In der Geisterstadt

Wie Bremer in Schanghai den Ausbruch des Coronavirus erleben

Seit Ausbruch des Coronavirus befindet sich Schanghai im Krisenmodus. Verlassene Straßen, geschlossene Geschäfte, menschenleere Metros. Wie lebt es sich in einer Stadt im Ausnahmezustand? Zwei Bremer berichten.
29.01.2020, 21:07
Lesedauer: 4 Min
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Wie Bremer in Schanghai den Ausbruch des Coronavirus erleben
Von Nico Schnurr
Wie Bremer in Schanghai den Ausbruch des Coronavirus erleben

Menschenleere Metrowagen, verlassene Straßen, geschlossene Geschäfte. Das Leben in der Küstenstadt Schanghai steht still seit das Virus ausgebrochen ist.

Remsberg/dpa

Als Andrea Müller am Montag in der vergangenen Woche in die Linie 1 steigt, trägt sie einen Mundschutz. Die Bremerin weiß etwas, das zu diesem Zeitpunkt wohl die wenigsten Chinesen in der Metro von Schanghai ahnen. Die Bahn ist brechend voll, Menschen dicht an dicht, alles wie immer. Kaum jemand, erinnert sie sich am Mittwoch, schützt sich an diesem Morgen mit einer Maske. Sie schon. Die chinesische Regierung wird erst später am Tag über das Staatsfernsehen bestätigen, was Müller schon seit dem Wochenende in deutschen Medien liest: In China grassiert ein Virus, das von Mensch zu Mensch übertragen wird, und es verbreitet sich rasend schnell.

Andrea Müller arbeitet im Moment als Praktikantin in Schanghai.

Andrea Müller arbeitet im Moment als Praktikantin in Schanghai.

Foto: Andrea Müller

Seit dem Morgen in der Metro haben sich in China mehr als 6000 Menschen mit dem neuartigen Coronavirus infiziert, mehr als 130 Chinesen sind an der Infektion gestorben. Die USA und Japan haben begonnen, ihre Staatsbürger aus Wuhan auszufliegen, der Stadt, in der alles begonnen hat. An ihrem Ausbruchsort hat die Seuche bisher die meisten Toten gefordert. In Wuhan fahren die Züge und Busse nicht mehr, Flugverbindungen werden gestrichen.

800 Kilometer weiter östlich scheint die Lage entspannter. In Schanghai ist bislang nur ein Patient an dem Virus gestorben, weniger als hundert Menschen haben sich in der Küstenstadt infiziert. Doch wie die ganze Volksrepublik befindet sich auch Schanghai im Krisenmodus. Wie lebt es sich in einer Stadt im Ausnahmezustand?

Andrea Müller, 23, studiert an der Hochschule Bremen, für ein Auslandssemester ist sie nach Schanghai gezogen, und nun bleibt sie noch für ein Praktikum im Marketing eines Reiseanbieters in der Stadt. Über das chinesische Neujahrsfest am 25. Januar will sie verreisen. Eine organisierte Tour, es soll in ein abgelegenes Bergdorf gehen, Teigtaschen und Feuerwerk mit den Einheimischen.

Jakob Nischan lebt in Schanghai. Seinen Kurzurlaub brach er ab.

Jakob Nischan lebt in Schanghai. Seinen Kurzurlaub brach er ab.

Foto: Jakob Nischan

Seit dem Morgen in der Metro sind zwei Tage vergangen, als sie zum Bus geht, der sie in das Dorf bringen soll. Der Weg dorthin, erzählt Müller, führt sie durch eine eigentlich dauerhektische Metropole, immer voll, immer laut, die sie nun kaum wiedererkennt. Sie erinnert sich an verlassene Straßen, geschlossene Geschäfte und menschenleere Metrostationen, die nach Chlor riechen, „alles desinfiziert“, sagt sie. „Da ist mir der Ernst der Lage erst so wirklich klar geworden.“

Jakob Nischan, 19, aus Schwanewede, ist nach dem Abitur für ein halbes Jahr nach Schanghai gezogen, um Chinesisch zu lernen. Auch er will die Feiertage nutzen, um rauszukommen aus der großen Stadt. Er hört in den Nachrichten vom Virus, trotzdem setzt er sich mit seiner Gastfamilie ins Auto. Ein erholsamer Ausflug wird es nicht. Beim Einchecken im Hotel messen Angestellte, ob er Fieber hat. Hat er nicht. Die nächsten Tage wird er das Hotel dennoch nicht verlassen, zu unsicher, heißt es.

