Wie soll man die Corona-Lernlücken schließen?

Nachhilfe gegen Corona-Lernlücken Bremer Schüler

Durch die Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie fehlt den Schülern fast ein Schuljahr, sagt die Bremer Bildungsbehörde. Nun will man die Lernlücken auch mit Nachhilfe stopfen.
13.04.2021, 21:19
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Nachhilfe gegen Corona-Lernlücken Bremer Schüler
Von Joerg Helge Wagner
Nachhilfe gegen Corona-Lernlücken Bremer Schüler

Durch den häufigen Distanzunterricht und häusliches Lernen habe man etliche Schülerinnen und Schüler "verloren", sagt der Personalrat Schulen.

Ulrich Perrey / dpa

Mehr als drei Monate lang war der Unterricht in diesem Schuljahr wegen der Corona-Pandemie „massiv beeinträchtigt“, im vorigen Schuljahr waren es 21 Wochen. Diese Zahlen nennt die Bremer Bildungsbehörde und weist darauf hin, das diese „Zeit unsteter Beschulung“ fast einem Schuljahr entspreche. Der Personalrat Schulen drängt deshalb auf eine „generelle Anpassung der Lehrpläne an die Pandemie“, während der Zentrale Elternbeirat (ZEB) die Politik auffordert, „Angebote zu schaffen, um die Lücke aufzuholen“. Diese Angebote könnten für die Schüler auch freiwillig sein.

Zudem wird inzwischen diskutiert, die Schuljahre während der Pandemie zu strecken. So könnte man das laufende Schuljahr um ein halbes Jahr verlängern und auch das kommende Schuljahr über 1,5 Jahre dehnen. "Dann wäre man wieder im Rhythmus“, sagen Befürworter. In der Bremer Bildungsbehörde gibt es allerdings noch keine entsprechenden Überlegungen.

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Dabei machen Quarantänezeiten von Schülern und Lehrkräften die Lernlücken noch größer. Zudem sei der Anteil „problematischer Lerner und Lernerinnen“ in Bremen höher als in anderen Bundesländern, betont Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD). In der Folge werde beim häuslichen Lernen und Distanzunterricht die soziale Spaltung weiter verschärft: Die Bildungsverluste hätten so am Ende auch volkswirtschaftlich „einen dämpfenden Effekt“.

Diese Befürchtung teilt man offenbar auch im Bundesministerium für Bildung und Forschung. Ministerin Anja Karlicek (CDU) vermutet, dass 20 bis 25 Prozent der Schüler große bis dramatische Lernrückstände haben. Deshalb plant sie ein Bund-Länder-Programm für Nachhilfe-Unterricht in den Kernfächern Deutsch und Mathematik, vielleicht auch in der ersten Fremdsprache. Umfang: etwa eine Milliarde Euro, Bremen würde davon voraussichtlich rund zehn Millionen Euro erhalten. Zielgruppe sind Schüler, bei denen ein Wechsel bevorsteht – entweder auf eine weiterführende Schule oder in eine Ausbildung. Allerdings würden die zusätzlichen Förderangebote erst zum kommenden Schuljahr bereitgestellt – die Verhandlungen zwischen Bund und Ländern sind gerade einmal gestartet.

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In Bremen bemüht man sich unterdessen mit verschiedenen Mitteln, den aktuellen Lernstand zu erheben. Das betrifft vor allem die Jahrgangsstufen 1 bis 7. Wie groß die Lernrückstände sind, sei jedoch „nicht bezifferbar“. Genau Kriterien zu entwickeln wäre eine Aufgabe innerhalb des Bund-Länder-Programms, heißt es seitens der Bildungsbehörde.

