Notstand in der Pflege

Wie Bremen mehr Kapazitäten in der Kurzzeitpflege schaffen will

Bundesweit und auch in Bremen gibt es immer weniger Plätze für die Kurzzeitpflege. Sie soll pflegende Angehörige entlasten. Was die Sozialbehörde dagegen unternehmen will.
17.01.2020, 20:12
Lesedauer: 3 Min
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Wie Bremen mehr Kapazitäten in der Kurzzeitpflege schaffen will
Von Sabine Doll
Wie Bremen mehr Kapazitäten in der Kurzzeitpflege schaffen will

Seit 2015 ist das Angebot an Kurzzeitpflegeplätzen in Bremen um 25 Prozent zurückgegangen.

Alexander Raths

Knapp 30.000 Menschen im Land Bremen sind nach Zahlen der Sozialbehörde pflegebedürftig, gut die Hälfte von ihnen werde zu Hause gepflegt – von (Ehe-)Partnern, Kindern oder anderen nahestehenden Menschen. Je nach Pflegebedürftigkeit bedeutet dies eine große körperliche und auch psychische Belastung. Damit Angehörige eine Auszeit nehmen können, gibt es die sogenannte Kurzzeitpflege, die von den Pflegekassen unabhängig von anderen Leistungen bis zu acht Wochen im Jahr bezahlt wird. Sie soll Pflegende entlasten, vor allem auch dann, wenn sie selbst krank werden, wenn es eine akute Krisensituation in der häuslichen Pflege gibt oder auch nach einem Krankenhausaufenthalt. Soweit der Plan. Doch dieser geht immer seltener auf. Bundesweit – und damit auch in Bremen – herrscht akuter Mangel an Kurzzeitpflegeplätzen.

Rapider Abbau von Kurzzeitpflegeplätzen

„Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen nimmt zu, damit steigt der generelle Bedarf an Pflegeplätzen, auch in der Kurzzeitpflege“, sagt Bremens Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) dem WESER-KURIER. „Erschwerend kommt hinzu, dass die Zahl der Plätze in der Kurzzeitpflege seit Januar 2015 um 66 abgebaut worden ist. Das entspricht einem Minus von 25 Prozent. Besonders für Menschen mit hohem Pflegegrad ist es oftmals schwierig, einen Platz zu finden.“ Nach Angaben der Behörde gibt es aktuell im Land Bremen 202 Kurzzeitpflegeplätze in 13 Einrichtungen. Dazu komme eine Reihe sogenannter Streubetten, deren Zahl aber nicht erfasst werden könne. Streubetten seien Plätze in Einrichtungen der Dauerpflege, die bei freien Kapazitäten Menschen mit Bedarf an Kurzzeitpflege aufnehmen.

Jeder fünfte Bremer, der eine Kurzzeitpflege benötigt, wird nach Angaben der Senatorin in Niedersachsen aufgenommen. Stahmann: „Das mag zum Teil daran liegen, dass die Menschen am Stadtrand leben und eine niedersächsische Einrichtung besser erreichbar ist als die nächste mit freien Plätzen in Bremen. Das spiegelt aber mit Sicherheit in einem erheblichen Umfang auch den Platzbedarf in Bremen wider.“

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Aber auch in Niedersachsen und den anderen Bundesländern ist die Situation ähnlich. Angehörige müssten häufig lange auf einen freien Kurzzeitpflege-Platz warten, kritisiert der Vorsitzende der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Rund 2,6 Millionen ambulant versorgte Pflegebedürftige und zahlreiche Krankenhauspatienten konkurrierten um noch bundesweit 41 700 Plätze. Nicht einmal jedes zehnte Heim biete überhaupt noch Kurzzeitpflege an.

Für den Mangel und den Abbau von Plätzen gibt es nach Einschätzung von Experten mehrere Ursachen: „Die Kurzzeitpflege kann oftmals nicht wirtschaftlich und kostendeckend betrieben werden, da der organisatorische und pflegerische Aufwand nicht auskömmlich finanziert wird“, sagt der Vorstandssprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Bremen, Arnold Knigge. Die Pflegedienstleister forderten deshalb eine bessere Vergütung der Pflegeleistungen. „Und es wäre durchaus zu begrüßen, wenn künftig auch Krankenhäuser Kurzzeitplätze zur Verfügung stellen würden“, fordert Knigge. Bislang kann Kurzzeitpflege nur im Pflegeheim angeboten werden.

Höhere Leistungsvergütung gefordert

Der Mangel an Kurzzeitpflege-Plätzen und der Ausbau des Angebote stand im November vergangenen Jahres auch auf der Tagesordnung der Konferenz der Arbeits- und Sozialminister in Rostock: In einem Antrag, der einstimmig beschlossen wurde, fordern die Länderminister eine höhere Vergütung der Leistungen. Zudem soll geprüft werden, ob es künftig auch Krankenhäusern erlaubt wird, Kurzzeitpflege anzubieten. Bremen und Niedersachsen gehörten zu den Antragstellern.

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Unabhängig von diesem Appell an die Bundesregierung will Bremen auf Landesebene aktiv werden. Pflegeeinrichtungen seien allerdings keine staatlichen Einrichtungen, das Angebot werde von Trägern der Wohlfahrtsverbände und gewerblichen Trägern geschaffen. „Wir sehen aber den zusätzlichen Bedarf“, betont Bremens Sozialsenatorin. „Der Landespflegeausschuss hat einen Beirat eingesetzt, der Empfehlungen formulieren soll, wie sich die Versorgung mit Plätzen der Kurzzeitpflege verbessern lässt.“ Diesem Ausschuss gehören unter anderem Vertreter der zuständigen Behörde, der Pflegeeinrichtungen und der Pflegekassen an. Stahmann: „Eine gut ausgebaute Kurzzeitpflege ist ein wichtiges Instrument, um die Dauerpflege wenigstens hinauszuzögern. Sie trägt dazu bei, dass Menschen ihrem Wunsch entsprechend länger zu Hause leben können.“

Die Probleme in der Kurzzeitpflege haben inzwischen auch die Parteien auf Bundesebene erkannt. Die Koalitionsfraktionen von Union und SPD hatten Ende vergangenen Jahres eine Initiative in den Bundestag eingebracht. Diese zielt darauf ab, dass Länder, Kommunen, Einrichtungen und Pflegekassen ihrem Auftrag zum Ausbau der Versorgungsstruktur auch nachkommen können. Gestärkt werden soll dafür eine „wirtschaftlich tragfähige Vergütung“. Auch die FDP hatte Vorschläge vorgelegt. Die Anträge wurden an den Gesundheitsausschuss verwiesen.

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