Neue Möglichkeiten für Züchter

Wie Bremer Forscher Korallenriffen helfen

Bremen. In Deutschland gibt es nach Angaben des Industrieverbandes Heimtierbedarf rund zwei Millionen Aquarien. Etwa fünf Prozent davon seien Meerwasseraquarien. Wissenschaftler sehen das in vielen Industrieländern gestiegene Interesse daran mit Sorge.
17.06.2014, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Wie Bremer Forscher Korallenriffen helfen
Von Jürgen Wendler

In Deutschland gibt es nach Angaben des Industrieverbandes Heimtierbedarf rund zwei Millionen Aquarien. Etwa fünf Prozent davon seien Meerwasseraquarien.

Wissenschaftler sehen das in vielen Industrieländern stark gestiegene Interesse an Meerwasseraquarien mit Sorge. Der Grund: Die Lebewesen darin stammen oft aus tropischen Korallenriffen. Bremer Tropenökologen suchen nach Wegen, wie sich der Bedarf an solchen Lebewesen befriedigen lässt, ohne Riffe zu schädigen.

Deutschland hat eine Fläche von rund 357 000 Quadratkilometern. Die Fläche, die die Korallenriffe bedecken, ist etwa 600 000 Quadratkilometer groß. Trotz ihres vergleichsweise kleinen Anteils an der Erdoberfläche messen Experten den Korallenriffen besondere Bedeutung bei. So hat das Bremer Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass dort vermutlich mehr als eine Million Arten von Pflanzen und Tieren lebten, darunter Würmer, Weichtiere, Krebse und Fische.

Einigen Hundert Millionen Menschen – vor allem in Asien und in der Karibik – bieten die Riffe eine Nahrungsgrundlage. Diese gilt aus einer ganzen Reihe von Gründen als gefährdet. Die Erwärmung des Meerwassers gehört ebenso dazu wie die Veränderung des Säuregrads, die darauf zurückgeführt wird, dass der Ozean das Treibhausgas Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnimmt. Auch die größere Menge an Nährstoffen, die aufgrund menschlicher Aktivitäten – etwa der Landwirtschaft – in den Ozean gelangt, macht Korallen zu schaffen. Wie der Biologe Andreas Kunzmann vom Bremer Leibniz-Zentrum erläutert, wird häufig Gift eingesetzt, um Fische aus Korallenriffen für Aquarien zu fangen. Während die Fische dabei lediglich betäubt würden, würden die Korallen getötet. Die Mehrzahl der gefangenen Fische aus Riffen sterbe auf dem Transport in andere Weltregionen.

Vor diesem Hintergrund beschäftigen sich die Bremer Tropenökologen schon länger mit der Frage, wie sich Bedingungen schaffen lassen, bei denen sich die für Korallenriffe typischen Clownfische besonders gut vermehren. Weil sie in Anemonen leben, die ihnen Schutz vor Raubfischen bieten, werden die bis zu 15 Zentimeter langen Tiere auch als Anemonenfische bezeichnet. In einem neuen Projekt wollen die Experten die Frage nach den bestmöglichen Vermehrungsbedingungen jetzt auch bei Korallen untersuchen. Hinter den Arbeiten stecken laut Kunzmann mehrere Ziele. Erfolgreiche Methoden der Fisch- und Korallenzucht könnten dazu beitragen, dass weniger Lebewesen aus Riffen verkauft würden. Andererseits könnten mit entsprechenden Verfahren vermehrte Korallen genutzt werden, um neues Leben in geschädigte oder tote Riffe zu bringen.

Wie der Biologe erklärt, befinden sich in den Gelegen von Anemonenfischen etwa 100 bis 300 Eier. Nur aus zehn bis 20 davon würden unter natürlichen Bedingungen neue Fische. Bei den Arbeiten in ihrer Bremer Versuchsanlage haben es die Tropenökologen gemeinsam mit Experten von Firmen geschafft, die Sterblichkeitsrate deutlich zu verringern. Nach den Worten von Kunzmann bekommen die Clownfische die Möglichkeit, ihre Eier auf Keramikoberflächen abzulegen, die so gestaltet sind, dass sich dort nützliche, aber kaum schädliche Bakterien ansiedeln. Außerdem werden die Gelege mit frischem Sauerstoff versorgt. Dahinter steckt die Beobachtung, dass die Fische die Gelege von Natur aus nicht nur säubern, sondern dort zudem mit ihrer Brustflosse fächeln. Damit verbessern sie nach den Angaben von Kunzmann die Sauerstoffversorgung und verhindern vermutlich, dass sich Pilze ansiedeln.

Tropische Korallenriffe werden von Steinkorallen gebildet, das heißt von an einen bestimmten Standort gebundenen einfach gebauten Tieren. Die auch als Polypen bezeichneten Korallen haben einen sackförmigen Körper und eine Mundöffnung, die von Tentakeln umgeben ist. Damit können sie Plankton fangen. An ihrer Unterseite scheiden sie Kalziumkarbonat beziehungsweise Kalk aus, genauer: eine bestimmte Form davon, das Mineral Aragonit. Die Menge an ausgeschiedenem Kalk ist so groß, dass im Laufe der Zeit große Kalkskelette entstehen. Die Riffe wachsen. Zahlreiche Inseln gehen auf das allmähliche Wachstum von Steinkorallen zurück, so etwa die Bermudas und die Malediven. Wie Kunzmann erklärt, können sich die Korallen auf zweierlei Art vermehren. Von asexueller Vermehrung sei die Rede, wenn Bruchstücke zu neuen vollwertigen Korallen heranwüchsen. Eine größere genetische Vielfalt verspreche allerdings die sexuelle Vermehrung der Tiere, bei der Larven entstünden. Bei dem neuen Forschungsprojekt solle geklärt werden, welche Bedingungen für Korallenlarven optimal seien. Laut Kunzmann geht es wie bei den Clownfischen unter anderem um die Frage, welchen Untergrund sie bevorzugen. Bekannt sei, dass Bakterien für die Ansiedlung der Larven eine Rolle spielten. „Wir haben bestimmte Bakterienarten, die Kolonien bilden, im Verdacht, dass sie die Larven mit chemischen Signalen anlocken“, sagt der Wissenschaftler.

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