Operationen

Wie ein Bremer Arzt den Traum von Saidi wahr macht

Der Orthopäde Michael Fakharani aus Blockdiek reist regelmäßig in Armuts- und Krisengebiete. In Tansania, seinem jüngsten Projekt, operiert er Kinder mit Klumpfüßen.
07.11.2017, 21:09
Lesedauer: 5 Min
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Von Edgar Emken
Wie ein Bremer Arzt den Traum von Saidi wahr macht

Nach gelungener Operation: Der Bremer Orthopäde Dr. Michael Fakharani mit seinem 14-jährigen Patienten Saidi in Tansania.

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Seit er denken kann, träumt Saidi davon, mit seinen Freunden auf dem Fußballfeld dem Ball hinterherzurennen, wie alle anderen auch, und vielleicht sogar ein Tor zu schießen. Doch bisher ging das nicht. Denn der 14-jährige Junge wurde mit zwei verdrehten Füßen geboren. Knochen und Sehnen waren so stark nach innen verbogen, dass seine Fußflächen nach oben zeigten.

Als ganz kleines Kind stehen und gehen zu lernen war für ihn eine schmerzhafte Tortur. Klumpfuß ist die landläufige Bezeichnung für diese Fehlstellung. Als Saidi älter wurde und seine Freunde beim Fußball spielen hin- und herrannten und Tore schossen, durfte er nur ab und zu im Tor stehen, konnte dort nur unbeholfen herum hüpfen und musste seinen Freunden beim Laufen zuschauen.

Doch jetzt wird sein Traum wahr. Das verdankt er dem Bremer Arzt Michael Fakharani und weiteren Ärzten aus Deutschland, die nach Tansania gereist sind, um Saidi und seinen Leidgenossen zu helfen. Seit 30 Jahren ist Fakharani im Einkaufszentrum Blockdiek niedergelassener Facharzt für Orthopädie.

Medizin und Völkerkunde

Alle zwei Jahre fährt er auf eigene Kosten in Entwicklungsländer, um die Menschen dort kostenlos medizinisch zu versorgen. Manchmal begleitet ihn seine Ehefrau Heike, eine gelernte Krankenschwester. In Indonesien behandelte er Lepra-Patienten, in Togo Kinder mit schweren Beinverletzungen, in Dschibuti und Somalia Kinder mit Kriegsverletzungen und Deformationen als Folge von Kinderlähmung.

Neben Medizin schloss Michael Fakharani ein Völkerkunde-Studium ab. „Ich hatte gehofft, diese zwei Fächer in Entwicklungsländern zum Wohle der Menschen einsetzen zum können“, sagt der Orthopäde. Er beherrscht außerdem Indonesisch, Englisch, Französisch und Arabisch.

Auch der kleine Godfray (4 Monate) kam mit zwei Klumpfüßen zur Welt. Ihm bleibt die spätere Operation erspart. Seine jungen Gliedmaßen sind noch so weich und biegsam, dass sie durch Eingipsen gerichtet werden können. Nach wenigen Monaten kann er normal laufen lernen.

Auch der kleine Godfray (4 Monate) kam mit zwei Klumpfüßen zur Welt. Ihm bleibt die spätere Operation erspart. Seine jungen Gliedmaßen sind noch so weich und biegsam, dass sie durch Eingipsen gerichtet werden können. Nach wenigen Monaten kann er normal laufen lernen.

Foto: FR

In Tansania, seinem jüngsten Projekt, operiert er Kinder mit Klumpfüßen. Zu ihnen gehört der 14-jährige Saidi. Er hat sich mit seinen Eltern vom Makonde-Plateau im Südosten von Tansania auf den 50 Kilometer langen und beschwerlichen Weg nach Ndanda gemacht. Vor achtzig Jahren haben Benediktiner-Mönche aus Tutzingen hier ein Krankenhaus aufgebaut, um die unter ärmsten Verhältnissen lebenden Menschen medizinisch versorgen zu können. Angeschlossen sind eine Autowerkstatt, eine Schule und eine Druckerei.

Zweithäufigste angeborene Skelettmissbildung

Das St. Benedict‘s Ndanda Referral Hospital ist ein Sammelbecken für alle Krankheiten von Lepra bis Herzinfarkt. Doch es mangelt hier an vielem. Der einzige Chirurg vor Ort kann bei weitem nicht allen helfen. Vorallem für Menschen mit so schweren Behinderungen wie Saidi fehlen Wissen und Mittel.

Darum hat Michael Fakharani zusammen mit Ärzten aus Erdingen, Köln und München eine komplette Operations-Ausrüstung aus Deutschland mitgebracht – von den OP-Hauben über die chirurgischen Instrumente bis zum Nahtmaterial. Durch Presse und Radio wurden die Menschen vor Ort zuvor über das Hilfsangebot informiert.

