Interview über Westernreiten

„Man kam sich anfangs vor wie der Super-Film-Cowboy“

Jörg Hermann hat als Kind Reiten gelernt und wenig Spaß daran empfunden. Dann macht ihn seine Frau aufs Westernreiten aufmerksam. Ein Gespräch über Cowboys, Viehtrieb und das richtige Outfit.
15.11.2020, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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„Man kam sich anfangs vor wie der Super-Film-Cowboy“
Von Marc Hagedorn
„Man kam sich anfangs vor wie der Super-Film-Cowboy“

Jörg Hermann ist Westernreiter und Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen.

Frank Thomas Koch

Herr Hermann, was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie 200 Jahre früher und in den USA zur Welt gekommen wären? Ein Cowboy vielleicht?

Jörg Hermann: Das will ich nicht ausschließen.

War diese Frage zur Einleitung vielleicht etwas platt?

Nein, das finde ich nicht. Westernreiten hat natürlich etwas mit Cowboys zu tun. Und der Mythos Cowboy hat etwas Faszinierendes. Obwohl ich glaube, dass das Bild eines Cowboys schon sehr verklärt dargestellt und wahrgenommen wird.

Dafür haben Bücher und Filme gesorgt.

Dabei war und ist die Realität ungleich härter als dort oftmals beschrieben. Ich habe das tatsächlich auch selbst schon einmal ausprobiert. Aber natürlich 200 Jahre nach dem Wilden Westen. Ich weiß nicht, ob Sie den Film „City Slickers“ kennen …

… eine Komödie, in der drei Großstädter bei einem Viehtrieb mitmachen und Cowboy spielen …

… nachdem ich den Film gesehen hatte, wuchs der Wunsch, auch einmal bei einem Viehtrieb dabei zu sein. Hollywood hat mich zwar nicht angefordert, aber gemacht habe ich das vor gut zehn Jahren dann trotzdem.

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Wie kam das zustande?

Ich habe entfernte Verwandte in South Dakota. Der Bundesstaat hat gerade mal wieder bewiesen, dass er der perfekte Redneck-Staat ist, hier hat Donald Trump eine herausragende Quote erzielt. Meine Verwandten haben dort große Ländereien und züchten Fleischrinder. Dort haben wir einmal Urlaub gemacht. Und da beim Viehtrieb jede Hand willkommen ist, und Leute, die wissen, wie man auf einem Pferd sitzt und das nicht als reinen Gag wie bei „City Slickers“ machen, werden dann gerne eingespannt.

Und wie war’s?

Wir haben 400 Rinder plus 400 Kälber von der Sommerweide zurück zur Sammelstelle getrieben, wo sie zur Schlachtung aussortiert werden. Dabei geht’s einmal auch durch den Cheyenne River – das ist etwas, was unsere Pferde hier nicht mitmachen würden.

Das klingt nach einem Abenteuer.

Am Anfang war das tatsächlich ein großer Spaß. Es war sonnig, die Tage waren schön, das war, wie man sich das klischeehaft vorstellt: Man kam sich anfangs vor wie der Super-Film-Cowboy.

Und dann?

Nach einigen Tagen hatte man gar keine Lust mehr, im Sattel zu sitzen. Acht Stunden am Tag waren das jedes Mal, dazu kamen Kälte und Nieselregen. Und wenn die Rinder schon so viele Meilen hinter sich haben, sind die Tiere auch nicht mehr so munter, dann muss man sie nur noch schieben, schieben, schieben. Da bekommt man schließlich ein Gefühl dafür, was für eine harte Arbeit das früher gewesen sein muss beziehungsweise ja immer noch ist.

Woher kommt die Faszination dafür bei Ihnen?

Ich habe als Junge im Reitclub St. Georg das Reiten gelernt. In meiner heutigen Erinnerung bestanden die Reitstunden aus: gar keinem Spaß; aus herunterfallen vom Pferd; und aus einem Reitlehrer, der ziemlich viel gebrüllt hat. Danach habe ich dann mit dem Reiten aufgehört.

Aber die Faszination war offenbar immer noch da.

Die ist in den USA wieder geweckt worden. Ich war dort als Halbwüchsiger ein Jahr auf der Highschool in Nebraska, also so richtig auf dem platten Land. Dort gibt es noch echte Cowboys. Ein Onkel aus der Gastfamilie war Hufschmied, das alles zusammen fühlte sich, wenn man das so sagen kann, noch ein bisschen wie Wilder Westen an. Und als 16- oder 17-Jähriger ist man ja auch noch leicht zu beeindrucken.

