Dubiose Grundstücksgeschäfte im Hollerland Wie ein Weser-Kurier-Redakteur den Baulandskandal auslöste

Der Baulandskandal um dubiose Grundstücksgeschäfte im Hollerland erschütterte vor 50 Jahren Bremen. Ein erst 25-jähriger Redakteur des WESER-KURIER brachte den Stein ins Rollen. Sein Name: Ulrich Manz.
11.07.2019, 21:29
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Wie ein Weser-Kurier-Redakteur den Baulandskandal auslöste
Von Frank Hethey

Zuerst ging es nur um Maklerprovisionen, die der Bund nicht zahlen wollte. Die Blockland-Autobahn sollte verbreitert werden, dafür hatte der umtriebige Makler Wilhelm Lohmann etliche Grundstücke gekauft. Ein lukratives Geschäft, weil er für die Besitzübertragung an den Bund satte Provisionen in Höhe von mehreren Hunderttausend Mark kassieren wollte. Doch in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn stellte man sich auf die Hinterbeine. Zumal überhaupt nicht ersichtlich war, in wessen Auftrag „Millionen-Willi“ eigentlich aktiv geworden war. Das Land Bremen wusch seine Hände in Unschuld, auch fast alle Grundstückseigentümer wollten den Makler nicht engagiert haben.

Der WESER-KURIER berichtete erstmals in seiner Ausgabe vom 24. Juni 1969 über die Ungereimtheiten. Und löste damit den sogenannten Baulandskandal aus, der Bremen in seinen Grundfesten erschütterte und für Aufsehen in der ganzen Republik sorgte. Bereits am 3. Juli nahm ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss seine Arbeit auf. Das erste prominente Opfer der Affäre war Richard Boljahn, damals zwar schon nicht mehr SPD-Fraktionschef, aber immer noch ein mächtiger Partei- und Gewerkschaftsfunktionär. Am 7. Juli verzichtete Boljahn – auch bekannt als „König Richard“ – auf seine politischen Ämter, am 31. Juli nahm auch Bausenator Wilhelm Blase (SPD) seinen Hut.

Aufgedeckt hat den Skandal der damals noch blutjunge Redakteur Ulrich Manz. Sein Volontariat hatte der 25-jährige Schnurrbartträger eben erst hinter sich gebracht, als er mit seinen Recherchen öffentlich machte, wie eng eine kleine Gruppe von Parteifunktionären und Beamten über Jahre hinweg gemauschelt hatte, um sich an öffentlichen Geldern zu bereichern. Das Frappierende: An den Machenschaften waren offenkundig auch hohe Mandatsträger von CDU und FDP beteiligt. Die CDU befand sich seit 1959 in der Opposition, die FDP agierte seither als alleiniger Koalitionspartner der SPD.

Manz enthüllte nur die Spitze des Eisbergs

Mit seinem Artikel über die Merkwürdigkeiten bei den Grundstückskäufen für die Blockland-Autobahn hatte Manz nur die Spitze des Eisbergs enthüllt. Noch am gleichen Tag gingen zahlreiche Leserreaktionen in der Redaktion ein, die laut Meldung vom 25. Juni auf einen „wesentlich größeren Umfang“ der Affäre hindeuteten. So richtig ins Rollen kam die Lawine denn auch erst mit Manz’ zweitem Beitrag vom 28. Juni 1969. Nun ging es auch um Lohmanns Millionengewinne bei dubiosen Grundstücksgeschäften im Hollerland. Der Hintergrund: In diesem Areal sollte eine weitere Trabantenstadt nach Muster der Neuen Vahr aus dem Boden gestampft werden, dafür hatte Boljahn als Aufsichtsratsvorsitzender des Wohnungsbaukonzerns Neue Heimat seinem Parteifreund Lohmann laut Manz nützliche „Spekulationstips“ gegeben. Das durfte der WESER-KURIER zwar später nicht mehr behaupten, aber klar blieb: In der Kellerbar von Lohmanns Luxusvilla an der Schwachhauser Heerstraße 222 war kräftig gekungelt worden.

