Reportage zu Diskriminierung

Wie Bremer Rassismus im Alltag wahrnehmen

In Bremen tritt Rassismus in unterschiedlichen Formen auf. Wie erleben Betroffene wie Boubacar Barry aus der Werder U23 Diskriminierung in der Hansestadt? Diese Reportage erzählt ihre Geschichten.
18.09.2018, 11:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Johan Brockschmidt
Wie Bremer Rassismus im Alltag wahrnehmen

Boubacar Barry und Hamed Heidari erzählen unter anderem vom Rassismus im Profifussball.

Anneke Wortmann

"Eine der älteren Damen zeigt mit dem Finger auf mich und sagt: 'Solche wie ihn habe ich bei mir vor der Haustür; denen ist es egal, ob eins ihrer sechs Kinder stirbt.' Niemand der Anwesenden entgegnet etwas. Da sind Studierende, Intellektuelle von denen man erwartet, dass sie was sagen, aber alle sind, so wie ich, geschockt." Das ist nur eine der vielen Rassismus-Erfahrungen des Rechtswissenschaftsstudenten Marcel Gaytan Manriquez.

Für den 26-jährigen sind solche Situationen "die Momente, wo man gerade von diesen Personen erwartet, dass sie sich für einen einsetzten. Als Betroffener fühlt man sich hilflos, wenn niemand hilft."

Dem gebürtigen Deutschen mit chilenischem Hintergrund fällt es sichtlich schwer, über diese Themen zu sprechen - er wirkt leicht zittrig. Trotzdem ist er entschieden, selbstbewusst und überlegt. Wenn er mit Rassismus konfrontiert wird, ist das anders: "Man ist in einer Schockstarre, wie ein Reh im Lichtkegel, das nicht weiß, wie es reagieren soll."

"Wieso singst du mit, du bist doch kein Deutscher?"

Boubacar Barry ist Offensivspieler bei der U23 von Werder Bremen. Er kann mit rassistischen Anfeindungen umgehen: "Ich persönlich kann das gut ausblenden." Erlebt hat der 22-Jährige das selten, aber natürlich kam es schon vor. Beispielweise in den sozialen Medien: „Wenn man mich auf Facebook rassistisch beleidigt, finde ich das sehr bedenklich.“ Natürlich fallen auch auf dem Feld einige „böse Worte, das hat aber nicht immer gleich was mit Rassismus zu tun. Das ist halt Trashtalk.“

Marcel Gaytan Manriquez im Gespräch mit Johan Brockschmidt.

Marcel Gaytan Manriquez im Gespräch mit Johan Brockschmidt.

Foto: Anneke Wortmann

Im Rahmen der Debatte um den Rassismus beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) erzählt der Offensivmann, der in vielen Jugendnationalteams aktiv war, nie Rassismus seitens des DFB erlebt zu haben. Nachdem Spieler wie Mesut Özil oder Jerome Boateng oft dafür kritisiert wurden, die Nationalhymne nicht mitzusingen, reagierten viele verdutzt, als er es tat: "Da haben mich welche gefragt: Wieso singst du mit, du bist doch kein Deutscher? Ich bin Deutscher, also wieso sollte ich nicht mitsingen?"

Rassismus im multikulturellen Bremen

Celine Kabanda kommt aus Münster. Als sie am Bremer Hauptbahnhof ankommt, ist sie erstmal verwundert: "Da waren Ansammlungen von Menschen mit Migrationshintergrund. Ich kannte das so gar nicht." Die Statistik gibt ihr Recht. Laut Statistischem Landesamt hatte das Bundesland Bremen 2016 mit fast 18 Prozent einen vergleichsweise hohen Ausländeranteil. Etwa 30 Prozent hatten einen Migrationshintergrund. Laut Statistischem Bundesamt liegt Bremen damit im Vergleich der Bundesländer ganz vorne - der Anteil von Ausländern an der Gesamtbevölkerung war nur in Berlin noch höher.