„Der Klumpfuß ist die zweithäufigste angeborene Skelettmissbildung“, berichtet Fakharani. In Europa sind ein bis zwei von tausend Neugeborene davon betroffen, in Afrika knapp drei von tausend Babys, Jungen doppelt so häufig wie Mädchen, und zu 50 Prozent an beiden Füßen.

Ein Leben unter Qualen

Eigentlich ist diese Fehlbildung gut behandelbar. Michael Fakharani: „In Deutschland werden die noch weichen, formbaren Fußknochen gleich nach der Geburt mehrere Monate lang durch immer wieder neue Gipsverbände in die richtige Stellung gebracht. Danach tragen die Kleinkinder für einige Zeit eine Schiene am Schuh, und dann können sie normal laufen.“

Unterbleibt diese Sofortmaßnahme, verhärten Sehnen und Knochen, und die Betroffenen müssen mit ihren verrenkten Gliedern leben. Ein Leben unter Qualen. „Das Laufen auf den Außen- oder sogar Rückseiten ihrer verdrehten Füße verursacht starke Schmerzen, und so können diese Menschen immer nur kurze Strecken zurücklegen. Oft ist auch das Sprunggelenk verformt.“

Vor einem Jahr wurde der erste Klumpfuß von Saidi operiert. In diesem Jahr korrigierte Fakharani auch den rechten Fuß, damit Saidi ohne Schmerzen laufen kann.

Vor einem Jahr wurde der erste Klumpfuß von Saidi operiert. In diesem Jahr korrigierte Fakharani auch den rechten Fuß, damit Saidi ohne Schmerzen laufen kann.

Foto: FR

Hier in Tansania ist es nicht nur der körperliche Schmerz, der den Betroffenen das Leben zur Hölle macht. Es ist auch der Aberglaube. Von ihren Mitmenschen werden sie häufig als minderwertig gemieden, weil es heißt: „Eine Mutter, die vor der Schwangerschaft fremdgeht, bringt ein solches Kind zur Welt.“ Dann müssen beide Spießruten laufen – Mutter und Kind.

Schwerstarbeit für die Ärzte

Hinzu kommt, dass die verkrüppelten Kinder nicht bei der Feldarbeit helfen können, die in dieser ländlichen Gegend überlebenswichtig ist. Trotz der Schmerzen bei jedem Schritt haben es viele zu Fuß zum Hospital der Benediktiner in Ndanda geschafft. Halbwüchsige wie Saidi, der so gerne Fußball spielt.

Eltern mit ihren verkrüppelten Kindern, die sie kilometerweit unter der sengenden Sonne auf den Armen tragen. Für die Ärzte bedeutet die Behandlung Schwerstarbeit. Bei knapp 40 Grad Hitze stehen sie täglich mehr als acht Stunden am OP-Tisch. Eine Klimaanlage gibt es hier nicht. Gut drei Stunden dauert die Operation eines Fußes.

Um ihn in seine normale Stellung zu bringen, entfernen die Operateure ein Stück vom Knochen, bringen schief sitzende Sehnen in die richtige Lage, verlängern die Achillessehne. „Für uns Ärzte ist es beruhigend, dass hier auch die Nachsorge gewährleistet ist“, sagt der Bremer Orthopäde. „Pater Patrick, der einheimische Chirurg vor Ort, kümmert sich um die Wundversorgung, der Krankengymnast und Physiotherapeut Edgar ist für die Bewegungstherapie zuständig.“

Ein gutes Gefühl

Nach zwei Wochen haben die Ärzte 26 große und kleine Patienten operiert. „Viele mussten wir ablehnen, weil sie mit anderen Leiden wie Lähmungen oder neurologischen Krankheiten zu uns kamen.“ Doch es sei ein gutes Gefühl, so vielen Menschen helfen zu können, ergänzt Michael Fakharani.

Dafür bekommen er und seine Kollegen keinen Cent. Vom Flug nach Afrika bis zur Unterbringung und Verpflegung vor Ort zahlen sie alles aus eigener Tasche. „Der schönste Dank, den wir bekommen, ist der Satz ,Thank you, doctor‘. Das geht mir jedes Mal ans Herz.“

Einige der Patienten sind schon zum zweiten Mal hier. Zu ihnen gehört auch der 14-jährige Saidi. Vor zwölf Monaten wurde sein rechter Fuß in die richtige Stellung gebracht, jetzt ist der linke an der Reihe. In ein paar Monaten, wenn die Narben verheilt sind, wird er auf dem Fußballplatz mit seinen Freunden um die Wette rennen.

Jetzt hat Saidi Tränen in den Augen: „Darauf freue ich mich so sehr!“ Michael Fakharani wird die Genesung von Saidi weiter beobachten. Denn gemeinsam mit der Kinderorthopädin Dr. Ute Brückner von der Prof.-Hess-Kinderklinik weitet er das dortige Projekt aus, um die Versorgung der Kinder mit Beinschienen zu sichern.

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