Scharfe Kritik an der Kirche Wie ein Visbeker Pastor mit einer Predigt für Aufsehen sorgt

Normalerweise schauen sich 200 bis 300 Menschen online die Predigten in der Gemeinde St. Vitus in Visbek an. Bis Pfarrer Hermann Josef Lücker vor drei Wochen eine äußerst emotionale Predigt hielt.
25.03.2019, 22:15
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Wie ein Visbeker Pastor mit einer Predigt für Aufsehen sorgt
Von Marc Hagedorn

Die Predigt, die im Moment als Video von Smartphone zu Smartphone verschickt wird, ist neun Minuten und drei Sekunden lang. Das Manuskript dazu passt auf ein Blatt Papier, das gerade mal die Größe einer Karteikarte hat. Hermann Josef Lücker hat das Zettelchen jetzt vor sich liegen. Zwei große rote Herzen sind aufgemalt. In diese Herzen hat sich der Pfarrer der katholischen St.-Vitus-Gemeinde Stichpunkte notiert. Missbrauch. Ehrenamt. Zölibat. Sexualmoral. Mehr brauchte Lücker vor drei Wochen nicht, um in freier Rede eine Predigt zu halten, die bis Dienstagmorgen über 40.000 Menschen online verfolgt haben. Normalerweise werden die Videos von seinen Gottesdiensten 200, 300 Mal aufgerufen.

Sonntag, 3. März, 10.30 Uhr, Hochamt in der St.-Vitus-Kirche. Rund 300 Gläubige sind an diesem Vormittag gekommen, um das Wort Gottes zu hören. Das ist eine ansehnliche Zahl in Zeiten, in denen überall Kirchen geschlossen und Gemeinden zusammengelegt werden und in denen es der Glaube ganz generell schwer hat, seinen Platz in einer lauten und getriebenen Welt zu finden. Es ist mucksmäuschenstill, als Lücker zum Mikrofon greift, den Altarraum verlässt und sich im Mittelgang einen Platz sucht. Nun ist er ganz nahe bei den Gläubigen. Er wird später im Gespräch mit dem WESER-KURIER erklären, dass er das ab und an ganz gerne macht, nicht von oben herab zu predigen, sondern inmitten der Gemeinde. Er geht oft ein paar Meter vor und zurück, die Bewegung, sagt er, helfe ihm beim Formulieren und Sortieren der Gedanken.

Klare Worte, kein Fachjargon

An jenem Sonntag Anfang März dauerte es nur wenige Sekunden, bis die Gläubigen merkten, dass sie Augen- und Ohrenzeuge einer ganz besonderen Predigt werden würden. Das Evangelium des Tages, Lukas 6, endet mit dem Satz: Wovon das Herz voll ist, davon kündet der Mund. Lücker hat sich in den Tagen vor der Predigt diese Frage gestellt: Wovon ist sein Herz voll? Worüber will, worüber muss er sprechen? Im Gottesdienst verrät er es: „Ich möchte aus meinem Herzen keine Mördergrube machen, und deshalb liegt ein Wort obenauf: Missbrauch. Wenn ich an dieses Wort denke und was dahinter steckt, dann steht es mir bis hier.“ Er macht mit der Hand eine entsprechende Geste oberhalb seines Kopfes. „Es ist nicht nur skandalös, sondern auch wirklich unfassbar, was sich da in der Kirche Gottes abgespielt hat, und das nicht im normalen Bereich, sondern bis in die obersten Chargen. Es ist einfach unvorstellbar, und es macht mich richtig zornig.“

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Wer das System Kirche kennt, wer weiß, wie wichtig ihr Hierarchien, ein klares Oben und klares Unten sind, der kann nur staunen über diese couragierten Worte. Lücker hat in den Tagen nach dieser Predigt 84 schriftliche Rückmeldungen bekommen, per Post und via E-Mail. Das waren so viele wie noch nie. In fast allen Schreiben bedanken sich die Absender für die klaren Worte, gratulieren ihm zu seinem Mut. Lücker, 56 Jahre alt und seit 2004 Pfarrer in Visbek, freut sich über die Reaktionen. Aber als Held, nein, sagt er, als Held sieht er sich nicht. „Ich habe doch nur das gesagt, was mich und offenbar auch viele andere Menschen in der Kirche bewegt.“

