Von der Lebensader zur Kloake

Wie der Weserarm Balge das Stadtbild prägte

Unter dem Kopfsteinpflaster in der Schüttingstraße verbergen sich Überbleibsel aus dem Mittelalter, als der Weserarm Balge die Stadt zur Blüte brachte. Den Fund machten Stadtarchäologen vor wenigen Monaten.
14.03.2016, 00:00
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Von THOMAS WALBRÖHL

Unter dem derben Kopfsteinpflaster in der Schüttingstraße verbergen sich Überbleibsel aus dem Mittelalter, als der Weserarm Balge die Stadt zur Blüte brachte. Den Fund machten die Stadtarchäologen vor wenigen Monaten auf einer Baustelle. „Schon im 13. Jahrhundert wurde die Balge hier überbaut. Unsere These hat sich damit bestätigt“, sagt Dieter Bischop von der Landesarchäologie Bremen.

Einen Tag hatten die Archäologen Zeit, um die Zeugnisse der Vergangenheit zu sichten und zu katalogisieren. Wo heute das Pressehaus und das nahe Parkhaus sowie die beiden Hotels emporragen, floss im 8. Jahrhundert die Balge entlang. Südliche Uferstraße war die heutige Langenstraße. Durch archäologische Funde wird klarer, wie Bremen aufblühte, als im Herzen der Stadt die Balge floss.

Wer durch die mittelalterliche Innenstadt Bremens schritt, fand sich offenbar in einer Art Weser-Venedig wieder, mit Brücken und einem Netz von Weserarmen. Das berichtet Dieter Bischop, als Archäologe zuständig für die Altstadt Bremen. „Es gab im Mittelalter etwa ein Dutzend Brücken über die Balge. Deren Struktur hat sich über die Jahrhunderte hinweg stark verändert durch Erosion, Hochwässer und die Bremer“, sagt Bischop. „Ringsum standen kleinere Häuser, natürlich aus Holz sowie die simplen Holzpalisaden der Domburg“, beschreibt er. „Wo heute der Marktplatz ist, entstand der Stadthafen, der erste Hafen Bremens.“ Kleine Sandinseln, Werder, boten dem Binnenhafen Schutz vor Strömung.

„Die Balge war Lebens- und Wirtschaftsader der Stadt“, sagt Dieter Bischop. „Vom Weserufer aus, wo heute die Schlachte ist, fuhren Koggen von der Weser über die Schüttingstraße bis hin zum heutigen Marktplatz.“

Die Balge war dabei zentraler Handelsweg. „Hier kamen die friesischen Tuch- und Pferdehändler an oder rheinische Händler. Zu bestimmten Anlässen, wie dem St.-Willehadi-Markt, kamen hier die Leute zusammen, um zu handeln. Auch der Bischof profitierte vom aufkeimenden Handel.“

Ständig nagten Winter und Frühlingshochwasser oder Schmelzwasser an den Ufern. Über die Zeit verschob sich so das Flussbett, Sedimente lösten sich und lagerten sich andernorts wieder an, erzählt Bischop. Bremerinnen und Bremer trieben am Ufer der Balge Holzpflöcke in die Erde und stabilisierten es anschließend mit Flechtwerk. So legen es archäologische Spuren wie Matten oder Fischnetze nah, die im Erdreich unter den Gebäuden gefunden wurden, die der Stadt ihr heutiges Gesicht geben.

„Die Landeplätze für die Boote im Stadthafen waren zunächst seichte Erdrampen, keine Kaimauern, die steil abfallen“, beschreibt Bischop. „Schilfmatten schützten die Ufer, damit an den Landepunkten nicht weiter Erde abgetragen wurde.

Funde wie Kämme, Schmuck oder Waren, die die Archäologen katalogisiert haben, bezeugen den Lebensalltag der Bewohner von damals. Messingbarren, Schmuck, Abfall und selbst menschliche Schädel oder Schlittschuhe aus Tierknochen holten die Wissenschaftler ans Tageslicht. Vieles plumpste zufällig ins Hafenbecken, einiges wurde absichtlich dort entsorgt.

Ab 1200 setzte dann ein Bauboom ein. „Ein neues Stadtviertel entstand“, erläutert Bischop. Kaufleute bauten Steinhäuser über dem ehemaligen Flussgrund. Türme zählten zum Stadtbild. „Unten wurde gespeichert und oben wohnten dann die Kaufleute.“ Darunter waren offenbar wohlhabende Leute mit guten Verbindungen. Das belegen Schmuckstücke ferner Herkunft.

Auch Pilger waren in Bremen zu Gast. Die Archäologen fanden Pilgerzeichen des Heiligen Leonard, Abzeichen von Hostien, Perlen von Rosenkränzen, Pilgerhörner und Pilgermuscheln aus Santiago de Compostela. Kurzum: Die Stadt florierte. Die Balge indes, jahrhundertelang als Transportweg genutzt, wurde zusehends zugemüllt. „Etwa um 1200 war die Balge nur noch Entsorgungskanal, um Mist, Müll und Nachttöpfe los zu werden.“ Die Lebensader wurde zur Kloake. Zwar zog der Weserarm mittlerweile zwischen Mauern aus Sandstein dahin, maß allerdings vielerorts nur noch viereinhalb Meter. Nur noch kleinere Transportboote konnten von der Schlachte aus passieren, um Haushalte zu beliefern.

Um 1600 hatten sich Handel und Schiffsverkehr längst an die Schlachte verlagert. Bögen mit Datierung 1607 weisen darauf hin, dass die Balge zunehmend überbrückt und überbaut wurde. „Sie endete als unterirdischer Abwasserkanal“, sagt Bischop. „Um 1900 wurde sie ganz dicht gemacht.“

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Heute erinnern neben Straßennamen wie „Balgebrückstraße“ oder „Stintbrücke“ nur noch Bronzeschilder an den Verlauf der einstigen Lebensader, eingebettet ins Kopfsteinpflaster, über das heute Touristen flanieren. Etwa dort, wo vom Marktplatz die Klänge eines Schifferklaviers her wehen, in der Schüttingstraße.

Das nächste Puzzlestück erhoffen sich die Archäologen bei einer Grabung auf dem Gelände, wo heute Kühne und Nagel steht. „Vielleicht ging das frühmittelalterliche Balgebett ja auch bis dahin und gibt ein altes Schiff frei“, sagt Bischop.

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