„Wichtig ist eine feste Tagesstruktur“

Fünf Prozent der Kinder in Deutschland sollen nach Schätzungen von Forschern an einer Aufmerksamkeitsstörung leiden – sehr häufig in Kombination mit einer Hyperaktivität (ADHS). Darüber hat Sabine Doll mit Eckard Ziegler-Kirbach, Kinder- und Jugendarzt in Bremerhaven, gesprochen.
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Fünf Prozent der Kinder in Deutschland sollen nach Schätzungen von Forschern an einer Aufmerksamkeitsstörung leiden – sehr häufig in Kombination mit einer Hyperaktivität (ADHS). Darüber hat Sabine Doll mit Eckard Ziegler-Kirbach, Kinder- und Jugendarzt in Bremerhaven, gesprochen.

Kann ein Kind nicht still sitzen, wird heute schnell gesagt: Es ist hyperaktiv, hat das Zappelphilipp-Syndrom. Früher waren Kinder auch lebhaft – ist es tatsächlich immer gleich ADHS oder ADS?

Eckhard Ziegler-Kirbach: Mit den Begriffen wird in der Tat sehr ungenau umgegangen. Es gibt drei Kernsymptome: Unaufmerksamkeit, Impulsivität und – wenn wir von ADHS sprechen – die Hyperaktivität. Das zentrale Element und das größere Problem ist aber die Aufmerksamkeitsstörung.

Wie äußert sich das konkret?

Die Kinder haben Schwierigkeiten, sich über einen längeren Zeitraum sowie auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Dies wird vor allem bedeutsam, wenn Aufgaben ausgeführt werden müssen, die nicht so richtig spannend sind. Im Kindesalter betrifft dies in erster Linie die Schule.

Können Sie ein Beispiel dafür geben?

Nehmen wir das zweite Halbjahr in der zweiten Klasse: Die Grundrechenarten sind eigentlich alle bekannt, auch der Leselehrgang ist abgeschlossen. Wenn Kinder gute Strategien haben, können sie es über einen langen Zeitraum kompensieren, dass sie beispielsweise mehrere Buchstaben nicht lesen können. Sie wissen genau: Wenn unten links ein bestimmtes Bild ist, muss ich oben rechts lesen: „Anton hat ein Auto“. Müssen aber Buchstaben zu neuen Wörtern zusammengesetzt werden, scheitern sie möglicherweise daran.

Fallen die Aufmerksamkeitsdefizite und dadurch ausgelöste Lernschwächen sofort auf?

Das ist ja das große Problem. Bleiben wir bei dem beispielhaften Fall: In der Grundschule werden die meisten Sachen in den ersten beiden Jahren noch sehr oft wiederholt. Ein durchschnittlich intelligentes Kind, das nur mäßig aufpassen kann, weiß genau, worum es geht, und kann den Stoff sehr gut nachvollziehen.

Das bleibt aber nicht so...

Nein, irgendwann reichen die kurzen Aufmerksamkeitsepisoden nicht mehr aus, um zu kompensieren. Je nach Unterrichtsverlauf und individueller Begabung des Kindes gibt es unterschiedliche Belastungspunkte im Laufe der Schulkarriere. Zum Beispiel der Wechsel von der vierten zur fünften Klasse, wenn eine neue Fremdsprache dazukommt, oder später in der Oberstufe. Wenn also die Belastungen größer werden und der Anspruch an die Daueraufmerksamkeit erheblich steigt, dann fällt die Störung mehr auf. Trotz guter Intelligenz können mögliche Leistungen nicht voll erbracht werden.

Sind die Symptome in jedem Alter gleich?

Die sichtbaren Symptome verändern sich im Laufe des Lebens: Im Säuglingsalter können das Blickprobleme, schnelle Blickbewegungen oder heftiges Schreien sein. Im Kindergartenalter geht es mit dem wilden Toben los. Regeln werden nicht akzeptiert. In der Schule sind es Lernprobleme, die Kinder werden durch ihr hyperaktives Verhalten zu Außenseitern. Im Jugendalter werden sie eher ruhiger, die Hyperaktivität ist also nicht mehr so sichtbar. Mit der Folge, dass häufig die Fehleinschätzung kommt: Das wächst sich aus. Doch da die Störung zu großen Teilen genetisch bedingt ist, verschwindet sie nicht. Das äußere Erscheinungsbild verändert sich.