Lückers Botschaften sind glasklar. Er vermeidet seit jeher Fachjargon und Fremdwörter, weil er von jedem verstanden werden will. Er sagt an die Adresse der Bischöfe gerichtet: „Was ist das für ein Rumgeeiere? Der eine Bischof sagt hü, der andere hott.“ Lücker vermisst, dass es keine einheitliche Regelung zur Kommunion bei Ehepaaren gibt, in denen ein Partner katholisch und der andere evangelisch ist. Er vermisst, dass Frauen noch immer keine führende Rolle in der katholischen Kirche spielen. „Liebe Frauen“, sagt Lücker deshalb, „haltet bloß nicht die Klappe, sondern begehrt auf!“

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Predigten reifen bei Lücker langsam heran. Wenn er seine tägliche Runde auf dem Fahrrad dreht, wenn er spazieren geht, wenn er nach dem Morgengebet und der anschließenden Meditation noch ein paar Minuten sitzen bleibt, dann gewinnt die Idee irgendwann Kontur und der Text bekommt Struktur. Lücker liest sich jede Predigt mindestens einmal selbst laut vor, bevor er sie vor die Gemeinde trägt. Er muss hören, wie seine Worte klingen, ob sie das ausdrücken, was er meint.

Auch bei dieser Predigt, die jetzt Karriere macht, hat er das so gehalten. Will er Sätze sagen wie: „Wir müssen unserer Chefetage mal ein bisschen Feuer unter dem Hintern machen“? Oder: „Es werden im Offizialat und im Generalvikariat Stellen geschaffen und besetzt noch und nöcher. Da ist Kohle satt, nur kommt sie nicht bis unten durch. Und wir sollen dann alles ehrenamtlich regeln.“ Er entschied, ja, das will er so sagen. Und warum auch nicht, fragt er. „Es geht ja nicht darum, der Kirche vors Bein zu treten. Ich habe nicht zu Randalen aufgerufen, sondern nur dazu, dass wir laut unsere Meinung sagen.“ In kirchlichen Kreisen ist das nicht selbstverständlich. Es haben sich nach dieser Predigt nur sehr wenige Kollegen bei Lücker gemeldet. Es verwundert ihn ein wenig, aber es überrascht ihn auch nicht wirklich. Er sagt: „Es ist innerkirchlich nicht an der Tagesordnung, dass man Kritik so deutlich auf den Punkt bringt.“

Er liebt seinen Beruf

Man darf sich von Pfarrer Hermann Josef Lücker kein falsches Bild machen. Bei aller Wut über manches, was in der Kirche aus seiner Sicht falsch läuft, ist er kein Frustrierter. Mit ebenso viel Feuer, wie er Missstände benennt, kann er von den schönen Seiten seines Glaubens, seiner Berufung und seiner Gemeinde sprechen. „Mein Traum ist Wirklichkeit, ich bin Priester“, sagt er, und dann zählt er auf, dass er sich bei seinem zuständigen Bischof und im Bistum Münster sehr gut aufgehoben fühlt. Dass in seiner Gemeinde 80 Gruppenleiter Dienst tun. Dass jede Woche über 400 Kinder zu diversen Aktivitäten ins Pfarrheim kommen. Dass sich 160 Leute in unterschiedlichen Gottesdienstkreisen engagieren. In St. Vitus, im Landkreis Vechta, lebt der Glaube noch. Deshalb findet es Lücker umso wichtiger, diesen Menschen Orientierung zu geben.

In seiner Predigt am 3. März äußerte sich Lücker auch zum Thema Homosexualität. „Die Kirche regt sich auf über gleichgeschlechtliche Paare. Ich kann jeden Panzer segnen, jedes MG, jedes Karnickel – warum soll ich die Menschen nicht segnen können?“ Zu den wenigen negativen Rückmeldungen, die er bekommen hat, gehörte das Schreiben eines älteren Herrn, der ihm prophezeite, dass er in der Kirche keine Karriere mehr machen würde, wenn er so weitermachte. Lücker musste schmunzeln, als er das las. Nichts liegt ihm ferner, als Karriere machen zu wollen. Von der Kirchenleitung hat er bis heute keine Rückmeldung auf seine Predigt bekommen.

Die Predigt von Pfarrer Hermann Josef Lücker in der St.-Vitus-Kirche zu Visbek vom Sonntag, 3. März, im Wortlaut:

Liebe Kinder, liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

über meiner Predigt heute steht der letzte Satz des Evangeliums: Wovon das Herz voll ist, davon kann der Mund nicht schweigen. Ich möchte aus meinem Herzen keine Mördergrube machen, und deshalb liegt ein Wort obenauf: Missbrauch. Wenn ich an dieses Wort denke und was dahinter steckt, dann steht es mir bis hier. (Er macht mit der Hand eine entsprechende Geste oberhalb seines Kopfes) Es ist nicht nur skandalös, sondern auch wirklich unfassbar, was sich da in der Kirche Gottes abgespielt hat, und das nicht im normalen Bereich, sondern bis in die obersten Chargen. Es ist einfach unvorstellbar, und es macht mich richtig zornig.

