Gebäude soll aufgestockt werden

Wie eine höhere Baumwollbörse die City attraktiver machen könnte

Die Baumwollbörse, mitten in Bremens guter Stube gelegen, soll in die Höhe wachsen. Warum eine Aufstockung ein Beitrag zu mehr Attraktivität in der City sein kann, hat uns das Präsidium erklärt.
13.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie eine höhere Baumwollbörse die City attraktiver machen könnte
Von Marc Hagedorn
Wie eine höhere Baumwollbörse die City attraktiver machen könnte

Leicht, transparent und viel Glas – so beschreibt das Präsidium die geplanten neuen Stockwerke.

Visualisierung: Kuehn Malvezzi + C. Felgendreher

Fritz Grobien lässt den Ausblick einen Moment lang auf sich und seinen Begleiter wirken. Dann zählt er im Uhrzeigersinn auf, was er sieht. Direkt zu seinen Füßen den Marktplatz, das Rathaus und den Dom. Rechter Hand liegt der Schnoor unter ihm, und etwas weiter hinten recken sich die Flutlichtmasten des Weserstadions in die Höhe. Grobien dreht sich ein wenig zur Seite, und die umgedrehte Kommode gerät in den Blick, dann im Nordwesten die Beck’s Brauerei, Wesertower und Hafen. „Daraus kann man doch etwas machen“, sagt Grobien. Und tatsächlich würden er und seine Mitstreiter gerne so bald wie möglich etwas aus diesem Ausblick machen.

Grobien gehört zum Präsidium der Bremer Baumwollbörse, die seit fast 120 Jahren im gleichnamigen Gebäude in der Wachtstraße residiert, mitten in Bremens guter Stube zwischen Böttcherstraße und Schnoor. Grobien ist hier sozusagen der Hausherr und dem Gebäude an diesem Vormittag buchstäblich aufs Dach gestiegen. Noch steht er hier oben unter freiem Himmel, aber lieber heute als morgen soll an dieser Stelle ein neues Stockwerk wachsen. Die Baumwollbörse will sich vergrößern.

Seit fünf Jahren gibt es sehr konkrete Pläne, das denkmalgeschützte Gebäude aufzustocken. Wenn es nach den Mitgliedern der Baumwollbörse geht, soll im Turm des Gebäudes eine Aussichtsplattform mit einem Festsaal entstehen. „Das wäre spektakulär“, sagt Jens Lukaczik, bis Sommer Präsident und jetzt Vizepräsident der Bremer Baumwollbörse, „das ist unser Traum, und dieser Traum lebt.“ Allerdings ist er finanziell allein vom Verein nicht zu verwirklichen.

Schiedsinstanz

Baumwollimporteure, Händler, Makler, Spediteure und Bankiers gründeten die Bremer Baumwollbörse 1872. Bis heute ist es ihre Aufgabe, mit 16 anderen Börsen das Baumwollgeschäft auf der ganzen Welt abzuwickeln. Die Bremer Baumwollbörse agiert als Schiedsinstanz bei Meinungsverschiedenheiten zwischen Geschäftspartnern, etwa über die Qualität der gelieferten Ware. Im 2015 eingeweihten und sanierten Labor werden Proben unter anderem aus Afrika, Asien und Amerika geprüft. „Bremen ist in der Branche überall auf der Welt ein Begriff“, sagt Lukaczik nicht ohne Stolz.

Haupteinnahmequelle des Vereins Bremer Baumwollbörse ist die Vermietung der Räumlichkeiten in dem imposanten Gebäude mit 12.000 Quadratmeter Fläche. Hier haben fast 60 Unternehmen ihren Sitz; Anwälte und Wirtschaftsprüfer, Beraterfirmen und Entwicklerbüros, Versicherer und Mediziner. Unten im Flügel entlang der Wachtstraße sitzen unter anderem ein Pub, ein Musikalienhandel, ein Second-Hand-Laden und ein Geschäft für Gartenbedarf, im Flügel an der Marktstraße sind es ein Bäcker, ein Reisebüro und ein Friseur. Zur Domsheide hin betreibt die BSAG ihr Kundenzentrum. Und von der Domsheide aus erfolgt auch die Zufahrt ins Parkhaus der Baumwollbörse.

