Jubiläum

Wie der WESER-KURIER zur Zeitung für Bremen wurde

Am 19. September 1945 erscheint zum ersten Mal der WESER-KURIER - Wegen der Papierknappheit zunächst nur zweimal wöchentlich. Anlässlich unseres Geburtstag blicken wir zurück auf 75 Jahre WESER-KURIER.
10.09.2020, 07:27
Lesedauer: 10 Min
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Von Michael Lambek und Stefan Dammann
Wie der WESER-KURIER zur Zeitung für Bremen wurde

Der entscheidende Moment: Hans Hackmack (rechts) und die Amerikaner (links) bei der Lizenzübergabe im Druckhaus des Schünemann-Verlages, in dem nun der WESER-KURIER gedruckt wird.

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Als der Zweite Weltkrieg beendet, die Wehrmacht besiegt und das Naziregime entmachtet ist, liegt Bremen weitgehend in Trümmern. 173 Bombardements haben die blühende Hansestadt in eine Ruinenlandschaft verwandelt. Angesichts der dramatischen Versorgungslage in praktisch allen lebenswichtigen Bereichen grenzt es nahezu an ein Wunder, dass nur rund vier Monate später, am 19. September 1945, eine Zeitung aus der Taufe gehoben wird: der WESER-KURIER.

Es ist eine neue Zeitung. Das in Bremen traditionell erscheinende und marktbeherrschende Blatt, die Bremer Nachrichten, eine der ältesten Zeitungen Europas, bleibt verboten. Das Blatt war in der Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus in der Weimarer Republik zunehmend nach rechts gesteuert und schließlich durch das Reichsschriftleitergesetz, wie alle anderen deutschen Zeitungen auch, vollständig unter die Räder der Goebbelschen Propagandamaschinerie geraten.

Mitte des Jahres 1945 sucht die amerikanische Besatzungsverwaltung nach einer politisch nicht vorbelasteten Person, der man die Herausgabe einer Zeitung für Bremen überantworten kann. Jemanden, der nicht von der Idee eines politisch gesteuerten Journalismus infiziert ist, der für Demokratie und antifaschistische Überzeugung steht. Die Amerikaner finden diese Person in dem gebürtigen Hamburger Hans Hackmack, einem gelernten Journalisten, der seine politische Heimat in der linken Sozialdemokratie hat. Hackmack hatte seinen offenen Widerstand gegen die Nazis mit Zuchthaus und KZ wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ bezahlt. Nun erhält er von den Amerikanern die Lizenz für die Herausgabe des WESER-KURIER.

Die Titelseite der ersten Ausgabe des WESER-KURIER.

Die Titelseite der ersten Ausgabe des WESER-KURIER.

Foto: WESER-KURIER

Hackmack zur Seite stehen mehrere Personen. Zunächst waren allerlei im Gespräch, am Schluss konzentrierte es sich auf Hans Riebau, August und Irmgard Enderle, Franz Cavier und Jürgen Tern (der noch politisch überprüft werden musste, weil er während der Nazizeit bis 1942 bei der Frankfurter Zeitung gearbeitet hatte). Nach Frankfurt ging er dann auch später wieder, als Politikchef und ab 1960 Herausgeber der FAZ. Vor allem aber gehört dazu Felix von Eckardt, wenn auch erst 1947 mit der entsprechenden Lizenz ausgestattet, weil er wegen seiner Vita durchaus umstritten war. Obwohl parteilos, wird er dem bürgerlichen Lager zugeordnet. Dies entspricht der Vorgabe der Amerikaner. Die Zeitung soll das gesamte gesellschaftliche Spektrum widerspiegeln, eine Zeitung sein, in der sich alle wiederfinden.

Auch von Eckardt ist gelernter Journalist. In der Zeit der Weimarer Republik war er Presseattaché in Brüssel.

Am 18. September startet die Produktion des WESER-KURIER – auf Anweisung der amerikanischen Besatzer in den Räumen und auf den Maschinen des Schünemann-Verlags. Dort, wo früher die Bremer Nachrichten hergestellt worden waren. Technisch und organisatorisch läuft es nicht sehr gut, es läuft sogar ausgesprochen schlecht. Eigentlich will die Redaktion eine Abendzeitung herausgeben. Aber daraus wird nichts. Der Druck des neuen Produkts ist erst nachts um ein Uhr fertig. So wird der WESER-KURIER am 19. September als Morgenzeitung auf den Markt gebracht. Und dabei bleibt es auch für die Zukunft.