Ich bin unserem Bischof Felix sehr, sehr dankbar, dass er für unser Bistum gesagt hat: null Toleranz. Genau das steht auch in unserem Schutzkonzept, das wir für unsere Gemeinde auf- und unterschrieben haben. Nur um das noch mal klar zu sagen: Jeder Verdacht wird angezeigt und strafrechtlich verfolgt. Damit für alle klar ist: Hier wird nichts vertuscht, weich geredet oder unter den Teppich gekehrt.

Ein Zweites, das mich im Herzen mehr als bewegt: die Uneinigkeit unter den Bischöfen. Was ist das für ein Rumgeeiere: Der eine Bischof sagt hü, der andere hott. Wo bitteschön sollen wir kleinen Christen uns denn noch positionieren? Da wird ein Papier gemacht, das eindeutig sagt, konfessionsverbindende Eheleute dürfen kommunizieren oder Brautleute, einer katholisch, einer evangelisch, können in der Messe die Kommunion empfangen, und dann sagt ein Bischof: Nö, da machen wir nicht mit. Blubb, ist das ganze Papier Schnee von gestern. Wer steht wieder dumm da? Wir vor Ort.

Oder das Rumgeeiere unser eigenen Weihbischöfe. Da sagt ein Weihbischof: Wir schließen keine Kirchen im Oldenburger Münsterland. Klammer auf: ha, ha, ha, haben wir schon längst gemacht, in Wilhelmshaven. Aktuell steht’s an in Einswarden, Klammer zu. Da erzählt der Weihbischof von Münster, Christoph Hegge: Wir werden noch 100 Kirchen schließen. Na, was ist das denn für ein Rumgeeiere, liebe Bischöfe? Warum sprecht ihr euch nicht vorher ab? Warum macht ihr nicht eine Richtung klar, an der wir Christen uns halten können?

Davon abgesehen: Wir sehen doch, dass wir gar nicht mehr so viele Kirchen brauchen. Nicht weil wir so wenige Priester haben, sondern weil wir auch keine Leute mehr haben. Die Menschen treten aus der Kirche aus. Auch das macht mich mehr als betroffen. Aber ganz ehrlich: Den einen oder anderen kann ich auch gut verstehen. Nur: Aus der Kirche austreten, ist keine Lösung. Denn was bitteschön wollen wir unseren Kindern noch mitgeben an Werten, an christlichen Werten?! Was bitteschön leben wir Erwachsene noch selber? Und was bitteschön gibt uns Kraft, gibt uns Halt, gibt uns Mut, um in die Zukunft zu gehen?

Ganz davon abgesehen: Wir sind eine große Solidargemeinschaft. Jeder will gerne nehmen, was mir zusteht. Ich zahle doch Kirchensteuer. Ja, die zahlen wir. Für Kindergärten, für Grundschulen, für Bildungseinrichtungen, für Caritas, für Altenheime und Krankenhäuser. Das alles gibt es nicht mehr, wenn wir alle austreten.

Liebe Schwestern und Brüder, die Menschen reden sich den Mund fusselig über den Zölibat. Jetzt mal ganz ehrlich, ein Messdiener sagte mal zu mir: Pastor, es gibt Dinge, da darfst du von Amtswegen keine Meinung zu haben, halte dich da raus. Genau das möchte ich euch auch allen sagen: Haltet euch da raus! Ihr lebt doch alle gar nicht den Zölibat. Was schnackt ihr denn da alle mit? Ganz davon abgesehen, glaubt denn wirklich irgendjemand, dass wir 1000 neue Priester kriegen, wenn wir morgen den Zölibat abschaffen? Wer bitteschön sagt denn seinen Kindern noch: Ihr könnt Priester werden oder Ordensleute? Und dann stellt euch mal vor: Der Zölibat wird abgeschafft, und ich habe keine Frau, was soll ich da machen? Wieder die A-Karte… Das geht mir schon auf den Geist, dann kann ich wohl ehrlich sagen.

