Die Geschichte hinter der Geschichte

Wie das Projekt „Wir sind inklusive“ entstanden ist und warum

Für das Projekt „Wir sind inklusive“ ist unsere Autorin in den Alltag einer inklusiven WG in Bremen eingetaucht. Wie und warum hat sie das gemacht? Die Geschichte hinter der Geschichte.
04.07.2020, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Wie das Projekt „Wir sind inklusive“ entstanden ist und warum
Von Imke Wrage
Wie das Projekt „Wir sind inklusive“ entstanden ist und warum

Für "Wir sind inklusive" ist unsere Autorin in den Alltag in einer Bremer inklusiven WG eingetaucht.

Imke Wrage

Journalisten schreiben ungern über sich selbst. Sie sind Beobachter, Einordnende, menschliche Fragenkataloge, aber selten Gegenstand ganzer Texte. In diesem Fall ist das anders. Die folgenden Zeilen handeln nicht nur von dem Projekt „Wir sind inklusive“, sondern auch von mir, der Autorin. Dieser Text soll offenlegen, wo das Projekt begonnen hat und warum; Transparenz als Chance, die Recherche nachzuvollziehen - Transparenz als Blick hinter die Kulissen.

Journalisten haben eigenen Geschichten, eigene Erfahrungen. Manchmal können diese Ausgangspunkte für Ideen und Projekte sein. So wie in diesem Fall: Meine Eltern haben lange an einer Schule für geistig und körperlich eingeschränkte Menschen gearbeitet. Für sie war klar: Ihre Tochter kommt in einen Integrationskindergarten, lernt und spielt dort mit behinderten und nicht-behinderten Kindern. Später, während des Studiums, habe ich zwei Frauen mit Behinderung in eine gemeinsame Wohnung begleitet. Wir waren bei IKEA, haben Putzpläne erstellt, die dann nicht eingehalten wurden, haben Ausflüge gemacht und Krisen gemeistert. Menschen mit Behinderung begleiten mich schon immer. Für mich ist das normal. Für Menschen in meiner Umgebung oft nicht. Warum? Hier begann meine Recherche.

Laut Statistischem Bundesamt lebten zum Jahresende 2019 rund 7,9 Millionen schwerbehinderte Menschen in Deutschland. Experten zufolge wohnen die meisten davon bei den Eltern oder in stationären Heimen. Seit mehr als zehn Jahren gilt in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention. Diese besagt, dass Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben führen sollen - bei der Arbeit, im Alltag, genauso wie beim Wohnen.

Imke Wrage, 28, ist Volontärin beim WESER-KURIER. In ihrem Sonderprojekt "Wir sind inklusive" widmet sie sich den Fragen: Wie funktioniert inklusives Wohnen? Und was heißt das eigentlich: Inklusion?

Imke Wrage, 28, ist Volontärin beim WESER-KURIER. In ihrem Sonderprojekt "Wir sind inklusive" widmet sie sich den Fragen: Wie funktioniert inklusives Wohnen? Und was heißt das eigentlich: Inklusion?

Foto: Kim Torster

Ich habe mich gefragt: Wie selbstbestimmt kann ein Leben im Wohnheim oder bei den Eltern sein? Und was gibt es für Alternativen, bei denen Menschen mit Behinderung nicht unter sich bleiben, sondern mittendrin sind, inklusive? Dabei (und über einen Kontakt zu Daniela Buchholz, Mutter einer Tochter mit Down-Syndrom) bin ich auf das Konzept der inklusiven WG gestoßen. In Bremen gibt es zwei davon, in ganz Deutschland schätzungsweise 50. Das kam mir wenig vor. Grund genug, sich dem Thema zu widmen.

Ziel des Projekts war es, das Leben in einer inklusiven WG zu dokumentieren. Zu erfragen und beobachten: Was ist das überhaupt: Inklusion? Was braucht es, um so eine WG zu gründen? Wer lebt dort und wie? Was sind Chancen, aber auch Schwierigkeiten? Und: Warum gibt es bisher nur so wenige davon?

Meine Herangehensweise war eine persönliche. Eine, die versucht, den Begriff Inklusion greifbar zu machen, indem er Menschen zeigt, die ihn leben. Aus meiner Recherchezeit in einer inklusiven WG in der Überseestadt sowie aus Gesprächen mit Eltern und Experten sind Texte, Bilder sowie Videos entstanden. Wichtig war, die Bewohner selbst sprechen zu lassen – auch oder gerade die mit Beeinträchtigung. Viele der Videoaufnahmen sind nicht perfekt; sie sind ein Versuch, dafür authentisch.

Was ich persönlich aus der Recherche gelernt habe: Inklusion ist ein Prozess. Einer, der nicht immer bequem (und günstig) ist, der aber funktioniert, wenn Menschen zusammenrücken und offen für Veränderung sind. Inklusives Wohnen hat viele Facetten, viele Sprachen. Nicht jede der WG-Bewohnerinnen hat Worte dafür. Eine etwa nutzt Gesten, brummt, lacht, sagt damit ja oder nein. Trotzdem ist sie mittendrin im WG-Leben. Denn auch darum, habe ich gelernt, geht es bei Inklusion: Ums Dabeisein. Um Teilhabe. Darum, dass jede Stimme zählt.

Dieses Projekt hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es zeigt kleine Einblicke, Momentaufnahmen. Am Ende ist es auch das: Eine Einladung, Menschen (neu) zu begegnen.

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