Die Zeitung kostet 20 Pfennig, besteht aus vier Seiten und erscheint an zwei Tagen, mittwochs und sonnabends. Mehr lässt die Papierknappheit nicht zu. Gedruckt werden jeweils 150 000 Exemplare. Ab 1947 kann der WESER-KURIER dreimal wöchentlich erscheinen. Von September 1949 an gibt es die Zeitung an jedem Werktag. Viel später, 1984, kommt der KURIER am SONNTAG als Antwort auf Bild und Welt am Sonntag dazu.

Das Verbreitungsgebiet des WESER-KURIER umfasst die gesamte US-Enklave innerhalb des britischen Besatzungsgebiets, also Bremen einschließlich Bremerhaven sowie die Kreise Wesermünde, Osterholz und Wesermarsch. Mit dem Wiedererscheinen der Nordsee-Zeitung im Jahr 1947 in Bremerhaven konzentriert sich die Verbreitung des WESER-KURIER in Anpassung an die wirtschaftliche und politische Neuordnung zunehmend auf die Stadt Bremen – eine Entwicklung, die später korrigiert werden wird.

Die Entwicklung

Den Lesern gefällt der WESER-KURIER, sie nehmen ihn an. Es dauert vier Jahre, bis der Lizenzzwang für die Herausgabe von Zeitungen fällt. 1949 taucht der alte Platzhirsch wieder auf – die Bremer Nachrichten. Den Vorsprung des WESER-KURIER kann der Konkurrent allerdings nicht mehr einholen. Der WESER-KURIER lässt sich nicht mehr verdrängen. 25 Jahre später wird er die Bremer Nachrichten übernehmen.

Zu einer Veränderung in der redaktionellen und verlegerischen Leitung des WESER-KURIER kommt es 1952: Bundeskanzler Konrad Adenauer ist auf der Suche nach einem Pressechef. Seine Wahl fällt auf Felix von Eckardt. Der sagt zu und verkauft seine Anteile am WESER-KURIER an Hermann Rudolf Meyer. Meyer gehörte bereits seit Ende 1945 zum WESER-KURIER und managte die kaufmännischen Angelegenheiten des Verlages. Im September 1948 wurde er zum Geschäftsführer mit dem Aufgabenbereich eines Verlagsdirektors bestellt. Nachdem Meyer durch die Anteile von Eckardts zum Mitinhaber geworden war, überlässt Hackmack ihm weitere Anteile, sodass sie nun paritätische Anteilseigner sind. Bis 1960 leiten sie die Geschicke gemeinsam.

1956 bezieht der WESER-KURIER das neue Verlags- und Pressehaus an der Martinistraße. Die nächsten 14 Jahre wird die Zeitung hier auf einer eigenen Hochdruckmaschine gedruckt, bis 1970 das Druckhaus in Woltmershausen fertig ist. Die Zeit des Hochdrucks ist Anfang der 1980er-Jahre vorbei. Mit einer modernen Anlage wird der WESER-KURIER nun im Offsetdruck hergestellt.

Entdeckung des Umlands

Mitte der 1960er-Jahre wird den Verantwortlichen im Pressehaus klar, dass es Zeit für den nächsten großen verlegerischen Schritt ist. Denn bereits damals beginnt eine Entwicklung sichtbar zu werden, die es erforderlich macht, sich über die Grenzen Bremens hinaus zu orientieren: Die Einwohnerzahl Bremens wächst nicht mehr. Nach einer kurzen Phase der Stagnation beginnt sie sogar zu schrumpfen. Eine relativ schnell wachsende Zahl von ­Bremern, besonders junge Familien, wendet der Stadt den Rücken und zieht nach Stuhr, Weyhe, Osterholz-Scharmbeck, Lilienthal, Verden oder in andere Städte und Gemeinden rund um Bremen.

Als der WESER-KURIER nach Kriegsende erschien, standen die Menschen Schlange für eine Ausgabe der unabhängigen Zeitung. In den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft hatte es nur gleichgeschaltete Zeitungen mit Nazi­propaganda gegeben.

Als der WESER-KURIER nach Kriegsende erschien, standen die Menschen Schlange für eine Ausgabe der unabhängigen Zeitung. In den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft hatte es nur gleichgeschaltete Zeitungen mit Nazi­propaganda gegeben.

Foto: FR

Die Menschen hatten dafür gute Gründe: Baugrund war im Bremer Umland oft deutlich günstiger – und man war im Grünen, ohne auf die Infrastruktur der Stadt Bremen mit ihren Autobahnen, Kultur und Arbeitsplätzen verzichten zu müssen.

