Auto- und Motorradposer

Wie die Polizei in Bremen PS-Protzer ausbremsen will

In immer mehr Städten geht die Polizei gegen Poser und Raser vor, die mit illegal getunten Fahrzeugen unterwegs sind. Eine Bestandsaufnahme für Bremen.
14.07.2018, 19:49
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Wie die Polizei in Bremen PS-Protzer ausbremsen will
Von Sabine Doll
Wie die Polizei in Bremen PS-Protzer ausbremsen will

Die Bürgermeister-Smidt-Brücke an der Schlachte ist eine beliebte Strecke für Motorrad- und Autofahrer.

Frank Thomas Koch

Die Bedingungen sind perfekt. Die Sonne scheint, die Temperaturen liegen auch am Abend noch deutlich über 20 Grad. Es ist Feierabend, die Menschen sitzen draußen in Cafés, Kneipen und Restaurants. An der Schlachte ist es proppevoll, Dutzende Menschen wechseln von der einen Seite der Flaniermeile zur anderen. Hochbetrieb. Und damit perfekte Bedingungen, um von möglichst vielen Menschen gesehen zu werden, wenn man es darauf anlegen will.

Kurz nach 19 Uhr an der Bürgermeister-Smidt-Brücke in Höhe der Schlachte. Der Berufsverkehr ist vorbei. Dort, wo sich am Tag Autos, Motorräder und Transporter mühsam von Ampelphase zu Ampelphase quälen, ist jetzt quasi freie Bahn. Taxifahrer Harald H., der mit seinem ganzen Namen nicht in der Zeitung stehen möchte, weiß, was gleich passieren wird.

„Warten Sie mal fünf Minuten, dann hören Sie es schon von Weitem“, verspricht er. Ganz so lange dauert es nicht. Aus Richtung Breitenweg fährt ein Motorrad auf die Brill-Kreuzung zu. Das Dröhnen und Blubbern ist deutlich zu hören. Auf der Brücke, die in die Neustadt führt, dreht der Fahrer auf und lässt sein Motorrad an einer Welle im Asphalt kurz abheben. Ob er zu schnell unterwegs war, ist schwer zu sagen.

"Das hat definitiv zugenommen"

„Aber viele andere sind es“, sagt Harald H., der mit seinem Taxi an der Schlachte auf Fahrgäste wartet. „Vor allem abends, an Wochenenden und bei schönem Wetter rasen die hier mit ihren getunten Kisten immer wieder vorbei, um die Leute zu beeindrucken“, sagt er und zeigt auf einen mattschwarzen, recht tief liegenden Mercedes.

Vor wenigen Minuten erst ist der Fahrer schon einmal hier vorbeigekommen, jetzt geht‘s in die andere Richtung. Kurz vor dem Schlachte-Überweg beschleunigt er den Wagen kurz mit einem lauten Knallen aus dem Auspuff. Harald H. ist seit 30 Jahren mit seinem Taxi in Bremen unterwegs, die Raser- und Poserstrecken kennt er aus dem Effeff.

„Breitenweg, Martinistraße, Discomeile, Korn- und Pappelstraße in der Neustadt, Hafenrandstraße, die Hemmstraße in Findorff“, zählt er als Beispiele auf. „Das hat definitiv zugenommen, früher gab es nicht so viele dicke Autos, die heute von den Herstellern selbst so hochgetunt und mit dem Versprechen für ein einmaliges Sounderlebnis verkauft werden. Und die sich heute offenbar viele Leute leisten können. Die kosten richtig viel Geld, da wundert man sich schon.“

Lesen Sie auch

Poser – der Begriff stammt aus dem Englischen – meint Auto- oder Motorradfahrer, die mit leistungsstarken und zum Teil auch illegal getunten Fahrzeugen unnötig Runden drehen. Die dort hin- und herfahren, wo sich andere Menschen aufhalten. Ihr Ziel: Aufmerksamkeit erregen und beeindrucken. Je nach Tuning sorgen die Fahrzeuge für eine erhebliche Lärmbelästigung – und oft fallen die Poser auch durch deutlich zu schnelles Fahren auf.

