Bremer Wissenschaftlerinnen erforschen fächerübergreifend die Auswirkungen der neuen Techniken Wie digitale Medien die Menschen verändern

Drei Jahre haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Bremen, Hamburg, Klagenfurt und Münster in unterschiedlichen Disziplinen an einem gemeinsamen Projekt gearbeitet. Ihre Fragen: Wie verändern digitale Medien die Menschen? Und umgekehrt: Wie nutzen, prägen und beeinflussen Menschen ihrerseits die digitalen Medien? Antworten geben Soziologinnen, Informatikerinnen, Medienwissenschaftlerinnen und Philosophen demnächst in einem Buch.
04.02.2013, 05:00
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Von Petra Scheller

Drei Jahre haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Bremen, Hamburg, Klagenfurt und Münster in unterschiedlichen Disziplinen an einem gemeinsamen Projekt gearbeitet. Ihre Fragen: Wie verändern digitale Medien die Menschen? Und umgekehrt: Wie nutzen, prägen und beeinflussen Menschen ihrerseits die digitalen Medien? Antworten geben Soziologinnen, Informatikerinnen, Medienwissenschaftlerinnen und Philosophen demnächst in einem Buch.

Horn-Lehe. Der Elfenbeinturm, in dem heute über "Digitale Medien in der Bildung" geforscht wird, wurde 1972 auf dem Bremer Unicampus aus Beton erbaut. Erst vor einigen Jahren ersetzten Architekten und Bauleute Beton durch Glas. Das Mehrzweckhochhaus (MZH), in dem die drei Wissenschaftlerinnen Corinne Büching, Julia Walter-Hermann und ihre Professorin Heidi Schelhowe seit einiger Zeit an ihrem Projekt arbeiten, glänzt seitdem durch viel Licht, Leichtigkeit und Transparenz – auch in wissenschaftlicher Hinsicht.

Im vergangenen Jahr erhielt die Bremer Universität für ihr interdisziplinär aufgestelltes Zukunftskonzept ein Exzellenz-Zertifikat. Praktisch heißt das, dass Wissenschaftlerinnen wie Corinne Büching aus der Soziologie und Julia Walter-Hermann aus den Kulturwissenschaften mit der Informatik-Professorin Heidi Schelhowe zusammenarbeiten, um Erkenntnisse aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen zu einem großen Ganzen zusammenzufügen.

Heidi Schelhowe ist als Konrektorin der Universität vor allem an der Nachwuchsförderung interessiert. Sie hat die beiden wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen ausgesucht, um mit ihnen gemeinsam an einem großangelegten Forschungsprojekt zu arbeiten, an dem gleich mehrere Universitäten beteiligt sind: "Subjektkonstruktionen und Digitale Kultur" lautet der Titel der Studie. Dahinter verbirgt sich die spannende Frage, wie das Internet und die digitalen Medien die Menschen und ihre Wahrnehmung verändern. Damit einher gehen die Fragen: Welche Auswirkungen haben virtuelle Wirklichkeiten auf unser Sein? Und welche Möglichkeiten eröffnen uns die "ausgedachten Welten"?

Um das herauszufinden, haben die Wahlbremerinnen für ihren Teil der Studie Jugendliche, Frauen und Männer im Alter von 15 bis 30 Jahren zu Workshops in die Labors der Arbeitsgruppe "Digitale Medien in der Bildung" eingeladen – "also all jene, die mit digitalen Medien bereits aufgewachsen sind", wie die Forscherinnen erläutern.

Das Forschungsprojekt verbindet Technologie-, Geistes- und Sozialwissenschaften sowie Informatik und Erziehungswissenschaften. Heidi Schelhowe leitet die Arbeitsgruppe seit über zehn Jahren sehr erfolgreich. Der Germanistin, Lehrerin für Katholische Theologie und promovierte Informatikerin, liegt die Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen sehr am Herzen. "Nur mit dieser Verbindung können wir eine höhere Qualität von Hardware und Software für verschiedene Bildungsbereiche erreichen", sagt die Professorin. Ihr Ziel als Pädagogin und Informatikerin ist es, Kinder und Erwachsene hinter die Fassaden von digitalen Medien blicken zu lassen, sie anzuregen, sich nicht gängeln zu lassen, sondern selbst das Zepter in die Hand zu nehmen. "Sie sollen das, was darin, darum und mit ihnen passiert auch verstehen und hinterfragen können", erklärt Schelhowe ihren Forschungsansatz.