Als er am Dienstag nach Schanghai zurückkehrt, wirkt der Ort so verlassen auf Nischan, dass er das fast unheimlich findet. „Man fühlt sich wie in einer Geisterstadt.“ Verlassen wolle er Schanghai dennoch nicht. Er werde in der Wohnung der Gastfamilie bleiben und abwarten, wie sich die Sache mit der Seuche entwickelt. „Das Virus ist zur ungünstigsten Zeit ausgebrochen, es sind Ferien, Millionen Chinesen reisen durchs Land“, sagt Nischan, „wenn sie in die Städte zurückkommen, könnte sich das Virus schneller ausbreiten.“

Auch der Ausflug von Andrea Müller endet vorzeitig. Nach einer Stunde muss der Bus, der sie in das Dorf bringen soll, umdrehen. Der Fahrer, so schildert es Müller, bekommt einen Anruf von der örtlichen Regierung. Das Bergdorf werde abgeriegelt, Zutritt verboten, Sicherheitsmaßnahme. Es geht zurück nach Schanghai, wo Müller das Neujahrsfest in ihrer Wohnung verbringt, die sie sich mit drei deutschen Studentinnen teilt. Seitdem habe sie das Apartment nur zwei Mal verlassen. Sie sei bei der Bank gewesen und im Park, ganz ungestört. „Ist ja sonst kaum wer draußen unterwegs.“ Wieso auch?

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Fast alle Läden hätten dicht, außer etwa McDonald’s. Das Restaurant dürfe man aber erst betreten, nachdem Mitarbeiter geprüft hätten, dass man kein Fieber habe. Ein bisschen aufwendig alles, also lieber gleich zu Hause bleiben, sagt Müller. Ihr Arbeitgeber habe ihr bis Mitte Februar freigegeben, und versorgen könne sie sich in Schanghai auch ohne vor die Tür zu gehen. „China macht es einem bequem“, sagt sie, „ich regele alles von zu Hause.“ Das Essen kommt per App, auch der Mundschutz wird geliefert.

Gerade hat Müller eine Mail aus Bremen erhalten. Die Bremer Hochschule hat ihr geraten, das Land dringend zu verlassen. Sie solle das Praktikum sofort abbrechen. Macht sie nicht. Müller will bleiben. Warum? Sie sagt, sie hocke gerade viel in ihrem Zimmer und lese Artikel über das Virus und wie man sich schützen könne. Auch von ihrem Arbeitgeber sei sie informiert worden, wie sie sich zu verhalten habe. Hände waschen, Mundschutz tragen, kein Fleisch von Wildtieren, solche Sachen. Halte sie alles ein. „Wenn man das befolgt, dann muss man sich wirklich keine großen Gedanken machen“, sagt Müller, „das Virus macht mir nicht so viel Angst.“ Das Problem liege woanders. Die Panik in der Heimat.

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Ständig bekomme sie besorgte Nachrichten von Freunden und Verwandten, selbst die Nachbarn der Eltern fragten schon vorsichtig nach, ob sie sich sorgen müssten. Was macht man, wenn sich nach drei Tagen Dauerberichterstattung zum Virus keiner mehr mit einem „Alles gut bei mir“ zufrieden gibt? Wie beruhigt man Menschen am anderen Ende der Welt, die überzeugt davon sind, dass sie allen Grund haben, sehr beunruhigt zu sein?

Müller schaltet in solchen Fällen regelmäßig die Kamera ihres Smartphones ein, Videoanruf nach Hause. Die Bremer sehen dann, wie Müller in ihrem Zimmer sitzt, gesund und ohne Maske vor dem Mund, vor ihr Essen vom Lieferservice und ein Laptop, auf dem Netflix läuft. Und dann grinst Müller in die Kamera und sagt: „Bis jetzt besteht überhaupt kein Grund, China zu verlassen – außer der Langweile. Die nervt, sonst geht es.“

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