Ausweitung des Angebotes wird geprüft

Wie ein Hemelinger Projekt Alleinerziehenden in Bremen hilft

Kinder werden von der Grundschule abgeholt, bekommen Mittagessen und werden betreut, bis ihre Mutter von der Arbeit nach Hause kommt: Das Hemelinger Projekt Moki gilt der Landesregierung als beispielhaft.
02.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie ein Hemelinger Projekt Alleinerziehenden in Bremen hilft
Von Sara Sundermann
Wie ein Hemelinger Projekt Alleinerziehenden in Bremen hilft

Moki-Projektleiterin Fuenzalida Padilla (vorn) und Kinderbetreuerin Ameneh Aleshloosomeah.

Frank Thomas Koch

Wenn Eltern nicht mehr weiter wissen, weil sie niemanden haben, der auf ihr Kind aufpassen kann, dann springt das Team vom Projekt Moki ein. „Mobile und flexible Kinderbetreuung“, das ist der lange Name, der sich hinter dem Kürzel Moki verbirgt. In ­Hemelingen gibt es beim Familienzentrum Mobile ein Angebot, das in dieser Form in Bremen einzigartig ist. Moki-Mitarbeiter holen die Kinder zu Hause oder von der Schule ab, Eltern finden kurzfristig eine Betreuung. Zuletzt hat die Bürgerschaft einen Aktionsplan für Alleinerziehende beschlossen. Darin heißt es, bis Ende des Jahres solle geprüft werden, ob sich Angebote nach dem Vorbild von Moki auf andere Stadtteile ausweiten lassen.

Jovaline Neiner ist alleinerziehend und wohnt mit ihren vier Kindern in Hemelingen. „Zwischenzeitlich haben wir in Herford gelebt, als wir dann wieder nach Bremen gezogen sind, bekamen wir keinen Kita-Platz für meine fünfjährige Tochter“, erzählt sie. Es sei schwierig gewesen, mitten im Kita-Jahr einen Platz zu ergattern. Zudem sei es nur noch um ein Jahr Betreuung vor der Einschulung gegangen – das habe die Suche zusätzlich erschwert. Das Moki-Angebot schloss die Lücke: Dort wird ihre Tochter nun montags bis mittwochs betreut. „Es hat ihr sehr geholfen, sie kennt jetzt die Zahlen und ist viel offener geworden“, erzählt die 29-jährige Mutter. „Das Moki war die perfekte Lösung, und es ging schnell, dass sie einen Platz bekam.“ Derzeit finanziert sich Jovaline Neiner übers Jobcenter, perspektivisch möchte sie eine Ausbildung machen, vielleicht im handwerklichen Bereich. Ihre erste Ausbildung brach sie ab, weil sie mit ihrem ersten Kind schwanger wurde. Sie hat schon viele Angebote des Familienzentrums genutzt: Eine Reise nach Sylt mit anderen Familien und einen Kurs mit Tipps zur Trotzphase. „Es gibt hier immer einen Ansprechpartner, eigentlich für alles.“

So funktioniert das Angebot

Wie funktioniert das Angebot von Moki? Im Schnitt werden pro Woche etwa 65 Kinder über das Projekt im Familienzentrum betreut: 30 Kita-Kinder und 35 Schulkinder. Weil viele nur für kurze Zeit kommen, würden im Laufe eines Jahres mehr als 130 Kinder erreicht, sagt Moki-Mitarbeiter Kai Hofschneider. Das Projekt Moki bietet kurzfristig Betreuung, manchmal von einem Tag auf den anderen, manchmal auch nur, weil die Mutter die Kinder nicht mit zum Zahnarzt nehmen kann. Oder weil die Mutter einen Sprachkurs macht und keine Betreuung hat. Oder weil das Kind schon um 13 Uhr Schulschluss hat.

Im Stadtteil fehlen weiter Ganztagsplätze, sagt Moki-Projektleiterin Sabine Fuenzalida Padilla. Die benachbarte Grundschule Brinkmannstraße sei zwar unterwegs zur Offenen Ganztagsschule, könne aber nicht allen Kindern einen Platz bieten.

In diesen Sommerferien haben viele die Moki-Angebote besonders lange genutzt, sagt Fuenzalida Padilla. Viele Eltern hätten in der Zeit des Lockdown ihren Urlaub aufgebraucht, um die Betreuung zu stemmen und müssten nun in den Schulferien durcharbeiten. In solchen Fällen hilft das Moki-Team aus – es verschob die eigene Schließzeit kurzerhand in den September.