„Belastbare Zahlen zum Lernerfolg haben wir nicht“, sagt auch Jörn Lütjens, Vorsitzender des Personalrats Schulen. Doch manche Schüler drohten, „verloren zu zu gehen“: Sie hätten durch das Distanzlernen den Anschluss verloren, und die Lehrkräfte hätten gar nicht die Zeit, dies durch besondere Unterstützung nach den Ferien auszugleichen. „Distanzunterricht und Halbgruppenunterricht bedeuten bereits ständige Mehrarbeit“, klagt der Lehrervertreter. Karlicek will deshalb auch private Nachhilfe-Anbieter in ihr Programm einbinden.

Für Lütjens ist es deshalb auch „beinahe wie Irrwitz, dass die Senatorin dazu aufforderte, alle vor dem Sommer verpassten Inhalte mit den Schülerinnen und Schülern nachzuholen und zusätzlich alle Inhalte des Schuljahres 2020/21 zu behandeln“. Dass die Lücken „gigantisch“ sind, räumt auch der ZEB-Vorsitzende Martin Stoevesandt ein. Doch er warnt davor, die Anforderungen dauerhaft zu senken: „Es ist das eine, 2021 für die Zentralen Abschlussprüfungen anzuordnen, dass der Unterricht möglichst nur prüfungsrelevante Themen betreffen soll. Es ist etwas völlig anderes, das Curriculum insgesamt auszudünnen, gar für das nächste Schuljahr oder das Abi 2022.“ Der ZEB sei „ganz klar gegen Alleingänge von Bremen“.

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Das Bildungsressort verweist auf diverse Initiativen, die man bereits angeschoben habe, etwa die sogenannten Lernferien an Grund- und Oberschulen in den Oster- und Sommerferien. Um Schülern mehr Lernzeit und Unterstützung in der Phase vor Prüfungen zu bieten, sei zudem seit Ende Januar das Team des Vereins Chancenwerk im Auftrag der Senatorin im Einsatz.

Private Nachhilfe-Anbieter profitieren bislang offenbar nicht von den Lernlücken: „Die Nachfrage ist seit November eher rückläufig, wir haben rund 20 Prozent weniger Anmeldungen“, sagt Gerald Rachner vom Institut Abacus. Viele Eltern setzten aus, „weil in den Schulen ohnehin gerade wenig passiert“. Bei Kurzarbeit oder Jobverlust spare man dann sowieso.

Von einer „wellenförmigen Nachfrage“ spricht Thomas Momotow vom Anbieter Studienkreis, der in Bremen sieben Filialen betreibt. In Bremen sehe es im Vergleich zu Niedersachsen ganz gut aus. Denn hier dürfe man bislang Präsenzunterricht anbieten, in Niedersachsen nur Distanzunterricht via Videochat. „Das spielt eine Rolle, schon in Achim klagen Kunden ja über zu schwaches Wlan.“ Rachner registrierte bei Eltern auch Vorbehalte gegen Online-Nachhilfe, „weil ihre Erfahrungen mit dem schulischen Distanzunterricht so schlecht waren“.

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Angebot zum Lernpakt

In einem Offenen Brief haben sich die Geschäftsführer der sechs größten privaten Nachhilfe-Anbieter schon im Februar an die Bildungsminister von Bund und Ländern gewandt. Darin bieten sie eine gemeinsame Bildungsoffensive an: „Wir können für die Schüler und Schülerinnen das Schuljahr noch retten!“ Man verfüge über rund 3000 Nachhilfeschulen mit etwa 30.000 Lehrkräften und unterrichte jährlich fast eine halbe Million Kinder und Jugendliche.

Vorgeschlagen werden drei Förderprogramme: eine für die Eltern kostenlose Sofort-Nachhilfe von zehn bis 20 Doppelstunden, eine schulbegleitende Förderung von ein bis zwei Doppelstunden pro Woche bis zum Schuljahresende und eine Sommerschule zur Wiederholung und Sicherstellung der Grundlagen für das nächste Schuljahr. Mit einer Fördersumme von etwa 100 Millionen Euro könnten in einer bundesweiten Sommerschule die Lernlücken von 200.000 Schülern deutlich reduziert werden – das entspreche einem Aufwand von 500 Euro pro Schüler, rechnen die Absender vor.

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