Serie: Mein erstes Mal Wie ein Bremer Jäger seinen ersten Abschuss erlebt hat

Marco Rentzmann ist Jungjäger. Vor dem ersten Abschuss schlug sein Herz bis zum Hals, erzählt der Bremer.
02.02.2020, 13:53
Lesedauer: 3 Min
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Wie ein Bremer Jäger seinen ersten Abschuss erlebt hat
Von Felix Wendler

An einem Abend im Mai 2018 war es soweit. Es dämmerte schon, als der Rehbock aus der Deckung in Schussweite trat. 45 Minuten vergingen, bis das Tier im richtigen Winkel zu mir stand. Freies Schussfeld, keine Gräser oder Zweige, die das Projektil eventuell hätten ablenken können. Ich habe die Waffe eingestellt, das Zielfernrohr richtig visiert. Noch ein paar Mal durchgeatmet, um die Nerven zu beruhigen. Ich wollte den perfekten Schuss setzen.

Ich bin Jungjäger – so nennt man Jäger, die weniger als drei Jahre dabei sind. Meine Lebensgefährtin und ich sind beide sehr naturverbundene Menschen und waren schon immer viel draußen unterwegs. Irgendwann hat sie vorgeschlagen, dass wir den Jagdschein machen. Wir haben dann erfahren, wie umfangreich die Ausbildung zum Jäger ist. Viele nennen die Prüfung auch das „Grüne Abitur“. Man muss sich wirklich sehr intensiv mit der Theorie auseinandersetzen, aber bekommt auch viele praktische Dinge gezeigt. Das hat mich sehr gereizt. Wir wollten uns außerdem etwas von der Massentierhaltung distanzieren. Wenn man Fleisch isst, dann am besten etwas Selbsterlegtes. Da können wir uns sicher sein, dass es Bioqualität ist und das Tier ein normales Leben hatte.

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Wir leben hier in Bremen als Großstädter irgendwie abgeschnitten von der Land- und Forstwirtschaft. Heute herrscht eine ganz andere Auffassung von Umwelt und Ökologie als noch vor 70 oder 80 Jahren – und besonders davon, einem anderen Lebewesen das Leben zu nehmen. Ich bin seit über 30 Jahren begeisterter Angler und habe natürlich Fische für den Verzehr getötet. Gerade wenn man das eine Zeit lang nicht mehr gemacht hat, ist das schon ein komisches Gefühl. Beim Jagen ist das ähnlich, nur noch etwas intensiver. Da ist genau der Rehbock vor der Flinte, den man schießen will und darf. Alles passt. Und dann überlegt man: Wenn ich jetzt den Finger krumm mache, dann stirbt ein Säugetier. Das ist schon eine Sache, die einem ans Herz geht.

Sowas ist nicht einfach und wird es wohl auch nie. Sogar ein alter Jäger mit 80 oder 85 Jahren überlegt jedes Mal sehr, sehr genau: Mache ich das jetzt oder mache ich das nicht? Der Herzschlag geht bis zum Hals, man stößt Adrenalin ohne Ende aus. Alles soll perfekt sein, damit das Tier keine Qualen erleidet. Das sind Sachen, die einem vor dem Schuss durch den Kopf gehen. Aber dann muss man Emotionen und Adrenalin auch wieder runterfahren, sich auf den perfekten Schuss konzentrieren.

Mein erster Schuss saß auf den Zentimeter genau. Es gab trotzdem einen kleinen Schreckmoment, weil ich als Jungjäger noch nicht so genau wusste, wie das Tier nach dem Schuss reagiert. Manchmal fällt es einfach mit einem Knall um und liegt ruhig auf dem Boden. Bei mir ist der Rehbock zwar durch den Schuss sofort gestorben, aber aufgrund von Nervenzuckungen oder Adrenalin noch ein paar Schritte weitergelaufen. Da ist mir das Herz in die Hose gerutscht. Der Bock ging dann aber doch zu Boden und mein Adrenalin etwas zurück. Nach dem Abschuss habe ich noch 15 bis 20 Minuten auf dem Hochsitz gewartet. Es kommt nämlich manchmal vor, dass der Schuss nicht perfekt sitzt und das Tier nach einigen Minuten wieder aufsteht. Wenn der Jäger das Wild dann aufschreckt, setzt es möglicherweise unter Adrenalin zur Flucht an.

Es ist Sitte in Deutschland, dem erlegten Wild den letzten Bissen zu verabreichen. Dazu bricht der Jäger einen kleinen Eichenzweig ab und steckt ihn dem Bock ins Maul. Einen weiteren Zweig legt man auf Höhe des Einschusses. Damit erweisen wir dem Tier die letzte Ehre und danken dafür, dass es uns zum Verzehr dient. Wenn man alleine jagt, mutet diese Prozedur vielleicht etwas merkwürdig an, aber das gehört einfach dazu. Währenddessen baue ich dann auch das Adrenalin ab und komme langsam wieder zur Ruhe.

Ich führe alle Schritte vom Schuss bis zum Braten auf den Teller selbstständig durch. Das machen die allermeisten Jäger so. Nach dem Abschuss sollte man das Wild innerhalb einer Stunde aufbrechen – also die Gedärme rausholen. Gerade im Sommer ist das wichtig, damit das Tier schnell auskühlen kann. Anschließend hängt das Stück dann einige Tage in der Kühlkammer. Dort wird es dann fleischreif, wie es bei uns heißt. Danach kann man das Fell abziehen, das Fleisch portionieren, vakuumieren und einfrieren.

Aufgeschrieben von Felix Wendler.

Info

Zur Person

Marco Rentzmann ist 46 Jahre alt. Er wohnt mitten in der Bremer Innenstadt und arbeitet als Betriebs- und Medienwirt. Seinen ersten Abschuss hatte der Hobbyjäger in einem Revier in Bassen, zwischen Oyten und Fischerhude.
Es ist ihm wichtig, das negative Bild der Jäger in der Öffentlichkeit durch Gespräche zu korrigieren.

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