Tag des offenen Denkmals Wie Denkmalschutz funktioniert

Denkmalpflege verteuert Bauprojekte, Denkmalpflege erschwert oder verhindert sie sogar. Georg Skalecki seufzt. Der Mann kennt die Vorbehalte zur Genüge, den Widerstand, den es manchmal gibt, wenn sich sein Amt einschaltet.
12.09.2015, 16:00
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Denkmalpflege verteuert Bauprojekte, Denkmalpflege erschwert oder verhindert sie sogar. Georg Skalecki seufzt. Der Mann kennt die Vorbehalte zur Genüge, den Widerstand, den es manchmal gibt, wenn sich sein Amt einschaltet. Er kommt von Eigentümern, von Bauherren, von Investoren. Und er kommt, sagt Skalecki, immer seltener. An den letzten Rechtsstreit, der vor Gericht ausgetragen werden musste, kann sich der Chef der Denkmalpfleger nicht mehr erinnern. Dafür aber an den letzten Fall, bei dem er oder ein Kollege beschwichtigen und beteuern musste, dass Denkmalschutz nichts Böses will. Das kommt fast täglich vor, immer noch.

Nach wie vor sitzt der Schrecken nämlich oftmals tief, wenn sich die Denkmalpfleger ankündigen. Zum Beispiel bei Christoph Peper. „Ja“, sagt er, „da habe ich erst mal geschluckt.“ Das war im vergangenen Jahr, als der Immobilienverwalter und -entwickler gerade ein Industriegebäude an der Richard-Dunkel-Straße für einen Millionenbetrag gekauft hatte. Peper wusste zwar, dass er sich auf kulturhistorischem Boden befand, aber nicht, dass die Denkmalpflege zuvor Vorbereitungen getroffen hatte, den Bau unter Schutz zu stellen. In der Halle hatte Autobauer Borgward ab 1954 Lloyds produziert.

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Skalecki sagt nicht schutz-, sondern denkmalwürdig. Und was die Denkmalpfleger dafür halten, muss nicht zwangsläufig Jahrhunderte alt sein. Denkmalwürdig können für sie auch Bauten und Objekte sein, die gerade mal vor 30 Jahre errichtet wurden und dennoch ein Zeugnis der Vergangenheit sind. Oder die ein Architekt von Rang entworfen hat. Bei Pepers Halle kommt beides zusammen. Das Gebäude ist nach Entwürfen von Rudolf Lodders entstanden, der sich ab den 30er-Jahren einen Namen gemacht hat, nicht zuletzt als Haus- und Hofplaner des Borgward-Konzerns.

Und darum war Skalecki neugierig, was Christoph Peper mit der Halle vorhatte. Und gespannt darauf, wie er reagiert, wenn er dem neuen Eigentümer mit dem Denkmalschutz kommt. Der Immobilienentwickler hatte gleich an zig Auflagen gedacht, an Vorschriften, wie er den Bau entwickeln sollte. Genau das, sagt Peper, hat er am meisten gefürchtet: dass er seine Pläne nicht so umsetzen könnte, wie er es vorgesehen hatte. Dass die Denkmalpfleger ihm einen Stich durch die Rechnung machten. Und dass er am Ende sein Projekt begraben müsste.

„Nichts davon“, sagt er jetzt und atmet so tief durch, als sei erst heute, fast anderthalb Jahre nach dem ersten Treffen mit Skalecki, der Druck raus, „ist eingetroffen.“ Natürlich hat er seinen Entwurf für das Gebäude dem obersten Denkmalpfleger gezeigt, mit ihm diskutiert, aber – und das war für ihn das Erstaunliche – nie um diesen oder jenen Eingriff an der Halle ringen müssen. „Wir haben unsere Pläne beinahe eins zu eins umsetzen können.“ Maurer zogen Wände – „was sollte ich denn mit einem Bau, der aus einem einzigen Raum von 15.000 Quadratmetern besteht, anfangen?“ Monteure bauten eine Rampe an eine Giebelseite – „wie sonst können Warenladungen in eine Halle geschafft werden?“ Auch die Fassade, um die es dem Amt besonders ging, durfte er verändern – „was für Möglichkeiten als Rolltore gibt es denn, wenn mehrere Firmen Sperriges in ihre Räume bringen müssen?“

Denkmalschutz, sagt Skalecki, ist nicht nur ein Prozess des Abwägens, was denkmalwürdig ist und was nicht, sondern auch der Kompromisse: „Auch wir müssen manchmal Abstriche machen, um ans Ziel zu kommen.“ Bei Peper war es das Einverständnis, das Gebäude unter Schutz stellen zu können, ohne Anwalte sprechen zu lassen. Damit es nicht so weit kommt, spricht Skalecki, nach dessen Rechnung mittlerweile 1700 Bremer Gebäude unter Schutz stehen, lieber selbst. Treffen sich Amt und Eigentümer zum ersten Mal, ist er immer dabei. Peper hat er gesagt, was er jedem beim Erstgespräch sagt: „Wir sind Berater, keine Verhinderer.“

Manchmal vor allem Finanzberater: Denn bei aller Liebe zur Historie, geht es immer auch ums Geld – und darum, einen Eigentümer bei der Stange zu halten und nicht etwa in Geldnot zu treiben. Skalecki: „Das geht natürlich nicht.“ Zugegeben, sagt der Chef der Denkmalpfleger, wer in einem geschützten Gebäude wohnt, darf handwerklich nicht mehr alles machen, was er vorher durfte, zumindest nicht ohne vorher zu fragen. Und er muss häufig mehr Geld in die Hand nehmen, wenn er Maurer, Tischler, Zimmerleute engagiert, weil beispielsweise marode Balken nicht durch irgendwelche Baumarktsbalken ausgetauscht werden dürfen und Kunststofffenster in einem geschützten Gebäude für gewöhnlich nichts zu suchen haben, sondern nur Holzfenster, die teurer sind.

Skalecki schüttelt den Kopf. Nein, die Denkmalpflege lässt Bauvorhaben nicht automatisch kostspieliger werden. Er spricht von Fördertöpfen des Bundes und Landes, die sein Amt anzapft, ohne dass sich ein Eigentümer darum kümmern müsste. Von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die eingeschaltet wird, wenn jemand einen Bau erhalten will und unter Umständen mit Geld aushilft. Und von steuerlichen Vorteilen, die es bei der Sanierung von Gebäuden gibt, die Denkmäler sind. Peper sagt, dass er keine Zuschüsse eingefordert hat, aber seine Investitionen schneller abschreiben kann, seitdem die Halle unter Schutz steht, in zehn statt in 40 Jahren. Anderthalb Millionen Euro, sagt er, hat der Umbau gekostet.

Und weil alles so gut mit dem Denkmalamt gelaufen ist, musste ihn Skalecki nicht lange bitten, beim Tag des offenen Denkmals dabei zu sein, der in seinem Industriebau eröffnet wird. Am Sonntag zeigt Peper, was aus dem Gebäude, das jetzt Lloyd-Halle 4 heißt und in dem mittlerweile zehn Firmen eingezogen sind, geworden ist. Und wie dort vor Jahrzehnten Autos gebaut wurden. Ein Lloyd Alexander, Baujahr 1958, tiefblau und auf Hochglanz poliert, steht seit Tagen als Blickfang für Besucher bereit.

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