Die Hamburger Polizei hat im vergangenen Jahr eine eigene Kontrollgruppe „Autoposer“ gegründet (siehe Interview unten). „Anlass waren immer mehr Beschwerden von Bürgern, darauf hat die Politik mit der Einrichtung dieser Kontrollgruppe reagiert“, sagt die stellvertretende Leiterin der Spezialeinheit, Janina von Keßinger.

Bei Schallpegelmessungen an den Fahrzeugen würden die Beamten teilweise erhebliche Lärmverstöße feststellen: Die lautesten Wagen hätten Standgeräusche von um die 140 Dezibel erreicht – das könne mit einem startenden Düsenjet verglichen werden. Ende vergangenen Jahres ist der frühere Werder-Torwart Tim Wiese der Hamburger Spezialeinheit mit seinem Lamborghini ins Netz gegangen.

Keine klar umrissene Poser-Szene

Immer mehr Städte rüsten gegen zu laute und zu schnelle PS-Protze auf: Die Hamburger Spezialeinheit habe vor zwei Monaten Beamte in Oldenburg geschult, wie von Keßinger betont. Vorreiter für diese Vorstöße ist Mannheim, die 325.000-Einwohner-Stadt hat als erstes mit einer Spezialeinheit auf das Phänomen – und vor allem die Belästigung – durch Autoposer wegen zunehmender Beschwerden aus der Bevölkerung reagiert.

Bei schönem Wetter, abends und am Wochenende ist laut Polizei Autoposing besonders beliebt.

Bei schönem Wetter, abends und am Wochenende ist laut Polizei Autoposing besonders beliebt.

Foto: Frank Thomas Koch

Auch die Bremer Polizei bestätigt, dass das Phänomen bekannt sei und dagegen vorgegangen werde. Eine klar umrissene Poser-Szene existiere in Bremen aber nicht. „Posing findet überall dort statt, wo die Fahrzeugführer mit ihren leistungsstarken Fahrzeugen auch wahrgenommen werden – wo sich viele Menschen im Freien aufhalten, etwa an Bars, Cafés, Kneipen und Diskotheken“, betont Polizeisprecherin Jana Schmidt.

„Unsere Einsatzkräfte sind gehalten, typische Verstöße wie lautstarkes Beschleunigen, unnützes Hin- und Herfahren, kurzzeitige Geschwindigkeitsübertretungen und technische Manipulationen an Fahrzeugen zu unterbinden und etwa mit Bußgeldern oder Platzverweisen zu ahnden.“ Eine Kontrollgruppe zu dem Thema gebe es nicht, regelmäßig würden aber Schwerpunktkontrollen vorgenommen.

28 Geschwindigkeitsverstöße in drei Stunden

Schmidt: „Darüber hinaus reagieren wir auch auf Beschwerden, für das laufende Jahr sind weitere Schwerpunktmaßnehmen geplant.“ In der Fachabteilung für Verkehrssicherung gebe es speziell ausgebildete Mitarbeiter zum Thema technische Manipulation sowie unerlaubtes Tuning.

Für einen leitenden Beamten der Polizei reicht das nicht mehr aus: „Normale Streifenwagen-Besatzungen sind machtlos dagegen, weil man die technische Ausstattung nicht hat, um illegale technische Manipulationen vor Ort festzustellen und die Fahrzeuge dann vorübergehend für eine Überprüfung sicherzustellen“, sagt er. „Wir merken, wie schnell wir an unsere Grenzen kommen. Im Grunde müsste man wie Hamburg oder Mannheim reagieren, um wirklich etwas auszurichten – aber dafür braucht man auch das Personal.“

Kurz vor 21 Uhr auf der Neustadt-Seite der Bürgermeister-Smidt-Brücke. An der Westerstraße kontrolliert die Polizei die Geschwindigkeit der Fahrzeuge, die aus der Richtung Brill kommen. Am Abend zuvor gab es auch schon eine Kontrolle. In drei Stunden stellen die Beamten 28 Geschwindigkeitsverstöße fest – die Spitzenwerte liegen bei 81 und 98 Stundenkilometern. Erlaubt ist Tempo 50. „Wir werden auch in den kommenden Wochen konsequent Verkehrskontrollen durchführen“, kündigt Polizeisprecherin Schmidt an. „Im Blick haben wir dabei Geschwindigkeit, Ablenkung etwa durch Handys – und Poser.“

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+