Dennis Klose zeigt eine Auswahl aus Lothar Kloses filmischem Werk Wie der Sohn den Vater sieht

Steintor. Die orangerote Schnecke Finchen aus der Sesamstraße weckt Erinnerungen an Kindertage und Abende vor dem Fernseher. Obwohl das neugierige Tier mit der Brille berühmt ist, wissen nur wenige Bremer, dass jemand aus ihrer Stadt die Schnecke gespielt hat.
10.01.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Marie Bornickel

Steintor. Die orangerote Schnecke Finchen aus der Sesamstraße weckt Erinnerungen an Kindertage und Abende vor dem Fernseher. Obwohl das neugierige Tier mit der Brille berühmt ist, wissen nur wenige Bremer, dass jemand aus ihrer Stadt die Schnecke gespielt hat. Lothar Klose erweckte über Jahre als Puppenspieler die Figur zum Leben. Außerdem drehte er auch Dokumentationen für den NDR. 2015 ist der Filmemacher an Speiseröhrenkrebs gestorben. Mit der Werkschau „Heimspiel 133“ wird am Mittwoch, 18. Januar, um 19 Uhr in der Schauburg an das Werk des Filmemachers erinnert.

Filme aus Lothar Kloses Studienzeit werden gezeigt, aber auch eine seiner großen Dokumentationen: „Fährhaus-Rebellen und ihre Kinder“. Der gemeinsame Film von Lothar Klose und seinem Sohn Dennis („Tumor ist, wenn man trotzdem lacht“) läuft zum Schluss.

„Ich glaube, das ist eine gute Film-Auswahl“, sagt Dennis Klose, der die Werkschau in Zusammenarbeit mit dem Filmbüro organisiert. „Mein Vater hat zwar auch viele Filme für den NDR gemacht, aber die Aufführungsrechte zu bekommen, ist sehr schwierig. Jetzt beginne ich mit den gezeigten Filmen bei seinen Studienarbeiten aus den 70ern, springe dann in die 90er-Jahre und ende fast in der Gegenwart. Man kann mit so einer Veranstaltung natürlich kein Leben zusammenfassen. Man muss das Werk schon runterbrechen.“ Welche der frühen Arbeiten an dem Abend gezeigt werden, stehe noch nicht fest.

Gemeinsam haben alle frühen Filme eine latente Angst vor Technik – so zumindest der Eindruck von Dennis Klose. „Das kann aber auch nur meine subjektive Interpretation sein“, gibt der Sohn zu, der selbst im Filmgeschäft arbeitet. Sein Vater habe in diesen ersten Werken immer wieder die Infrastruktur, wie zum Beispiel Bahnschienen, und Symbole gezeigt. Ein kritischer Unterton sei stets da.

Die experimentelle Machart entdeckt Dennis Klose auch in seinen eigenen Filmen. „Klar, man versucht sich von seinem Vater zu distanzieren. Ich habe anfangs Zombie-Trash-Filme gemacht“, sagt der junge Filmemacher, „aber vor vier, fünf Jahren habe ich auch begonnen, experimentelle Filme zu drehen. Da sehe ich beim Schnitt viele Parallelen zu dem, was mein Vater in den 70ern gemacht hat.“

Viele ältere Bremerinnen und Bremer dürften sich in der Dokumentation „Fährhaus-Rebellen und ihre Kinder“ wiederfinden. Rückblickend wirft Lothar Klose in den 90er-Jahren einen Blick auf die 68-Generation in Bremen Vegesack. Das Fährhaus, eine Szenen-Kneipe für linke Revoluzzer, war einst Treffpunkt für langhaarige Jungen und rebellische Mädchen, die dort zum Entsetzen ihrer Eltern Straßendemonstrationen planten. Die Dokumentation ist in den 90er-Jahren entstanden. Lothar Klose fragt darin die zu Bankern, Managern und Lehrern gewordenen Jugendlichen von damals nach ihren Erfahrungen.

