter streiken will? Solange, bis die Politiker endlich handeln.


Aufgezeichnet von Imke Wrage.

Zur Person

Lotta Lessin

ist elf Jahre alt und geht in die sechste Klasse der Gesamtschule Bremen-Mitte, Standort Brokstraße. Zusammen mit ihren Eltern und der jüngeren Schwester lebt sie im Bremer Viertel. Wenn Lotta nicht in der Schule ist und lernt oder bei den Fridays-for-Future-Demos für eine bessere Klimapolitik auf die Straße geht, dann findet man sie auf dem Fußballplatz, im Zirkuszelt oder am Klavier.


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Leserkommentare
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Bremen99 am 21.10.2019 20:41
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