An wen wenden sich Eltern?

Der erste Ansprechpartner ist der Kinder- und Jugendarzt. Der Vorteil: Es besteht bereits ein Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Arzt. Außerdem hat er über die Kindervorsorge-Untersuchungen einen guten Einblick in die Vorgeschichte. Daneben gehören Verhaltensbeobachtungen, Befragungen der Eltern und der Lehrer und auch neurologische Untersuchungen zur Diagnostik. Das Vorgehen ist in Leitlinien festgelegt. In besonderen Fällen kann der Kinder- und Jugendarzt an spezialisierte Kollegen oder an einen Kinder- und Jugendpsychiater überweisen. Jeder ist hin und wieder unkonzentriert, impulsiv und auch lebhaft. Damit lässt es sich in den meisten Fällen dennoch gut leben.

Wann wird ADHS zum Problem?

Bei der Störung handelt es sich um eine quantitative Problematik: Wie oft sind wir unaufmerksam? Wie oft impulsiv? Und wie sehr beeinträchtigt uns das? Es ist wichtig, die Diagnose zu stellen – damit man weiß, was eigentlich los ist. Ohne Leidensdruck würden wir aber nicht aktiv werden im Sinne einer Behandlung.

Wie sieht die Therapie aus?

Von außen betrachtet beginnt das ganz unspektakulär: Die Kinder sind zum Beispiel durch die Aufmerksamkeitsschwäche leicht ablenkbar. Deshalb ist es wichtig, zu Hause eine reizarme Umgebung zu schaffen, etwa beim Hausaufgabenmachen. Ablenkungsmöglichkeiten müssen gering gehalten werden. Schwierig wird es, wenn überall Verlockungen wie Fernseher oder Playstation herumstehen. Ebenso wichtig ist eine vorgegebene Zeitstruktur. Die Kinder brauchen mehr Begleitung und Führung, oft sehr subtil, vom Kind kaum bemerkt. Das heißt etwa: Die Eltern sollten dem Kind Aufgaben und Arbeit nicht abnehmen, sie dürfen die Anstrengung verlangen und dann wertschätzend belohnen.

Die Kinder profitieren also von einer festen Tagesstruktur?

Wie alle anderen Kinder übrigens auch – diese Kinder brauchen es aber ganz besonders. Das ist ein Rettungsanker. Man muss sich aber auch das erweiterte Umfeld anschauen: Ob zum Beispiel Lern- und Schulform angemessen sind oder andere Teilleistungsstörungen vorliegen. Und es geht um die Frage: Wie strukturiert sind überhaupt die Eltern? Können sie das umsetzen, was wir Ärzte von ihnen verlangen? Immerhin handelt es sich um eine genetisch bedingte Störung; nicht selten erleben wir, dass die Eltern ebenfalls betroffen sind.

Welche Rolle spielen Medikamente wie Ritalin?

Für Kinder, bei denen die verhaltensstrukturierenden Maßnahmen nicht ausreichen, sind sie sehr wichtig. Viele Eltern haben aber Angst, dass die Medikamente ihre Kinder ruhigstellen oder sogar ihre Hirnleistungen einschränken könnten.

Was macht Ritalin genau?

Es besteht kein Grund zur Sorge, sondern zur Sorgfalt. Die Medikamente führen dazu, dass adäquate Mengen an Botenstoffen im Gehirn freigesetzt werden und zur Informationsübertragung bereit sind. Adäquate Menge heißt, dass es individuell dosiert sein muss. Wenn man mithilfe einer passend dosierten medikamentösen Therapie diesen Mangel beheben kann, haben die Kinder eine gute Aufmerksamkeitsmöglichkeit.

Wie lange werden die Medikamente eingenommen?

Die medikamentöse Therapie ist in jenen Zeiten erfolgreich, in denen intensiv sogenanntes prozedurales Lernen stattfindet. Wenn die Kinder darin im frühen Grundschul- oder Jugendalter unterstützt werden, müssen sie das nur eine begrenzte Zeit machen. Es geht um einige Jahre, in denen beispielsweise Lernstrategien erarbeitet werden und die Kenntnisse, wie man sich strukturiert. Unter der medikamentösen Therapie fällt es leichter, diese Strategien dauerhaft zu erlernen.

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