Apropos Frau: Früher waren die Frauen damit zufrieden, Kinder, Küche, Kirche. Der Zug ist doch längst abgefahren. Als Landesfrauenseelsorger kriege ich das jeden Tag hautnah mit. Ich sage ganz ehrlich: Liebe Frauen, haltet bloß nicht die Klappe, sondern begehrt auf. Jetzt ist die Zeit, den Mund aufzumachen. Jetzt ist die Zeit zu sagen: Wir wollen auch unsere Stellung in der Kirche haben. Nicht nur führende Posten, die die Laien besetzen können, sondern warum können wir nicht auch über das Diakonat für Frauen reden, warum nicht von Priesterinnen sprechen? Wir alle wissen: Das dauert noch ewig. Aber wir müssen es sagen. Wir müssen darüber sprechen, wir müssen darüber diskutieren. Wir müssen unserer Chefetage mal ein bisschen Feuer unter dem Hintern machen, damit sich was bewegt in dieser unserer Kirche.

Und dann komme ich noch zu dem schönen Thema Sexualmoral in der Kirche. Angesichts dessen, was da oben getrieben wird, kann man ja nur die Augen schließen. Aber jetzt mal ganz ehrlich: Die Kirche regt sich auf über gleichgeschlechtliche Paare. Ich kann jeden Panzer segnen, jedes MG, jedes Karnickel, jeden Hasen, jede Kuh, jeden Hund – warum soll ich die Menschen nicht segnen können. Dass diese Leute nicht kirchlich heiraten können, ist jedem klar. Denn die Ehe ist auf Zeugung von Nachkommenschaft hingeordnet. Und ich glaube, ich brauche keinem Menschen erklären, dass das in diesen Beziehungen nicht geht. Also: Grundsätzlich sollten wir darüber nachdenken, wie wir damit umgehen.

Und jetzt nun mal für die Älteren: Überlegen Sie mal, was Ihnen alles gesagt worden ist, was Sünde ist. Unkeusche Gedanken. Schlagen Sie mal heute die Zeitung auf, dann kriegen Sie spätestens auf der dritten Seite welche. Die Zeiten ändern sich, und auch die Kirche muss sich verändern.

Jetzt hat unsere Chef-Etage einen Kulturwandel vorgegeben. Wenn wir das nicht in den Gemeinden längst praktizieren würden, dann hätten wir längst abschließen können. Das braucht uns die Chef-Etage nicht sagen, dass wir gut miteinander umgehen müssen. Das wissen wir, und das tun wir auch. Aber vielleicht sollten wir nach oben mal was durchdrücken, damit die auch mal ein Aha-Erlebnis haben.

Aber das ist ja nicht nur so, dass uns das Leben immer schwer am Herzen liegt. Es gibt auch so viel Gutes, so viel Freude, was wir miteinander teilen können, Herzensfreude, die in die Gemeinde hineingeht, die die Christen aufrecht erhält. Und genau das ist es, was Gemeinde meint. Die vielen Kinder, die vielen Jugendlichen, die vielen Frauen und Männer, die sich immer noch einbringen, die mittun, die immer noch präsent sind, die uns immer noch die Stange halten. Was macht mir denn Freude? Das Ehrenamt und das Hauptamt in der Kirche.

Aber auch da muss man sagen: Liebe Verantwortliche in der Kirche, wälzt nicht alles auf das Ehrenamt ab. Es werden im Offizialat und im Generalvikariat Stellen geschaffen und besetzt noch und nöcher, da ist Kohle satt, nur kommt sie nicht bis unten durch. Und wir sollen dann alles ehrenamtlich regeln. Irgendwann muss man aber auch mal sagen: Vielleicht solltet ihr euch die Realität in den Gemeinden mal anschauen. Die Menschen engagieren sich noch und nöcher. Und wir werden nicht mehr auf das Ehrenamt abschieden. Sondern dann müssen wir mal woanders was umswitchen.

Was macht mir Freude? Die Gottesdienste in der Gemeinde. Familiengottesdienstvorbereitungskreis. Das Bunte, die Vielfalt, die Musik, die Chöre, die Kinder- und Jugendchöre, die Vielfalt auch an dem, was wir hier in unserer Gemeinde haben. Was macht mir immer noch Freude? Das persönliche Gebet. Ich habe heute morgen noch gedacht bei meinem Morgengebet: Was ist das schön, wenn du in Ruhe sitzen kannst und kannst mal mit dem lieben Gott Klartext reden. Aber man muss sich dann auch die Zeit nehmen und hören, dass er sich auch revanchieren kann.

Was macht mir Freude? Es macht mir immer noch Freude als Priester in dieser Gemeinde zu stehen. Es macht mir Freude, mit Ihnen Gottesdienst zu feiern und auch die Sakramente. Und ob Sie es glauben oder nicht: Es macht mir riesige Freude, sie zu bepredigen! Amen.

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