Harald Focke schreibt über Borgwards Hubschrauber / Traum endet 1961 mit dem Zusammenbruch der Autowerke Wie der Kolibri scheiterte

Wer bei dem Namen Borgward gleich an Oldtimer denkt und bei dem Namen Focke gleich an ein Museum, der liegt in diesem Fall falsch. Der Autor Harald Focke ist mit dem Museumsgründer Johann Focke nicht verwandt, und sein jüngstes Buch –„Borgwards Hubschrauber“– handelt eindeutig nicht von Autos.
24.06.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Erika Thies

Wer bei dem Namen Borgward gleich an Oldtimer denkt und bei dem Namen Focke gleich an ein Museum, der liegt in diesem Fall falsch. Der Autor Harald Focke ist mit dem Museumsgründer Johann Focke nicht verwandt, und sein jüngstes Buch – „Borgwards Hubschrauber“ – handelt eindeutig nicht von Autos.

Der große Bremer Automobilfabrikant Carl C. F. Borgward (1890-1963) wäre gern auch noch mit Hubschraubern in Serie gegangen, und der große Bremer Flugzeugkonstrukteur Henrich Focke (1890-1979) hatte seinen „Kolibri“ auch schon so gut wie fertig. Aber dann kam 1961 der Zusammenbruch der Borgward-Werke – und der Traum war aus.

Harald Focke erzählt in „Borgwards Hubschrauber“ packend von diesem Traum und dessen Scheitern. Er war als wissenschaftlicher Sachbuchautor bisher eigentlich auf Schifffahrtsthemen spezialisiert. „Kolibri, das Auto der Lüfte“ – so der Untertitel der Neuerscheinung – lockte ihn auf ein neues Terrain.

Harald Focke ist Jahrgang 1950. Nach dem Abitur in Diepholz studierte er Geschichte, Deutsch und Politik in Hamburg, wo er bis 1985 auch unterrichtet hat. Als Studiendirektor am Gymnasium Sulingen ging er 2013 in Pension. Wie hat er es „nebenbei“ bloß geschafft, noch so viele Bücher zu verfassen? „Wir sind in den Ferien nur ganz selten mal ein, zwei Tage verreist“, sagt seine Frau. Auch habe sich ihr Mann abends nach den Korrekturarbeiten und Unterrichtsvorbereitungen beim Schreiben gern noch ein bisschen erholt.

F61 steigt 1936 in die Bremer Luft

Gute Autos zu bauen, vom kleinen Lloyd bis hin zum großen Lastwagen: Das war das Lebensziel des Konstrukteurs und Fabrikanten Carl Borgward. Warum dann noch Hubschrauber?, wurde er 1956 gefragt und antwortete schlicht: „Weil es mir Spaß macht.“ Zur Verwirklichung dieses Planes holte sich den besten Mann: Professor Henrich Focke, der in Deutschland schon vor dem Zweiten Weltkrieg den ersten leistungsfähigen Hubschrauber entwickelt hatte. Ende Juni 1936 stieg F 61 auf dem Bremer Flughafen in die Luft.

Den Sohn des Museumsgründers Johann Focke hatte der Flugzeugbau von klein auf brennend interessiert. Er blieb bis ins hohe Alter ein nimmermüder Forscher. Weil die junge Bundesrepublik erst ab Mai 1955 wieder über die Lufthoheit verfügte, war er 1952 nach Brasilien gegangen und hatte dort – teilweise mit seinem alten Bremer Team – den zweisitzigen Leichthubschrauber Beija-Flor (übersetzt: Kolibri) gebaut. Der Vertrag mit Borgward sah vor, dass er weiterhin einen Teil des Jahres in Südamerika tätig sein konnte, aber sein Hauptarbeitsplatz lag nun auf dem Werksgelände in Sebaldsbrück.

Nicht nur Borgward glaubte damals, der Hubschrauber habe eine ganz große Zukunft – auch als Ersatz für die Autos auf den immer dichter befahrenen Straßen. Doch so schnell wie erhofft ging die Entwicklung des bremischen Kolibri nicht voran. Immer wieder gab es Rückschläge, auf die der ungeduldige Selfmademan Borgward mitunter wütend reagierte. Zum Beispiel, als er erfuhr, dass sich die im Automobilbau verwendeten Zahnräder oder andere Konstruktionsteile für den Hubschrauberbau nicht eigneten. Aber: „ Bald ließ er mich alles machen, wie ich es für richtig hielt“, so Focke in seinen Erinnerungen. Auch, weil letztlich der Autobau, durch den das Geld hereinkam, Vorrang hatte, ging es mit dem Hubschrauber nur langsam voran.

Im März 1958 hielt Flugkapitän Ewald Rohlfs in Sebaldsbrück den Borgward-Focke Kolibri I drei Minuten lang in der Luft, bei einer Flughöhe von drei Metern. Vier Monate später war der Kolibri I dann wirklich flügge. Die Reisegeschwindigkeit liege bei 160 Stundenkilometern, und der Kaufpreis werde 150 000 bis 200 000 DM betragen, erfuhr die Öffentlichkeit nun auch offiziell.

Zersägt und verschrottet

Der Kolibri II, der dann 1960 in Sebaldsbrück fertig wurde, war gegenüber dem ersten technisch und optisch deutlich besser. Doch im selben Jahr hatten bei Borgward die akuten Probleme begonnen. Der Auto-Absatz stockte. Löhne und Rechnungen konnten schließlich nicht mehr bezahlt werden. Der Senat bürgte für einen 50-Millionen-DM-Kredit und kurz darauf noch für weitere Millionen. Als Mitte Januar erneut kein Geld da war, erfüllte der Senat die weiteren Forderungen nicht mehr.

Am 1. Februar 1961 hätten Piloten des Luftfahrt-Bundesamtes die für eine Zulassung erforderlichen Prüfungsflüge mit dem Kolibri II auf dem Bremer Flughafen absolvieren sollen. Die Gebühren dafür – 22 000 oder, nach anderen Quellen, 38 000 DM – waren im Voraus zu begleichen. Am 30. Januar rief in Fockes Büro die Buchhaltung an: „Es tut uns Leid, aber wir können die Summe nicht bezahlen.“ Die Prüfpiloten wurden abbestellt. Da auch für die erforderliche Kaskoversicherung kein Geld mehr da war, stieg danach kein Kolibri mehr auf.

Versuche, die beiden Maschinen möglichst noch komplett zu veräußern, scheiterten. Da demontierte, zersägte und verschrottete man sie.

„Borgwards Hubschrauber“, 80 Seiten, reich bebildert, erschien im Verlag Peter Kurze, Bremen, als Band 4 der Reihe „Carl B. – Auto-Geschichte(n)“ zum Preis von 9,95 Euro (ISBN-Nummer 978-3-927485-84-6).

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+