Dennoch stoße man in Bremen immer wieder auf Rassismus, sagt der Student Manriquez. Viele der Betroffenen berichten, immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert zu werden.

Einer von ihnen ist Hamed Heidari. Er kam mit 15 Jahren aus Afghanistan nach Deutschland. Der mittlerweile 19-jährige musste mit vielen unreflektierten Meinungen belastet in seine Schulzeit starten: "Als ich neu war, war es sehr schwer für mich", sagte der Afghane. Er wurde oft gefragt, ob er etwas dagegen hätte, wenn Frauen kein Kopftuch tragen. Ein Grund dafür war, dass seine Mutter eine Kopfbedeckung trägt: "Das ist doch letztendlich ihre freie Entscheidung." Doch nicht nur das: Wegen der schlechten politischen Beziehungen Afghanistans zu Israels wurde er oft gefragt, ob er Antisemit sei.

"Lebenschancen, die vernichtet werden"

In anderen Fällen werden fälschlicherweise aus äußerlichen Merkmalen Schlüsse über Eigenschaften gezogen: "Da ich eine Afrodeutsche bin, geht man oft davon aus, dass ich gut singen und tanzen kann, und manchmal werde ich auf Englisch auf der Straße angesprochen. Meine afrikanische Herkunft wird über mich als Menschen gestellt", erzählt die 19-jährige Studentin Celine Kabanda.

Die dunkelhäutige Bremerin Alexandra Diallo* spricht davon, dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe glauben, sie könne höher springen oder sei muskulöser: "Einmal wurde gesagt, ich würde gut aussehen, obwohl ich dunkelhäutig bin. Manche glauben, dass alle Dunkelhäutigen das gleiche Gesicht, die gleiche Art haben."

Dieser Alltagsrassismus ist für den Rechtswissenschaftstudenten Manriquez "nur die Spitze des Eisbergs. Was sich darunter versteckt sind Lebenschancen, die vernichtet werden." So war es bei Discobesuchen in seiner Jugendzeit: "Ich wurde oft aus der Schlange gezogen und musste draußen bleiben." Da seine Freunde ihn nicht alleine lassen wollten, waren solche Abende für den Studenten eine Qual. "Dann hatte ich immer im Hinterkopf, dass meine Freunde meinetwegen nicht in die Disco kommen." Seine nächtlichen Ausflüge wurden immer weniger - er wollte keine Last mehr für seine Freunde sein.

Einige Betroffene berichten sogar über behördlichen Rassismus. Kabanda erzählt von Benachteiligungen durch einen Lehrer, Manriquez gerät überdurchschnittlich oft in Polizeikontrollen und Heidai will eine Benachteiligung bei der Jobsuche nicht ausschließen.

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Den Tätern sei oft nicht bewusst, was sie mit ihren Worten anrichten. Manriquez ist sich sicher, dass keine rassistische Absicht dahinter steckt, wenn der Student, der sein ganzes Leben in Deutschland verbracht hat, für seine Sprachkenntnisse gelobt wird. Dennoch sei es für Betroffene kein gutes Gefühl, auf das Äußere reduziert zu werden. Kabanda beschreibt diese Phänomen als "unreflektierte Neugier". Barry hingegen glaubt, dass "jeder weiß, was rassistisch ist. Aber nicht jeder hat das zu spüren bekommen. Deswegen können manche das nicht wirklich nachvollziehen".

"Stereotype, die über Jahrhunderte in der Gesellschaft versickert sind"

Als Boubacar Barry mit Werders zweiter Mannschaft auswärts unterwegs war, wurde er von einer Frau mit "Neger" angesprochen: "Ich habe dann gemerkt, dass es für sie normal ist und habe mich dann schon komisch gefühlt. Für mich ist das unbegreiflich."

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Doch wie können diese rassistischen Verhaltensmuster erklärt werden? Die Betroffenen machen verschiedene Gründe ausfindig:

Hamed Heidari formuliert es einfach: "Rassismus kommt daher, dass Leute denken, dass jemand anders ist".