Baumwollbörse Thema  Aufstockung des Gebäudes - Fritz A. Grobien

Fritz Grobien aus dem Präsidium will einen großen Wurf wagen.

Foto: Frank Thomas Koch

An der Marktstraße sollen zwei neue Teilgeschosse mit Büroräumen entstehen, an der Wachtstraße, die jetzt schon sechsgeschossig ist, ein siebtes, dazu kommt die Aufstockung des Parkhauses im weiteren Teil des Gebäudes. Architektonisch durchaus eine Herausforderung. Am Ende des Architektenwettbewerbs, den die Baumwollbörse gemeinsam mit dem Senator für Bau und Umwelt und der Hübschen/Knigge Architektengesellschaft vor sechs Jahren ausgeschrieben hatte, stand „ein kühner Entwurf“, wie Lukaczik ihn nennt, „leicht, transparent und mit viel Glas. Das hat man von uns in dieser Form vielleicht nicht erwartet.“

Aber die Baumwollbörse befindet sich seit einiger Zeit im Wandel. Jahrzehnte lang mit bremischem Understatement und kaufmännischer Nüchternheit geführt, ist sie dabei, sich zu öffnen. „Wir wollen keine Trutzburg sein“, sagt Lukaczik, „wir wollen für alle Bremerinnen und Bremer da sein.“ In den neuen Obergeschossen mit Festsaal könnten künftig Führungen und Feiern stattfinden. Einen „Beitrag zu einem neuen Stadterlebnis“ nennt Grobien die Erweiterung. Dazu gehört auch eine mögliche Öffnung der Innenhöfe für Fußgänger. Die Baumwollbörse wäre in dem Fall nicht trennendes, sondern verbindendes Element zwischen Böttcherstraße und Schnoor. Soweit die Vision, die bislang nur auf dem Papier existiert.

Strategischer Partner gesucht

Aber vielleicht werden aus den Ideen ja bald Taten. Bremen will seine Innenstadt ein Stück weit neu erfinden. Der Senat hat beschlossen, viel Geld in die Hand zu nehmen, um die Aufenthalts- und Erlebnisqualität in der City kurz- und mittelfristig zu erhöhen. „Die Baumwollbörse könnte Teil davon sein“, sagt Lukaczik, „wir wollen etwas entwickeln, und die Stadt will etwas entwickeln. Deshalb würden wir uns freuen, wenn man die Politik, Investoren, Eigentümer und Einzelhändler an einen großen Tisch bringen könnte. Ich bin mir sicher, dass dann vieles möglich wäre.“

Was möglich ist, hat der Verein mit der Renovierung des Turmsaals schon gezeigt. Viele Jahre war dort eine Arztpraxis untergebracht, jetzt ist an dieser Stelle ein Konferenzraum mit modernster Technik entstanden, Blick auf den Marktplatz inklusive. Für den großen Wurf aber braucht die Baumwollbörse einen strategischen Partner, einen Investor oder einen Ankermieter. Verkauft, das steht fest, wird das Gebäude nicht: „Das kommt nicht infrage“, sagt Lukaczik.

Die Baumwollbörse hat gerade eine druckfrische Informationsbroschüre über ihre Geschichte und ihre Aufgaben herausgebracht. Auf dem Titelbild ist das Gebäude noch so zu sehen, wie es aktuell aussieht. Ein kleines Bild vom Architektenentwurf zur Aufstockung findet sich erst im Innern. Die Botschaft ist trotzdem klar: „Wir sind offen für alles Neue“, heißt es im Begleittext, „und gehen auch mit Plänen und Ideen für unser Gebäude in die Zukunft“. Dass die Zukunft ein wenig dauern kann, schreckt die handelnden Personen nicht ab. „Wir sind es gewohnt, in großen Zeitzusammenhängen zu denken“, sagt Grobien. In zwei Jahren wird die Baumwollbörse 150 Jahre alt.

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