Für den Verlag des WESER-KURIER erwächst in diesen Jahren daraus zunächst eine logistische Aufgabe. Denn natürlich nehmen die scheidenden Bremer ihre Zeitung mit an die neuen Wohnorte. Aber bereits damals ist sich Verleger Hermann Rudolf Meyer darüber im Klaren, dass dies nur der erste Schritt sein kann. Er führt inzwischen die Geschäfte allein, nachdem Hackmack aus gesundheitlichen Gründen die Geschäftsführung niederlegen musste. Die Notwendigkeit, solche Regionalausgaben anzubieten, liegt auf der Hand. Die Abonnenten in den Nachbargemeinden lesen zwar weiterhin den WESER-KURIER, doch inhaltlich nichts aus ihrer neuen Heimat: keinen Lokalsport, keine Kommunalpolitik, keine lokalen Reportagen, keine Vereinsberichterstattung, keine Anzeigen aus der Region.

Dabei kann man es nicht belassen. Denn die ehemaligen Bremer leben sich sehr schnell an ihren neuen Wohnorten ein, nehmen am örtlichen Leben teil, interessieren sich für kommunale Fragen. Ihre Kinder gehen in die Schulen, werden Mitglieder in Sportvereinen oder der Feuerwehr. Berichte darüber gibt es aber lediglich in den alten Heimatzeitungen. Um bestehende Abonnenten zu halten und neue zu gewinnen, legt der WESER-KURIER den Hauptausgaben im Umland unentgeltlich Regionalausgaben bei. Zunächst klein und in der Regel zweimal in der Woche, aber nur wenig später täglich.

Der Beginn der Unternehmung ist nicht nur verlagspolitisch und redaktionell anspruchsvoll, sondern von Raumproblemen geprägt. Die Redakteure des Lilienthaler ­Kurier, später verschmolzen mit dem ­alten Heimatblatt Wümme-Zeitung, das vom WESER-KURIER übernommen wurde, kommen zunächst im Schankraum einer ausgedienten Gaststätte unter.

Der Achimer Kurier arbeitet in den rückwärtigen Räumen eines kleinen Geschäfts. Der Südkreis-Kurier, die spätere Regionale Rundschau, ist vorerst in einer kleinen Wohnung am Rand von Brinkum untergebracht. Das Redaktionsbüro des WESER-KURIER in Delmenhorst startet in einer winzigen Wohnung in einer nur schwer auffindbaren Gasse der Innenstadt.

Lediglich der Nordkurier, später in der vom WESER-KURIER übernommenen Heimatzeitung Die Norddeutsche aufgegangen, und das Osterholzer Kreisblatt, an dem sich der WESER-KURIER 1971 beteiligt, verfügen vom Beginn an über eigene Räume in Vegesack und Osterholz-Scharmbeck. 1980 schließlich gründet der Verlag noch eine eigene Regionalzeitung, die Verdener Nachrichten.

Über die Jahre entwickelt sich das Projekt zu einem unbestrittenen Erfolg. Die Regionalredaktionen schaffen es schnell, sich in ihren Verbreitungsgebieten zu etablieren und das Vertrauen von Politik, Wirtschaft, ­Organisationen und Lesern zu gewinnen. An die Stellen der provisorischen Büros treten im Lauf der Zeit moderne Zeitungshäuser. Die lokale Berichterstattung und die Sportnachrichten in den Regionalbeilagen sind recht schnell so ausführlich, dass sie viele Leser überzeugen. So wirkt die Attraktivität der ­Bremer Zeitung mit ihren Regionalteilen auch bei zahlreichen Abonnenten der alten Heimatzeitungen: Viele steigen auf den WESER-KURIER um.

Als 1974 der Schünemann-Verlag die Bremer Nachrichten verkaufen möchte, kann der WESER-KURIER zugreifen. Fortan erscheinen beide Zeitungen unter dem Dach der Weser-Kurier GmbH, die 1980 umfirmiert zur heutigen Bremer Tageszeitungen AG.

Neue Geschäftsfelder

Über das tägliche Geschäft mit der gedruckten Tageszeitung hinaus engagiert sich der Verlag zunehmend auch in anderen Bereichen. Eine vorausschauende Entscheidung, denn noch kann niemand ahnen, dass mit der Erfindung des Internets sich allerlei ändern wird. So beteiligt sich der Verlag an den aufkommenden Privatradios, die zunächst als Todbringer für die gedruc kte Zeitung gelten – es später aber nicht werden. Beim ersten niedersächsischen Privatsender ffn steigt der Verlag 1986 ein, bei Radio Energy 2003 und bei Radio Roland 2018.

WK-Bikes tragen zur Mobilität bei.

WK-Bikes tragen zur Mobilität bei.