Die meisten von ihnen hatten inzwischen selbst Kinder, die ebenfalls im Film zu Wort kommen. Lothar Klose fragte sie, wie sie die andere Generation sehen. „Viele sind sich nicht im Klaren darüber, was die Eltern in den 60er-Jahren gemacht haben“, fasst Dennis Klose die Essenz dieser Interviews zusammen, „die können sich gar nicht vorstellen, dass der Vater, der heute Geschäftsmann ist, damals mit Steinen geworfen hat. Für viele Kinder ist es sehr schwer, mit der Vergangenheit ihrer Eltern umzugehen.“ Immer wieder habe es auch Kritik an der Dokumentation gegeben. „Einige Zuschauer haben kritisiert, dass der Film sich nur auf ein paar Personen konzentriert und das große Ganze auslässt“, sagt Dennis Klose, der bei den Dreharbeiten assistiert hat, „ich glaube aber, dass man als Zuschauer über die persönlichen Erfahrungen einen besseren Zugang zum Thema findet.“

Um persönliche Erfahrungen geht es auch im letzten Projekt Lothar Kloses. In „Tumor ist, wenn man trotzdem lacht“ ist er aber nicht der Filmemacher, sondern nur der Protagonist, wie er es selbst in den Aufnahmen formuliert. Dennis Klose nennt diese Dokumentation „unser gemeinsames Projekt“. Zum ersten Mal haben Vater und Sohn auf diese Weise an einem Film gearbeitet. „Ich habe zwar schon vorher mal den Ton gemacht oder anders geholfen. Aber das war etwas anderes“, sagt Dennis Klose.

Als Lothar Klose im Oktober 2013 von einem Arztbesuch nach Hause kommt, hat die Diagnose Speiseröhrenkrebs alles geändert. „Man muss versuchen, damit klarzukommen. Es kommt ein Sturm auf, und du kannst nichts tun, außer zugucken und schauen, wie du durchkommst“, sagt der Erkrankte im Film.

Nur wenige Tage nach der Diagnose bittet Lothar Klose seinen Sohn, ihn mit der Kamera durch seine letzten Monate zu begleiten. „Das kann ich nicht machen“, so die erste Reaktion des Sohnes. „Ich habe dann eine Woche drüber nachgedacht. Habe mit meinen engsten Freunden und einigen Filmemachern darüber gesprochen“, erinnert sich Dennis Klose, „einer hat dann zu mir gesagt: ,Ey, mach das, sonst wirst du dich irgendwann ärgern!' Und ich habe es dann gemacht.“

Entstanden ist ein Film, der nichts ausblendet. Behandlungen werden genauso gezeigt wie alltägliche Szenen. Es geht darum, mit dem Rauchen aufzuhören, oder um Lothar Kloses Passion – das Gitarrespielen. Die Kamera ist dabei, selbst im Operationssaal wird gefilmt. Auch wie Lothar Klose aus der Narkose aufwacht, ihm das Sprechen schwerfällt und er sich kaum orientieren kann, wird gezeigt. Es ist aber nicht der Voyeurismus, den der Film befriedigen will. „Das ist eine Erfahrung, die den meisten Menschen fremd ist“, stellte Lothar Klose fest. Diese Erfahrung wollte er dem Zuschauer zugänglich machen.

Für Dennis Klose war der Film auch eine Möglichkeit, mit der Krankheit des Vaters umzugehen. „Ich habe eine andere Rolle eingenommen, habe nicht als Sohn gefragt, sondern als Filmemacher. So konnte ich auch Dinge fragen, die der Sohn nicht fragen kann. Ich kann zum Beispiel sagen: Ich finde es scheiße, dass du rauchst, obwohl du Krebs hast. Warum machst du das trotzdem?“

Im Juni 2015 feierte der Film Premiere. „Das hatte eher etwas von einer zweiten Beisetzung“, sagt Dennis Klose. Viele Freunde und Bekannte seien gekommen. „An der Theke haben mir nach dem Film alle die Hand geschüttelt und mir ihr Beileid ausgesprochen.“

Am 18. Januar wird der Film nun erstmals einem größeren Publikum gezeigt. „Ich glaube, der Film funktioniert auch dann, wenn man meinen Vater nicht gekannt hat“, vermutet der Regisseur, „allerdings sollte man sich im Klaren darüber sein: Die Werkschau wird keine Ober-Happy-Veranstaltung mit dem Film am Ende.“

„Heimspiel 133 – Werkschau von Lothar Klose“ läuft am Mittwoch, 18. Januar, 19 Uhr, in der Schauburg, Vor dem Steintor 114. Der Eintritt kostet sieben Euro.
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