Eine Bremer Pflegemutter erzählt

Wie eine Bremerin die Aufnahme ihres ersten Pflegekindes erlebte

Im Sommer 2015 nahm Bianca Vorndamme ein Pflegekind auf. Für sie ist es heute wie ihr eigenes Kind. In unserer Reihe "Mein erstes Mal" erzählt sie, wie sie sich damals fühlte.
18.03.2019, 08:34
Lesedauer: 3 Min
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Wie eine Bremerin die Aufnahme ihres ersten Pflegekindes erlebte
Von Kim Torster

Als im Mai 2015 der Anruf kam, dass man für einen dreieinhalbjährigen Jungen eine Pflegefamilie suche, hat mein Herz gepocht. In meiner Arbeit als Erzieherin war ich schon ein paar Mal kurz davor, Pflegekinder bei mir aufzunehmen, mit deren Schicksalen ich bei der Arbeit konfrontiert war. So kam mir der Gedanke, mich als Pflegemutter zu registrieren.

Ungefähr eine Woche nach dem Anruf habe ich meinen Pflegesohn dann das erste Mal getroffen. Das war ziemlich aufregend, wenn man so einen kleinen Wurm sieht und sich dann auch überlegen muss, ob und wie das alles funktionieren kann. Letztendlich war es Liebe auf den ersten Blick. Im August 2015, nachdem unser Pflegesohn ein bisschen Zeit hatte unsere Familie kennenzulernen, ist er dann bei uns eingezogen.

Mittlerweile sind wir eine Familie. Da gibt es keinen Unterschied mehr zwischen unseren zwei leiblichen Kindern und ihm. Er ist Teil unseres sozialen Netzwerks, seine Freunde sind in unserer Umgebung. Zu mir sagt er Mama und meine Eltern sind Oma und Opa. Daneben hat er noch eine zweite Familie. Seine leibliche Mutter trifft er in der Regel alle zwei Wochen. Wenn man ihn fragt, ob er Geschwister hat, zählt er alle seine Geschwister auf: unsere zwei Töchter, aber auch seine leiblichen Geschwister. Für uns ist das ganz normal.

Es ist nicht so, dass ich tagtäglich daran denke, dass er nicht mein leibliches Kind ist. Aber die Verantwortung ist eine andere. Ich muss, stellvertretend für seine leibliche Mutter, Entscheidungen treffen. Zum Beispiel, ob er in der Lage ist, allein mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren oder ob ich ihn eine halbe Stunde allein lassen kann. Ich traue ihm das zu, aber was, wenn etwas passiert? Das möchte ich seiner Mutter nicht sagen müssen. Ich habe bei ihm mehr das Gefühl, ich könnte meine Aufsichtspflicht verletzen, als bei meinen Töchtern.

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Vor uns war unser Pflegesohn drei Jahre in zwei verschiedenen Familien. Das bedeutet auch: drei Bindungsabbrüche. Das ist viel für ein Kind. Wenn es noch nicht geklärt ist, ob die Kinder in ihre Herkunftsfamilien zurückgehen können oder nicht, gibt es Übergangslösungen: Kinderheime, Inobhutnahmestellen oder Übergangspflegefamilien. Da sollen die Kinder eigentlich maximal ein halbes Jahr bleiben. Unser Pflegesohn war vor uns aber zweieinhalb Jahre bei einer Familie. Natürlich hat er zu dieser Familie eine starke Bindung aufgebaut. Der Kontakt ist aber nach einem halben Jahr bei uns abgebrochen. Das ist nicht gut und schwierig für ihn. Er fragt manchmal nach seiner ehemaligen Pflegefamilie.

Ich denke, jedes Pflegekind, das in eine Obhut gegeben wird, ist traumatisiert. Zum einen durch die Situation, dass es aus der Herkunfsfamilie rausgerissen wurde, zum anderen durch die Erfahrungen in der Herkunftsfamilie. Auch unserem Pflegesohn merkt man das an. Er fragt oft: „Mama hast du mich lieb?“

Diese Erfahrungen werden immer eine Rolle im Leben des Kindes spielen. Ich denke, besonders in der Pubertät wird sich das zeigen. Darauf bin ich emotional vorbereitet. Ich kann ihm die Struktur und den Rahmen geben, um sich normal zu entwickeln: sprachlich, motorisch, sozial. Ich möchte, dass er da einen guten Weg gehen kann. Was das Erlebte mit ihm gemacht hat, das kann ich nicht flicken. Aber ich möchte ihn auffangen, dort abholen, wo er steht und ihn weiterbegleiten. Er soll die Chance bekommen, eine schöne Kindheit zu haben.

Aufgezeichnet von Kim Torster .

Info

Zur Person

Bianca Vorndamme

ist 35 Jahre alt und lebt mit ihren drei Kindern in Seehausen, im Bremer Süden. Sie ist ausgebildete Erzieherin und steht kurz vor ihrem Abschluss eines Bachelors im Fachbereich Soziale Arbeit. Über die Organisation Pflegekinder in Bremen (PiB) wurde ihr 2015 ihr Pflegesohn vermittelt. Er ist ihr erstes Pflegekind. Vorndamme sagt, sie habe viel Glück im Leben gehabt und möchte damit etwas zurückgeben.

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