In seinem Buch "Die schönsten Jahre" erzählt Christoph Schminck-Gustavus deutsch-italienische Geschichte

Wie Attilio Buldini überlebt hat

Die Bremer Gefangenenlager aus dem Zweiten Weltkrieg sind bis vor kurzem noch kaum bekannt gewesen. Christoph Schminck-Gustavus hat über Zwangsarbeit geforscht und ein italienisches Ehepaar kennengelernt, das seine Arbeit stark beeinflusst hat.
07.12.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Katharina Delling

Die Bremer Gefangenenlager aus dem Zweiten Weltkrieg sind bis vor kurzem noch kaum bekannt gewesen. Nur eines davon ist inzwischen eine Gedenkstätte. Christoph Schminck-Gustavus hat über Zwangsarbeit geforscht und ein italienisches Ehepaar kennengelernt, das seine Arbeit stark beeinflusst hat.

25. Juli 1943: König Viktor Emanuel III. lässt Benito Mussolini verhaften. Kurz zuvor hat der Große Faschistische Rat den italienischen Diktator abgesetzt. Hier beginnt die wahre Geschichte des Ehepaares Gigina und Attilio Buldini, die der Schwachhauser Rechtshistoriker Christoph Schminck-Gustavus in seinem Buch „Die schönsten Jahre. Chronik einer Liebe 1943-1945“ erzählt.

Zum Ende der Ausstellung „Russenlager und Zwangsarbeit in Bremen – Bilder und Erinnerungen sowjetischer Kriegsgefangener“ im Haus der Wissenschaft hat der Universitätsprofessor in seiner Lesung „Italienische Kriegsgefangene in Bremer Lagern“ die damalige Lage in Bremen und das Leiden der Zwangsarbeiter anhand von bewegenden Zitaten und Bildern dargestellt.

Lohn steht heute noch aus

Anfang der 1980er-Jahre hatte Schminck-Gustavus auf einer Tagung einen polnischen Wissenschaftler kennengelernt, der ihm seine Arbeitskarte aus dem Zweiten Weltkrieg zeigte. Er war 14 Jahre alt gewesen, als er aus seiner Heimat nach Deutschland deportiert wurde, um hier zu arbeiten.

Christoph Schminck-Gustavus, der bis dato wenig über die Zwangsarbeiter gewusst hatte, fing an zu recherchieren, wollte herausfinden, ob es auch in Bremen Kriegsgefangenenlager gegeben hatte.

Im Staatsarchiv fand er einige Antworten, unter anderem die, dass bis heute noch Lohnzahlungen an damalige Zwangsarbeiter ausstehen. Bei Gesprächen mit Bremer Bürgerinnen und Bürgern hörte er meistens „die sind freiwillig gekommen“ oder „wir hatten ein gutes Verhältnis zu den Arbeitern, die hatten es immer gut bei uns“. Manche leugneten, dass es überhaupt Kriegsgefangenenlager in Bremen gegeben hatte.

Forschungssemester in Bologna

Während seines Forschungssemesters in Bologna nahm der Bremer Rechtshistoriker an einer Gedenkveranstaltung teil, bei der er Gigina Buldini kennenlernte. Sie lud ihn zu sich nach Hause ein, wo er ihren Mann Attilio traf, der von 1943 an 22 Monate als Zwangsarbeiter in Bremen festgehalten worden war.

Als nach Mussolinis Verhaftung im Juli 1943 klar geworden war, dass Italien aus dem Achsenbündnis aussteigen würde, plante die deutsche Regierung die Gefangennahme der italienischen Soldaten nach Ausruf des Waffenstillstands am achten September desselben Jahres.

„Den italienischen Soldaten wurde gesagt, sie müssten die Waffen abgeben und dürften dann zurück in ihre Heimat fahren“, erzählt Schminck-Gustavus. Tatsächlich wurden die 700 000 Italiener in Viehwaggons in deutsche Arbeitslager gebracht. In einem dieser Transporte saß auch Attilio Buldini.

Das erste Lager, in das er kam, befand sich in Bremervörde. Die von dem Transport erschöpften Gefangenen mussten vom Bahnhof Bremervörde bis zum Lager noch zwölf Kilometer laufen, wobei sie auf dem Weg von Kindern mit Steinen beworfen und als „Badoglio-Schweine“ beschimpft wurden.

Arbeitslager in der Vahr

Nach vier Wochen brachte man Attilio Buldini in die Vahr, in das zweite Arbeitslager. Hier musste er an sieben Tagen in der Woche Bombenschäden in der Kanalisation beheben oder Luftschutzbunker ausbessern. „Bei Bombenangriffen mussten die Zwangsarbeiter die Bunker jedoch verlassen, um Platz für die Deutschen zu machen“, gibt der Professor Attilio Buldinis Worte wieder.

Die längste Zeit seiner Gefangenschaft verbrachte er jedoch im heutigen Haus Blomendal. Einige der Gebäude von damals stehen dort noch heute – jedes Jahr heiraten zahlreiche Brautpaare dort. In diesem letzten Lager entging Attilio Buldini nur durch einen Zufall dem Hungertod.

Frau Neumann, die bis in die 1990er-Jahre Hausmeisterin im Haus Blomendal war, hörte, dass der Italiener ein gelernter Friseur war, und ließ ihn die Haare ihrer Kinder schneiden. Bei ihr bekam er dann regelmäßig etwas zu essen, was ihm das Leben rettete. Nach der Rückkehr zu seiner Frau weigerte sich Attilio Buldini zunächst, das Haus zu betreten, sodass er und Gigina einige Wochen im Keller verbrachten.

Einladung nach Bremen

Vor seinem Tod im Jahre 1987 lud Christoph Schminck-Gustavus ihn und seine Frau nach Deutschland ein, besuchte gemeinsam mit ihnen Frau Neumann und die Überreste der Gefangenenlager, in denen der Italiner 22 Monate seines Lebens verbracht hatte. Als das Buch „Die schönsten Jahre. Chronik einer Liebe 1943-1945“ erschien, war Attilio Buldini bereits tot. Das einstige Gefangenenlager in Bremervörde ist vor zwei Jahren zur Gedenkstätte geworden.

Christoph Schminck-Gustavus ließ das Publikum im Haus der Wissenschaft, das gebannt zuhörte, immer wieder Zitate selbst lesen, begleitet von mitreißender Klaviermusik. Einige von Attilio Buldinis Schilderungen las der Historiker auch selbst vor. Die Nähe, die er zu dem italienischen Ehepaar im Lauf der Zusammenarbeit und Freundschaft entwickelt hatte, übertrug sich auf das Publikum.

Das Buch „Die schönsten Jahre. Chronik einer Liebe 1943-1945“ und weitere Bücher von Christoph Schminck-Gustavus sind im Buchhandel erhältlich.

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