Lesen Sie auch

Den 50. Jahrestag des Baulandskandals hat Ulrich Manz nicht mehr erlebt. Vor einem guten halben Jahr ist der Journalist überraschend im Alter von 75 Jahren gestorben. Seinen Wohnsitz hatte er zuletzt im bayrischen Nobelort Starnberg vor den Toren Münchens. Er habe an der Beerdigung eines Kollegen in Frankfurt teilnehmen wollen, berichtet seine Witwe Delia Dornier-Schlörb. Doch es war eine Fahrt ohne Wiederkehr, ein Schlaganfall beendete am 7. Januar 2019 sein Leben. Seine Tochter fand ihn morgens in seiner Frankfurter Zweitwohnung. Heute kann Delia Dornier-Schlörb einigermaßen gefasst auf seinen Tod zurückblicken. Als Journalist habe er natürlich gern mal ein Gläschen Wein getrunken, auch viel geraucht. Doch damit sei längst Schluss gewesen. „Eigentlich war er gesünder als zuvor.“

Geschichte sollte erst gar nicht publik gemacht werden

Für Manz war der Baulandskandal nicht die erste Enthüllungsgeschichte. Als Volontär hatte der gebürtig aus Pommern stammende und in Delmenhorst aufgewachsene Nachwuchsjournalist schon mal Versäumnisse bei der Lehrerausbildung angeprangert und einen Aufmacher über zweifelhafte Praktiken im Schulbuch-Ausschuss zu Papier gebracht. Doch eine Story dieses Kalibers war nicht dabei gewesen. Fast wäre auch nichts daraus geworden, weil die Chefredaktion von einer Veröffentlichung nichts wissen wollte. „Keine Chance, die halten das für eine Schmutzgeschichte“, habe der ihm wohlgesonnene Lokalchef gesagt, erinnerte sich Manz später.

Tatsächlich sind die näheren Umstände seiner Recherche ungewöhnlich. Noch als Volontär hatte Manz ohne Wissen seiner Vorgesetzten mit den Nachforschungen begonnen. „Zarte Hinweise“ auf die zweifelhaften Praktiken habe er schon 1968 von zwei jungen Beamten aus der Bauverwaltung erhalten, so Manz. „Aber erst im Frühjahr 1969 hatten sie offenbar so viel Vertrauen zu mir gefasst, dass sie mir ein Bündel Dokumente in die Hand drückten, die vieles belegten, manches aber auch nur ahnen ließen.“

Zweieinhalb Monate beschäftigte sich Manz mit dem brisanten Stoff. Gemerkt hat keiner etwas, ein paar junge Kollegen verschafften ihm den nötigen Freiraum, indem sie Artikel unter seinem Namen schrieben. Als die Sache endlich „rund“ war, präsentierte Manz die Geschichte seinem Lokalchef. Der zeigte sich hellauf begeistert – anders als die Chefredaktion. Wirklich überrascht war Manz davon nach eigenem Bekunden nicht, er erklärte sich die Abfuhr mit den engen Kontakten der Redaktionsspitze ausgerechnet zu jenen Politikern, die durch seine Recherchen kompromittiert wurden.

Topthema der lokalen Berichterstattung

Erst als der damalige Verleger Hermann Rudolf Meyer ein Machtwort sprach, wendete sich das Blatt. Monatelang war der Baulandskandal ein Topthema der lokalen Berichterstattung. Wenn auch nicht mehr als alleinige Aufgabe von Manz, der selbst Gegenstand juristischer Ermittlungen wurde. Für Bildungssenator und SPD-Landeschef Moritz Thape bot der Skandal eine vortreffliche Gelegenheit, den innerhalb der Partei höchst umstrittenen Boljahn endlich abzuservieren. Im Zuge der Affäre stürzte auch CDU-Landesvize Hans-Ludwig Kulenkampff, der als Rechtsanwalt bei den Grundstücksgeschäften mitgemischt hatte. Um ein Haar hätte FDP-Finanzsenator Rolf Speckmann ebenfalls dran glauben müssen, doch an seiner statt zog Fraktionschef Paul-Heinz Schubert den Kürzeren.

Wirklich aufgeklärt ist der Baulandskandal bis heute nicht. Der Untersuchungsausschuss legte zwei Abschlussberichte vor, einen Minderheitsbericht der CDU und einen Mehrheitsbericht von SPD, FDP und NPD. Seine Maklerprovisionen hat Lohmann nicht in vollem Umfang bekommen, das Landgericht Bremen und das Hanseatische Oberlandesgericht wiesen seine Klagen 1970/71 ab. Die Nutznießer der Affäre kamen ungeschoren davon: Ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Untreue und Betrug wurde 1972 aus Mangel an Beweisen eingestellt – „trotz fortbestehenden Tatverdachts“, wie der Historiker Karl-Ludwig Sommer schreibt.

Für seine Recherchen wurde Manz im Dezember 1969 mit dem erstmals vergebenen Wächterpreis ausgezeichnet. Freilich erwies sich die Stiftung „Freiheit der Presse“ als ebenso mutlos wie zunächst die Chefredaktion – wegen der laufenden Rechtsstreitigkeiten wurde der Preis nur im kleinen Rahmen verliehen statt im Kaisersaal des Frankfurter Römer. Erst 40 Jahre nach der vorgesehenen Ehrung konnte Manz im Mai 2010 endlich seine Festrede halten.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+