Per Anhalter zum Festival

Wie ein Bremer das Woodstock-Festival erlebte

So richtig wusste Ingo Trauer nicht, was ihn erwartet. Mehr durch Zufall landete er 1969 beim Woodstock-Festival. Heute, 50 Jahre später, erinnert er sich an diese Erfahrung. An Regen und an lange Autofahrten.
29.06.2019, 05:57
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Wie ein Bremer das Woodstock-Festival erlebte
Von Alexandra Knief
Wie ein Bremer das Woodstock-Festival erlebte

Damals wie heute: Lange Haare, voller Bart. Ingo Trauer etwa drei Jahre nach Woodstock (oben) und heute, mit dem Original-Stirnband von früher.

Privat

Der breite braune Ledergürtel von damals passt nicht mehr. Wie sehr Ingo Trauer auch daran zieht und zupft, es fehlen zwei, drei Zentimeter. Aufgehoben hat der Bremer den Gürtel dennoch, denn er erinnert ihn an eine Reise, zu der er vor fast genau 50 Jahren aufbrach. Eine Reise zum Woodstock-Festival in Bethel.

Trauer, der sein Leben lang als Drucker und Gestalter arbeitete, hebt gerne Dinge auf. Beziehungsweise „bewahrt“ sie, wie er selbst betont. Sein Haus in der östlichen Vorstadt gleicht einer Wunderkammer. In fast allen Zimmern ragen die prall gefüllten Regale bis zur Decke, in ihnen stapeln sich Bücher, Magazine, Platten und andere Relikte, die Trauer im Laufe seines Lebens gesammelt – pardon – bewahrt hat. An jeder freien Wandfläche hängen Bilder oder Blechschilder, die an längst vergessene Zeiten erinnern. Besucher geraten schnell in Versuchung, sich in den Schätzen zu verlieren, die es hier zu entdecken gibt. Für Ingo Trauer ist das Alltag.

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Dass seine Schatzkammer schon was her macht, weiß Trauer. Doch damit prahlen oder gar mit den vielen verblüffenden Geschichten angeben, die er zu erzählen hat, das ist nicht seine Art. Er erzählt sie ganz beiläufig. Zum Beispiel die Geschichte, wie er 1969 quasi aus Versehen beim Woodstock-Festival gelandet ist.

Spontane Planänderung

Eine Freundin von Trauer arbeitete damals bei British Airways und durfte auf ihren freien Flügen jemanden mitnehmen. Sie wollte nach New York, um Freunde zu besuchen und lud Trauer ein, sie zu begleiten. Eigentlich wollte er von New York weiter nach Toronto zu Verwandten fliegen. „In New York angekommen, war der Plan allerdings schnell raus aus meinem Kopf“, sagt er. Denn es lag etwas in der Luft. Und der Bremer ließ sich mitreißen.

Bereits drei Tage vor Festivalbeginn landete Trauer in New York. „Meine Freundin und ihre amerikanischen Freunde planten schon, wie wir am besten zum Festivalgelände kommen“, erinnert er sich. Insgesamt waren sie zu neunt. „Für die anderen war klar: Da muss man hin. Ich war eher Mitläufer und hatte keine Vorstellung, was mich erwartet.“

Ingo Trauer etwa drei Jahre nach Woodstock.

Ingo Trauer etwa drei Jahre nach Woodstock.

Foto: Privat

Das Stirnband, das er damals beim Festival trug, habe er noch, wirft der heute 79-Jährige beiläufig ein und steht auf, um es zu holen. Es ist türkis. „Woodstock with Love“ steht in orangefarbenen Buchstaben darauf. „Ja, die Sechziger waren schon ein besonderes Jahrzehnt“, sagt er überzeugt, während er das Stirnband zwischen seinen Fingern dreht. Die Leute hatten Lust auf Rebellion – auch in Bremen: „Ein Kollege in der Druckerei ließ sich einen Bart wachsen“, erinnert sich Trauer. „Als der Meister ihn anwies, ordentlich zu erscheinen, hat die ganze Belegschaft – 46 Männer – aufgehört sich zu rasieren.“ Die Sechziger waren ein Jahrzehnt, in dem man keine Kompromisse mehr machte, sagt Trauer. Dazu gehörte auch, sich einfach mal treiben zu lassen. Nach New York zum Beispiel.