Wann haben Sie mit dem Westernreiten in Deutschland angefangen?

Das war viel später. Ich bin durch meine Frau darauf gekommen, die davon auch schon früh fasziniert war. Westernreiten war so anders als das Reiten, das ich als Kind kennengelernt hatte, also ohne Stress, ohne runterfallen und ohne rumbrüllen.

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Was genau unterscheidet Westernreiten vom herkömmlichen Reiten?

Wenn man die Hohe Schule der Dressur sieht, kann man schon voller Bewunderung darüber staunen, wie Reiter und Pferd harmonieren, wie sie ihre Kreise und Diagonalen machen, linksherum und rechtsherum. Aber dem Laien ist, glaube ich, auf Anhieb nicht so ganz ersichtlich, was genau daran jetzt das Tolle ist, und ob das Pferd auch Spaß daran hat. Beim Westernreiten ist der Umgang mit dem Pferd lockerer. Das Fach muss auch beherrscht werden. Man muss als Reiter auch hier die Kontrolle haben, aber man überlässt dem Pferd etwas mehr.

Können Sie das genauer erklären?

Beim Englischreiten stehen die Zügel immer an, das heißt, da ist immer eine straffe Verbindung zwischen der Reiterhand und dem Maul des Pferdes, immer, immer, immer. Beim Westernreiten wird dagegen mehr mit Impulsen geritten. Das ist der wesentliche Unterschied. Wenn Sie beim Englischreiten dem Reiter auf dem Pferd zuschauen, und das Pferd trabt, dann schlägt der Schenkel des Reiters wie ein Metronom im Takt an das Pferd, klack, klack, klack.

Und beim Westernreiten?

Da ist der Zügel immer lang. Es wird nur ein Impuls gegeben. Wenn ich ziehe, soll sich etwas ändern, etwa der Kopf runtergehen, oder das Pferd soll langsamer werden. Wenn das passiert ist, lasse ich wieder los. Wenn das Pferd nach links gehen soll, gehe ich mit meinem rechten Bein ran. Wenn es das gemacht hat, ist das Bein wieder weg vom Pferd. Wenn mein Pferd also einmal in Galopp versetzt ist, müsste es eigentlich solange galoppieren, bis ich ein neues Signal sende.

Welche Rolle spielt der Wettkampf beim Westernreiten?

Auch Westernreiter messen sich. Das ist wie in jedem Sport. Man fängt klein an, man lernt dazu, egal ob im Tennis, Schwimmen oder beim Golf.

Also nichts mit Hut auf, Sattel drauf und los geht’s?

Irgendwann, das kennt jeder Sportler, will man sehen, wie gut man im Vergleich zu anderen ist. Am Anfang wird man vielleicht noch Letzter, dann Vorletzter, irgendwann steigt man eine Leistungsklasse auf und dann noch eine.

Wie lange haben Sie das mitgemacht?

Ich hatte irgendwann genug davon. Wenn man wie ich einen Beruf ausübt, in dem man bestimmte Interessen vertritt, man die Ellenbogen auch mal einsetzen, viel diskutieren und kämpfen muss – warum sollte man dann auch noch am Wochenende in der Freizeit kämpfen wollen? Darauf hatten meine Frau und ich irgendwann keine Lust mehr. Heute heißt es für uns deshalb tatsächlich: Hut auf, Sattel drauf und ab in die Wallachei. Wir reiten in Garlstedt, am Hexenberg, in Cuxhaven im Watt oder in den Dünen. Ich mache das, um zu entspannen. Auf dem Pferd kann ich wunderbar abschalten.

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Stichwort Hut und Sattel. Welche Rolle spielt die Ausrüstung, der Style?

Wenn Sie mich zum Reiten gehen sehen, trage ich Jeans und Cowboystiefel, nicht immer Hut, manchmal auch Baseball-Kappe. Bei Turnieren dagegen ist der Hut Pflicht. Da gibt es Regeln und Wettbewerbe, bei denen die Optik eine sehr große Rolle spielt, etwa beim sogenannten Western Pleasure. Die Mädchen sind dort richtig aufgebrezelt. Da ist echtes Silber am Sattel, die Mädchen sind geschminkt und tragen Paillettenblusen, wie man es vom Rodeo her kennt. Aber das ist eher eine Abstraktion vom Cowboyleben, denn im Alltag ist natürlich kein Cowboy mit Pailletten unterwegs, und das Geld für einen versilberten Sattel hat er vermutlich auch nicht.

Was ist sonst noch in Ihrem Schrank?