Foto: Michael Matthey

Andere Felder entwickeln sich ebenfalls zu wichtigen Stützen des Geschäfts: Nordwest-Ticket entsteht 2002 und bietet den Kunden den Service, Eintrittskarten aller Art bei ihrer Tageszeitung kaufen zu können. Und als der Staat den Postmarkt liberalisiert, dürfen auch andere Anbieter im Zustell­geschäft mitmischen. Der WESER-­KURIER ist mit der Citipost dabei, die sich ab 2006 in Bremen als regionales Unternehmen etabliert. Später kommen unter anderem WKbike mit Leihrädern in der Stadt und das WKcafé an der Langenstraße dazu.

Aber auch im gesellschaftlichen Leben muss eine Zeitung mehr mitspielen und Themen und Meinung setzen, das erwarten die Lesenden von ihrem Blatt. Und andere Produkte mit Qualitätsjournalismus. Es entstehen die Talksendung Weserstrand, Hochglanzmagazine und Bücher zu regionalen Themen, hochkarätige Konferenzen wie AutoDigital und die Grafik- und Textagentur WK|Manufaktur, die Kunden mit verschiedenen Dienstleistungen beliefert.

Leserservice

Aber auch das Blatt musst sich weiterentwickeln. Der steigende Bedarf an regionalen Nachrichten mündet 2002 in der Gründung der Stadtteilkuriere als Pendant zu den Regionalausgaben. Während es in Bremen-Nord die Norddeutsche gibt, bekommen die anderen Bremer Stadtteile jetzt zweimal wöchentlich eine eigene Ausgabe mit ganz lokalen Informationen und auch der Möglichkeit für Anzeigenkunden, auf kleinstem Raum zu werben. Also zum Beispiel der Schlachter oder Bäcker von nebenan.

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Dabei darf auch die gute Sache nicht fehlen: Seit 1998 sind über die vom Verlag initiierte Weihnachtshilfe viele Spenden zusammengekommen, mit denen der Verein bedürftige Menschen unterstützt. Der Verlag selbst ergänzt das mit der Förderung verschiedener kultureller und sozialer Einrichtungen: Bürgerpark, Focke-Museum, Philharmoniker, Musikfest, Music-Hall Worpswede und die Domfestspiele Verden sind nur einige der vielen Beispiele.

Digitalisierung

Mit dem Internet verändert sich dann auch die tägliche Redaktionsarbeit. Schon 1998 gründet der Verlag die Seite www.weser-kurier.de und geht mit den ersten Nachrichten aller Art auf digitalem Wege an den Start. Ein richtiger Schritt, der sich bis heute immer weiterentwickelt hat und im kommenden Jahr in einen erneut vollkommen neuen Internetauftritt mit hochwertigen Inhalten münden wird. Immer mehr digitale Angeboten finden dort ihre Nutzer, Podcasts, Bewegtbild, Fotostrecken und so fort. Seit 2005 gibt es die gedruckte Ausgabe auch als E-Paper, was sich vor allem mit der Verwendung auf mobilen Endgeräten als richtige Entscheidung herausgestellt hat. Das gilt auch für die Newsapp aus dem Apple-Store und Google Play, die mit Pushmeldungen die Bremerinnen und Bremer sofort informiert, wenn in der Stadt etwas Wichtiges passiert ist. Die Nutzerzahlen steigen kontinuierlich.

Dazu gesellt sich eine eigene Digitalagentur, die nicht nur für den WESER-KURIER, die Nordwest-Zeitung und die Wilhelmshavener Zeitung alle digitalen Dinge abwickelt, sondern sich auch am freien Markt mit der Entwicklung von Webseiten, digitalen Systemen und Strategien sowie dazugehörigen Produkten etabliert. Sie heißt seit 2017 AdNord und hat ihren Sitz in der Baumwollbörse. Die Sparkasse Bremen ist einer der größten Kunden.

Alles Dinge, von denen Hans Hackmack und Hermann Rudolf Meyer nichts geahnt haben. Wie sie es wohl gefunden hätten?

Weitere Informationen

Dieser Artikel ist Teil der Sonderveröffentlichung zum 75. Geburtstag des WESER-KURIER. Am 19. September 1945 erschien die erste Ausgabe unserer Zeitung. Anlässlich des Jubiläums blicken wir zurück auf die vergangenen Jahrzehnte: Erinnern uns an die Anfänge unserer Zeitung und auch an die ein oder andere Panne. Und wir schauen nach vorn: Wie werden Künstliche Intelligenz und der Einsatz von Algorithmen den Journalismus verändern? Natürlich denken wir auch an Sie, unsere Leser und Nutzer. Wer folgt unseren Social-Media-Kanälen, wer liest unsere Zeitung? Was ist aus den Menschen geworden, über die wir in den vergangenen Jahren berichtet haben? Und wie läuft er eigentlich ab, so ein Tag beim WESER-KURIER?

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