Zwei Tage unterwegs

Einen Teil der Strecke von New York nach Bethel legten Trauer und seine Freunde mit dem Schiff zurück. „Immer den Hudson River entlang“, sagt er, „von da aus dann westwärts.“ Wie genau? Per Anhalter natürlich, verteilt auf verschiedene Autos. „Wir wurden mehr oder weniger weitergereicht.“ Und im Gegensatz zu vielen anderen Menschen schaffte die Gruppe es auch bis zum Festivalgelände – nachdem sie rund zwei Tage unterwegs gewesen war. „Wie wir genau dort angekommen sind, weiß ich nicht mehr, das war ja auch ein ziemlicher Nebel damals“, sagt Trauer und setzt einen verschmitzten Sie-verstehen,-was-ich-meine-Blick auf. „Ohne Drogen zu beschönigen, war das schon eine gute Zeit.“

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Auf dem Festivalgelände angekommen wurden Trauer und seine Freunde von strömendem Regen begrüßt. „Das war das reinste Schutzsuchen, und Unterstände gab es nicht“, sagt er. „Wir standen da, mit Planen über den Köpfen, Hauptsache halbwegs trocken.“ Doch so richtig half auch das nicht: „Irgendwann haben wir einfach im Dreck gesessen. Als es dann trockener wurde, blätterte der wieder ab.“

Heute würde er sich so etwas nicht mehr antun, beteuert Trauer. „Aber damals gehörte das dazu.“ Keiner habe gemurrt, keiner habe schlechte Laune bekommen. „Alles war bunt und gut gelaunt“, sagt er. Es sei damals nicht wie bei anderen Festivals oder Konzerten gewesen, wo man an einer Stelle bleibt und konzentriert zuhört. „Es war eher ein Hin- und Herziehen. Eine Begegnungsgeschichte und wir alle waren eine freudige Notgemeinschaft.“

Mit Melanie im Federbett

Besonders gut in Erinnerung geblieben ist Trauer der Auftritt von Arlo Guthrie. „Er war eher ein Geschichtenerzähler als ein Sänger“, sagt er. „Und obwohl mein Englisch nicht so super war, hat er einfach so eine Ruhe und Intensität ausgestrahlt, die mich sehr beeindruckt haben.“ Auch der Auftritt von Melanie brannte sich ins Gedächtnis des damals 29-Jährigen ein. Das hat auch einen Grund: Er sah Melanie später wieder, und zwar in Bremen, als die Sängerin in den Siebzigern beim Beat-Club auftrat. Trauer hatte damals das Logo für die Musiksendung entworfen und als freier Mitarbeiter hinter den Kulissen geholfen. „Ich bin mit Melanie damals zu Harms am Wall gefahren, um Federbetten zu kaufen“, sagt er. Diese habe es in den USA nicht gegeben. „Sie war Feuer und Flamme.“

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Doch zurück zu Woodstock. Trauers Freundin musste sich jeden Tag bei British Airways melden, um zu erfragen, wann sie wieder in den Flieger muss. Am Montag ging der Flug nach Deutschland, also war die Gruppe gezwungen, sich schon am Sonnabend auf den Weg zurück nach New York zu machen. Jimi Hendrix hat Trauer deshalb leider verpasst. Genauso wie The Who oder The Greadful Dead, die er auch sehr gerne gesehen hätte. Vielleicht, sagt er, war das aber auch gut so: „Wir hatten zwar einen großen Beutel mit Essen dabei, aber der wurde auch immer kleiner. Es kam gerade so hin, dass wir mit knurrenden Mägen wieder zurückgefahren sind.“ Wieder dauerte es rund zwei Tage, die 160 Kilometer von Bethel nach New York zurückzulegen. „Und es sind uns immer noch viele Menschen entgegengekommen“, sagt Trauer. „Es war aber schon alles gesperrt. Da kam keiner mehr hin!“

Ob Woodstock ihm als schönes Erlebnis in Erinnerung geblieben ist? Auf diese Frage hat Trauer eine einfache Antwort: „Mein ganzes Leben ist eine Aneinanderreihung von schönen Erlebnissen.“ Trauer bewahrt sie. So wie die Schätze in seiner Wohnung. Woodstock wird immer ein Teil davon sein.

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