Offene Ateliers in der Neustadt Wie aus Altem Neues entsteht

Was da von der Decke herunterhängt, ist ein Kronleuchter, aber irgendetwas an ihm ist ungewöhnlich. Auf den zweiten Blick wird klar, was: Die durchsichtigen Röhrchen, aus denen der Leuchter besteht, sind Reagenzgläser.
07.05.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Wie aus Altem Neues entsteht
Von Nikolai Fritzsche

Was da von der Decke herunterhängt, ist ein Kronleuchter, aber irgendetwas an ihm ist ungewöhnlich. Auf den zweiten Blick wird klar, was: Die durchsichtigen Röhrchen, aus denen der Leuchter besteht, sind Reagenzgläser. Wie kommt man denn auf so eine Idee?

Stefanie Neumann arbeitet gerade an einem Projekt für ein Forschungsinstitut in Bremerhaven. „Die haben mir kistenweise gebrauchte Petrischalen, Metallhülsen und eben Reagenzgläser geliefert.“ Das Institut will die Aufenthaltsräume für seine Mitarbeiter neu gestalten und hat die 36-Jährige damit beauftragt, ein Modell zu bauen. Die Gestaltung soll die Arbeit des Instituts widerspiegeln und deshalb Forschungsmaterial einbeziehen.

Am 9. Mai, wenn Künstler und Kunsthandwerker in der Neustadt ihre Ateliers und Werkstätten öffnen, ist Stefanie Neumann zum ersten Mal dabei. Seit Februar arbeitet sie in den Räumen in der Nähe der Neustadtswallanlagen, die sie selbst als Atelierwerkstatt bezeichnet. Atelier und zugleich Ausstellungsfläche ist der große Raum, der zur Straße hin zeigt. Prototypen wie der Kronleuchter aus Reagenzgläsern oder eine Sitzecke aus Euro-Paletten hängen von der Decke oder stehen in einem der Schaufenster. Das andere Schaufenster füllen Zeichnungen der Künstlerin Maike Harich, mit der Stefanie Neumann sich das Atelier teilt. „An dem Schreibtisch da hinten entstehen die Entwürfe am Computer“, sagt Stefanie Neumann.

Die Werkstatt befindet sich weiter hinten im Gebäude. Sägen und Bohrmaschinen stehen zwischen Holzbrettern, Latten und anderem Werkmaterial, es riecht nach Sägemehl und Leim. Hier baut die Designerin Prototypen. „Wenn von einem Entwurf eine größere Stückzahl hergestellt werden soll, beauftrage ich eine externe Schreinerei.“

Dazwischen liegen eine gemütliche Küche und ein Büro, in das verschiedene Kreative sich eingemietet haben, die nicht nur zu Hause arbeiten wollen. „Der Austausch tut allen gut, so schmort man nicht allein im eigenen kreativen Saft“, findet Stefanie Neumann. Gemeinsam werden alle, die dort arbeiten, bei den „Offenen Ateliers“ Besucher durch die Räume führen. „Mittags machen wir hier Suppenküche, am Nachmittag gibt es Livemusik“, sagt Stefanie Neumann.

Sie freut sich darauf, Besuchern zu zeigen, wo und wie sie arbeitet. Nach einer Lehre als Holzbildhauerin und einem Design-Studium an der Bremer Hochschule für Künste hat sie sich auf Interior Design spezialisiert, also die Gestaltung von Innenräumen. Dabei arbeitet sie bevorzugt mit gebrauchten Materialien, denn alte Dinge haben es der gebürtigen Rheinland-Pfälzerin angetan. „Ich verbringe viel Zeit auf Flohmärkten“, erzählt sie. „Es werden so viele Dinge weggeworfen, in deren Fertigung viel Liebe gesteckt wurde. Ich versuche, diese Dinge zu retten und ihnen einen neuen Platz zu geben.“

Vom Flohmarkt kehrt die Designerin oft mit alten Suppenschüsseln und handbemalten Teekannen heim. In ihrer Werkstatt bohrt sie Löcher für die Kabel ins Porzellan und verwandelt das Geschirr in Lampen. Einige Exemplare sind ebenfalls im Atelier zu sehen.

Upcycling lautet die Bezeichnung dafür, aus Gegenständen, die für ihren ursprünglichen Zweck ausgedient haben, etwas Neues zu machen. Upcycling ist auch das, was Stefanie Neumann bei ihrem aktuellen Projekt tut, denn die Petrischalen und Reagenzgläser sind von den Forschern benutzt und dann ausgesondert worden.

Wie aus Altem Neues wird, können Besucher am Sonnabend, 9. Mai, zwischen 11 und 19 Uhr in der Neustadtscontrescarpe 44a sehen. An fast 40 weiteren Stationen gewähren Künstler und Kunsthandwerker in der Neustadt zur gleichen Zeit ebenfalls Einblicke in ihre Arbeit: Fotokunst, Malerei, Bildhauerei, Buchbinderei, Textil-, Keramik-, Glas-, Schmuck-, Grafik- und Produktdesign sind dabei.

Der Tag der offenen Ateliers bietet die Gelegenheit zu einer abwechslungsreichen Entdeckungstour durch die Neustadt, ob zu Fuß oder mit dem Rad. Unter www.offene-ateliers-bremen-neustadt.de sind ein Stadtplan mit allen Stationen sowie Beschreibungen der Ateliers zu finden.

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