Die Analyse im Bereich "Subjektforschung" könne dabei helfen zu erkunden, "wo die Gesellschaft derzeit steht, wo Potentiale liegen, wie sie entwickelt werden kann", so Schelhowe. Mit dieser Idee im Hinterkopf bauen Büching und Walter-Hermann ihre Versuchsreihen auf: 60 junge Leute aus unterschiedlichen Berufen und mit unterschiedlicher Bildung suchen sich dann ein Workshopangebot ihrer Wahl aus. Sie können Kleider mit Hilfe digitaler Medien erstellen, einen Roboter bauen, Theater mit Hilfe technischer Medien inszenieren oder selbst ein digital animiertes Model erfinden, entwerfen und dreidimensional ausdrucken.

Die Wissenschaftlerinnen untersuchten dann die Wechselwirkung von Mensch und digitalem Medium. Corinne Büching nennt einige Fragen, die sie unter anderem auswertet: "Welches Medium wird ausgewählt? Zu welchen Handlungen lassen sich die Teilnehmer verleiten? Wollen sie den Hintergrund der Software verstehen und das Verhalten der Figuren und Prozesse vielleicht sogar verändern?". Biografien, Lebensweisen und Lebenszusammenhänge der Versuchspersonen gehen ebenso in die Untersuchung mit ein wie die Einstellung der Probanden zu digitalen Medien und deren Nutzung im Alltag.

Herausgekommen sind dabei sechs verschiedene Subjektkonstruktionen, für die die Wissenschaftlerinnen noch passende Namen suchen, um sie möglichst treffend zu beschreiben. Wichtig dabei ist: Vier der sechs Typen leben und lernen mit digitalen Medien, beziehen sie reflektierend in ihr Leben ein und "wachsen mit und an ihnen, beeinflussen diese Medien ihrerseits und beziehen sie sinngebend in ihre Lebenszusammenhänge ein", wie es heißt. Nur zwei Typen werden als "Risikogruppen" eingestuft. Diese interessieren sich entweder zu wenig für die Medien und ihre Software, die sie im Alltag verwenden, beispielsweise werde nicht hinterfragt, warum Facebook dem jeweiligen Nutzer nur bestimmte Freunde anbiete. Ein zweiter Typus sei zu "kontrollierend" und "starr" im Umgang mit digitalen Medien, verkenne die Veränderungsmöglichkeiten, die im Umgang mit neuen Medien gestaltet werden könnten. Interessant sei, dass ein großer Teil der Versuchspersonen ein neugieriges Lernverhalten in Bezug auf digitale Medien zeige, sich gerne inspirieren lasse und deutliche Lernfortschritte bei der Anwendung neuer Software zeige. Schelhowe schließt daraus, dass wir als Gesellschaft dringend angehalten sind, "Erfahrungsräume zu öffnen, in denen Menschen sich mit digitalen Medien und ihrer Software auseinandersetzen können". Menschen wollen durchschauen, was da passiert, ergibt die Studie. Für sie als Wissenschaftlerin stellt sich die Frage "Welche Lernarrangements muss man stricken, um diesem Wissensbedürfnis entgegen zu kommen?" Sie beobachte besonders in bildungsnahen Haushalten weiterhin eine "technikskeptische Haltung".

Schelhowes Prognose: Zukünftig sind digitale Medien nicht wegzudenken. "Es ist wichtig für die gesellschaftliche Teilhabe und deren Gestaltung, sich auf die virtuelle als eine mögliche Welt einzulassen." Denn schon jetzt würden in den Subjektkonstruktionen Virtuelles und Materielles miteinander verschmelzen. "Gegensätze von Virtuellem und Physischem, Geist und Materie, wie sie in der abendländischen Kultur in vergangenen Jahrhunderten gezeichnet wurden, lassen sich heute so nicht mehr aufrechterhalten", sind sich die Wissenschaftlerinnen einig.

Der Beitrag "Lernen in Interaktion mit Digitalen Medien" von Corinne Büching, Julia Walter-Hermann und Heidi Schelhowe wird voraussichtlich zum Frühlingsanfang in dem Buch "Digitale Subjekte. Praktiken der Subjektivierungen in Medienumbrüchen" (Preis: rund 25 Euro) im Transcript-Verlag erscheinen.

Wie digitale Medien die Menschen verändern

Bremer Wissenschaftlerinnen erforschen fächerübergreifend die Auswirkungen der neuen Techniken

Zitat:

"Wollen die Nutzer den

Hintergrund der Software wirklich verstehen?"

Einer der Forschungsansätze des Teams

Wie digitale Medien die Menschen verändern

Bremer Wissenschaftlerinnen erforschen fächerübergreifend die Auswirkungen der neuen Techniken

Zitat:

"Zukünftig sind

digitale Medien

nicht wegzudenken."

Professorin Heidi Schelhowe

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