Engagement und Kritik an Behörden

Wie Bremen den Flüchtlingen hilft

Die Bereitschaft der Bürger, geflüchtete Menschen willkommen zu heißen und sie zu unterstützen, ist riesig. Dennoch sind sich viele nicht sicher, wohin sie sich mit ihren Sach- und Geldspenden oder ihrem ehrenamtlichen Engagement wenden sollen.
09.09.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Hauke Hirsinger Sabine Doll

Die Bereitschaft der Bürger, geflüchtete Menschen willkommen zu heißen und sie zu unterstützen, ist riesig. Dennoch sind sich viele nicht sicher, wohin sie sich mit ihren Sach- und Geldspenden oder ihrem ehrenamtlichen Engagement wenden sollen.

Grundsätzlich kann natürlich alles gespendet werden, was der Mensch zum Leben braucht, doch es kann auch zu viel des Guten sein. Was sich zunächst paradox anhört, ist eine Tatsache, mit der sich die Mitarbeiter von Flüchtlingsunterkünften bisweilen konfrontiert sehen. Abhilfe können beispielsweise die Facebook-Gruppe „Flüchtlingshilfe-Bremen“ und die Internetplattform „Gemeinsam in Bremen“ schaffen. Sie bieten Unterstützung dabei, die unterschiedlichen Hilfsangebote zu koordinieren und dafür zu sorgen, dass die Spenden auch dort ankommen, wo sie wirklich gebraucht werden. Wer im Internet nicht so trittfest ist, kann auch bei den Flüchtlingseinrichtungen vorstellig werden und sich nach deren Bedarfen erkundigen. „Es kommen immer wieder Menschen zu unseren Unterkünften und bieten ihre Hilfe direkt vor Ort an. Das ist auch für unsere Mitarbeiter toll“, sagt Berthold Reetz, Bereichsleiter Flüchtlingshilfe bei der Inneren Mission. „Sie haben dann nicht das Gefühl, allein zu sein, sondern dass die ganze Stadt hinter ihnen steht.“

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Eine besondere Form von Ehrenamt ist die Übernahme einer Vormundschaft. Der Verein Fluchtraum hat sich darauf spezialisiert, solche Vormundschaften für unbegleitete Minderjährige zu vermitteln. „Die Bereitschaft der Bremer, sich in diesem Bereich zu engagieren, ist im Augenblick sehr groß“, freut sich Sylvia Pfeifer von Fluchtraum. Der Andrang an Interessierten sei so stark, dass man bei ihrer Einweisung bereits am Limit sei. „Dennoch wünsche ich mir natürlich weiterhin ganz viele Menschen, die sich für unbegleitete Minderjährige und ihre Rechte stark machen.“

Im Bereich der Beratung von Flüchtlingen droht Bremen an seine Grenzen zu stoßen, kritisiert Marc Millies vom Flüchtlingsrat: „Geflüchtete und ehrenamtliche Helfer wollen viel über die rechtlichen Rahmenbedingungen wissen. Das ist für die Zukunft der Menschen von höchster Wichtigkeit.“ Der Staat verweise in diesem Bereich aber vor allem auf ehrenamtliche Angebote. Damit könnten Rechts- und Asylberatung für Flüchtlinge jedoch nicht ausreichend gewährleistet werden, so Millies. Ähnlich sieht es Anna Schröder von der Flüchtlingsinitiative. Sie berät Flüchtlinge zu Themen wie Abschiebung und Duldung. „Unser Arbeitspensum ist massiv gestiegen.“ Das sei ein Problem, weil die Flüchtlingsinitiative beinahe der einzige Anbieter solcher Beratungen sei. Von staatlicher Seite gebe es keine kostenlose, unabhängige Rechtsberatung für geflüchtete Menschen.

Große Hilfsbereitschaft melden auch der Katholische Gemeindeverband Bremen und die Bremische Evangelische Kirche (BEK). Fahrradwerkstätten, Hilfe bei Behördengängen, Kleiderkammern, fremdsprachige Gottesdienste. „Es gibt viele Angebote in den Stadtteilen“, sagt Schwester Cornelia Bührle, deren Stelle als Beauftragte für Migration und Integration beim Katholischen Gemeindeverband extra geschaffen wurde. Es gebe auch Wohnungen, in denen Flüchtlinge untergebracht seien. Wie viele genau, könne sie aber nicht sagen.

Die Evangelische Kirche sieht Defizite in der Sozialbehörde bei der Suche nach freien Wohnungen in den Kirchengemeinden. „Es gab einen generellen Aufruf von der Behörde, allerdings fehlten konkrete Angaben, was genau benötigt wird, wie die Betreuung der Flüchtlinge in solchen Unterkünften aussehen sollte und andere Kriterien“, sagt BEK-Sprecherin Sabine Hatscher. „Das hätten wir uns konkreter gewünscht.“

Gemeindezentren zu schließen, um dort Flüchtlinge unterzubringen, sei schwierig. Dort laufe der Gemeindebetrieb und es gebe keine passenden Sanitäranlagen. Einige Gemeinden hätten Flüchtlinge in Wohnungen oder Pfarrhäusern aufgenommen. So wie Pastorin Sabine Kurth in Walle. Auch sie habe „nicht so gute Erfahrungen“ mit der Behörde gemacht. „Unser Pfarrhaus stand ein Dreivierteljahr leer, das haben wir immer wieder gemeldet. Aber die Prüfung lief sehr schleppend.“ Nach mehreren Versuchen habe es dann geklappt: Inzwischen seien dort vier unbegleitete Minderjährige untergebracht. Bernd Schneider, Sprecher der Sozialbehörde, weist die Kritik zurück: „Es gibt ein Meldesystem für privaten Wohnraum, da ist jeder frei, verfügbaren Platz anzugeben.“

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