Natürlich der Dustcoat, also der lange Ölmantel. Den tragen die Cowboys ja nicht, damit sie wie Cowboys aussehen, sondern weil er praktisch ist, weil man einigermaßen trocken bleibt. Und ich habe mir aus den USA auch einige Chaps mitgebracht (das sind die ledernen Beinkleider, die die Hosen schützen sollen; Anmerkung der Redaktion).

Der Sattel…

… ist für uns sehr wichtig. Man kann Westernreiten theoretisch auch auf einem herkömmlichen Sattel machen. Aber beim Westernreiten muss der Sattel authentisch sein. Der Sattel ist größer, leider auch schwerer, und er hat vorne diesen Knauf, an dem man das Lasso festmachen kann. Der Knauf beziehungsweise das Sattelhorn, wie es korrekt heißt, ist ein Symbol des Westernreitens schlechthin, deshalb ist der Westernsattel im Grunde Pflicht.

Und worauf kommt es beim Pferd an?

Auch hier gilt: Theoretisch kann man mit jedem Pferd Westernreiten machen. Aber es gibt ein paar Eigenschaften, die es leichter machen. Die Arbeit am Rind, die kurzen Wendungen, die typisch sind fürs Westernreiten, oder Sliding Stopps…

… wenn das Pferd fast auf der Hinterhand sitzt und rutscht …

… das geht besser, wenn das Pferd nicht zu groß, sondern schön kompakt ist und die PS mehr auf der Hinterachse hat, also dort, wo die Muskeln sitzen. Das ist, wie Sie merken, jetzt nicht die Beschreibung für einen Hannoveraner, Oldenburger oder Friesen, wie wir sie hier in der Region in der Regel sehen. Das klassische Pferd zum Westernreiten ist das American Quarter Horse, das schon lange in Europa gezüchtet wird. Ich habe beim Viehtrieb in South Dakota Pferde erlebt, die sind den Steilhang hinunter in den Canyon gerutscht, da hätte mein Pferd in Deutschland nur noch auf den Schoß gewollt.

Was für einen Charakter haben die Tiere?

Idealerweise sind sie robust. Sie müssen schließlich in eine Rinderherde reingehen. Sie müssen außerdem eine Gelassenheit besitzen, denn sie sollen die Rinder ja nicht verrückt machen. Sie müssen aber auch Dominanz ausstrahlen, denn sie müssen das Rind bewegen können, sich durchsetzen können. Diese Eigenschaften sind übrigens auch beim Ausritt hier bei uns von Vorteil, denn auf der Straße oder auch im Wald knattert es manchmal ganz schön, und dann ist es gut, wenn das Pferd die Ruhe bewahrt.

Zum Abschluss zurück zum Anfang: Können Sie eigentlich noch Westernfilme schauen, ohne darauf zu achten, wie der Cowboy reitet?

Nein. Das ist manchmal wirklich gruselig. Wenn nach der Kneipenschlägerei die verlierende Partei nach draußen stürmt, aufs Pferd springt und sofort los galoppiert – das würde keiner von uns mit seinem Pferd aus dem Stand machen.

Das Gespräch führte Marc Hagedorn.

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Zur Person

Jörg Hermann (65) ist Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen. Der gebürtige Bremer hat in Hamburg studiert und ist von Haus aus Hautarzt. Hermann ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. In seiner Freizeit setzt sich Hermann aufs Pferd. Seine Leidenschaft ist das Westernreiten.

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Zur Sache

Westernreiten

Westernreiten hat seinen Ursprung in Amerika. Die Reitweise ist an die Arbeitsweise der Cowboys angelehnt genau wie die Ausrüstung und das Outfit. Beim Westernreiten gibt es mehr als ein Dutzend Disziplinen, etwa das Reining, abgeleitet vom amerikanischen „reins“ (Zügel). Reining gilt als populärste Disziplin. Hierbei geht es darum, rasante Lektionen präzise auszuführen, etwa Drehungen (Spins), Stopps und Rückwärtsrichten.

Die Erste Westernreiter Union Deutschland (EWU) wurde 1978 gegründet. Die EWU ist der größte Westernreitsportverband Europa und seit 1993 auf Bundesebene freier Anschlussverband der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). Die EWU Bremen/Niedersachsen e.V. ist einer der 15 Landesverbände in Deutschland und deckt den nordwestlichen Raum Niedersachsens ab. Die EWU fördert nicht nur ambitionierte Turnierreiter und Reiterinnen, sondern auch Freizeitreiter mit Jugendcamps und diversen Kursen.

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