Oft geht es nur um kleine Lücken, schildert Conny Nerz, Koordinatorin des Familienzentrums. „Manche Kitas schließen um 14 Uhr, die Mutter kann nach ihrer Arbeit aber erst um 14.30 Uhr das Kind abholen. Wenn sie diese halbe Stunde nicht abdecken kann, ist ihre Arbeit weg.“ Die Nachfrage nach ­Moki-Plätzen sei groß, zum Teil gebe es Wartelisten: „Wenn wir mehr Räume hätten, könnten wir ein Dutzend weitere Kinder betreuen.“

Kinder werden nicht von Erzieherinnen betreut

Dabei unterstützt das Projekt Alleinerziehende auf zwei Arten: Zum einen ist etwa jede dritte Mutter, die das Moki-Angebot nutzt, alleinerziehend. Zum anderen sind auch die Hälfte der Betreuerinnen, die im Projekt arbeiten, alleinerziehende Frauen. Bis auf die Projektleiterin und einen festen Mitarbeiter werden alle anderen elf Beschäftigten vom Jobcenter bezahlt: Das Team baut auf ehemalige Langzeitarbeitslose, die hier entweder für kurze Zeit als In-Jobber oder längerfristig öffentlich gefördert beschäftigt sind.

MOKI - Aktionsplan für Alleinerziehende - Angebote sollen ausgebaut werden

Jovaline Neiner ist alleinerziehend und wohnt mit ihren Kindern in Hemelingen.

Foto: Frank Thomas Koch

Die Kinder werden also nicht von Erzieherinnen betreut – dafür gibt es einen guten Personalschlüssel: Meist sei für fast jedes Kind ein Erwachsener da, sagt Nerz: „Die Arbeit bei Moki ist eine Hilfe beim Wiedereinstieg. Unsere Betreuerinnen sind nicht professionell ausgebildet, bringen aber viel Motivation mit – und viele bilden sich dann zur Sozialassistentin oder Tagesmutter weiter.“

Nebenbei deckt das Moki mit seinem internationalen Team neun Sprachen ab, darunter Persisch, Türkisch, Kurdisch und Arabisch. Es sei sehr hilfreich, wenn Kinder in einer vertrauten Sprache angesprochen würden, schildert Kai Hofschneider.

„Das ist ein Superprojekt für Berufstätige“, sagt Bogomila Slimak. Sie hat zwei Kinder und nutzt das Moki-Angebot für ihre Tochter. ­Moki-Mitarbeiter holen die Achtjährige von der Schule ab, sie kann beim Familienzentrum für 1,80 Euro Mittag essen und wird dort nachmittags betreut. „Man weiß einfach, dass das Kind gut aufgehoben ist“, sagt ihre Mutter. Gerade in den Ferien sei es wichtig, eine gute Betreuung zu haben, betont sie. „Ich habe dieses Jahr keinen Urlaub gemacht, weil ich meinen Job gewechselt habe.“ Das Bistro, bei dem sie zuvor gearbeitet habe, sei aufgrund von Corona geschlossen worden. Nun habe sie einen Job in der Küche einer Klinik gefunden. „Ich bin seit acht Jahren alleinerziehend und habe fast keine Unterstützung vom Vater. Da muss man gut organisiert sein.“

Familienzentren und Häuser der Familie gibt es in vielen Stadtteilen, dort werden Angebote gebündelt. Dass angedockt an solche Zentren ein Angebot wie Moki entstehen könnte, findet in Hemelingen Zuspruch. „Ich würde das sofort unterschreiben“, sagt Sabine Fuenzalida Padilla. „Ich bekomme oft Anfragen für Kinder aus anderen Stadtteilen und muss dann ablehnen, weil wir dieses Angebot nur für Hemelingen machen.“

Conny Nerz betont: „Viele sagen uns: Das ist ja toll, was ihr da macht.‘ Aber es braucht Zeit, Räume und Leidenschaft, so etwas aufzubauen, es ist zum Beispiel viel Aufwand, sich in die Anträge für geförderte Jobs einzuarbeiten.“ Ein Angebot wie Moki könne niemand nebenbei aufbauen, stellt Nerz klar: „Es braucht eine Person, die sich schwerpunktmäßig darum kümmert.“

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