Celine Kabanda analysiert, dass oft Sündenböcke gesucht werden: "Menschen haben Angst vor dem, was sie nicht kennen. Sie wissen nicht, wie sie mit anderen Lebensweisen umgehen sollen und fühlen sich bedroht." Ein weiterer Grund ist für sie Neid. "Mittlerweile denken viele, dass schwarz sein ein Status, etwas cooles ist." Die 19-jährige erzählt von ihrem togolesischen Ex-Freund. Menschen, die sich vorher respektlos gegenüber ihm verhielten, erzählten ihm im alkoholisierten Zustand, auch gerne dunkelhäutig sein zu wollen.

Rassistische Denkmuster erklärt sich Manriquez damit, dass sie vieles vereinfachen. "Es sind Stereotype, die über die Jahrhunderte in dieser Gesellschaft versickert sind. Alltagsrassismus kommt nicht nur von Leuten, die AfD wählen. Vielleicht sind das Konservative, vielleicht Sozialdemokraten."

Kinder als Vorbilder

Der Student hat einen Wandel in letzten Jahren wahrgenommen. "Es sind viele Sachen aussprechbar geworden. Die Grenzen in der Debatte werden ins Extreme gezogen werden, und es fallen Begriffe, bei denen man sich gedacht hatte, dass ein normaler Mensch so etwas nie sagen würde."

Manriquez, Kabanda und Diallo sind sich einig, dass Herkunft und Alter der Täter verschieden sind. Ausgenommen seien die Kinder. "Denen ist es egal, welche Hautfarbe jemand hat, welche Sprache gesprochen wird - da gibt es keine Berührungsängste", freut sich Manriquez. Auch die Ethnologiestudentin Celine Kabanda erzählt, im Kindergarten aufgefallen zu sein, allerdings im positiven Sinne.

Die Lösung ist Reflexion

In vielen Fällen fällt es den Betroffenen schwer, einen Dialog zu finden: "Menschen werden das niemals ablegen", meint Manriquez. Im Bus hörte er einmal eine ältere Dame, die behauptete, man müsse die Wohncontainer für Flüchtlinge wegbomben. "Wenn der Ton so extrem ist, wie soll man dann diskutieren?" fragt der 26-jährige. Auch mit Anhängern der rechten Szene hält er einen Diskurs nicht für möglich: "Wenn mich diejenigen, die für die AfD oder NPD demonstrieren, sehen, dann wollen die mir nur eine reinhauen."

Auch Kabanda, Barry und Diallo suchen nicht die Konfrontation mit den Tätern und setzen auf das Ignorieren rassistischer Äußerungen. "Ich suche nicht den Konflikt, sondern wundere mich, wie unglaublich sowas ist", erklärt Alexandra Diallo.

Alle Gesprächspartner glauben, dass die Meinung von Menschen im hohen Alter nur noch schwer zu ändern ist. Deshalb solle man bereits in jungen Jahren in der Schule und Erziehung gegen Rassismus vorgehen.

Für Manriquez ist die Lösung das Zuhören: "Wenn sich eine Frau über Sexismus äußert, dann wäre es dumm von mir, eine Debatte aufzumachen - weil sie die Deutungshoheit hat. Wenn sie sagt, etwas ist sexistisch, dann habe ich mein Verhalten zu überdenken. So stelle ich mir das beim Rassismus vor."

Auch der Fußballspieler Barry glaubt an eine individuelle Lösung: "Rassismus ist anscheinend leider immer noch gegenwärtig in unserer Gesellschaft. Man muss sich jedoch selbst hinterfragen und es auch wollen, keine Vorurteile zu haben."

v li Patrick Göbel Goebel FC Würzburger Kickers 31 im Laufduell Zweikampf Duell mit Boubacar

Boubacar Barry im Zweikampf mit Patrick Göbel.

Foto: imago

*Name von der Redaktion geändert

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