Anders Wohnen (3): Hilfe statt Miete

Wie eine Studentin bei einer Rentnerin lebt

Elke Siemßen und Elaheh Mohammadbaghban sind ein seltenes Paar. Die 73 Jahre alte Rentnerin und die 32-Jährige Studentin leben gemeinsam in einer WG. "Wohnen für Hilfe" nennt sich das Programm.
29.07.2015, 00:00
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Wie eine Studentin bei einer Rentnerin lebt
Von Christian Weth
Wie eine Studentin bei einer Rentnerin lebt

Geben sich Halt: Die Rentnerin und die Studentin sitzen am Tisch in der Küche.

Christina Kuhaupt

"Siemßen" steht an der Tür. Und gleich daneben kommt ein Name, der nicht ganz so flott über die Lippen geht: „Mohammadbaghban“. Es ist der Familienname von Elaheh, die lieber Eli genannt werden will, weil es kürzer ist.

Sie wohnt bei „Frau Siemßen“. So sagt Eli zur Hausbesitzerin, die mit Vornamen Elke heißt. Beide bilden ein Paar, das in Bremen selten ist. Wohngemeinschaften wie die ihre gibt es gerade mal eine Handvoll. Die 32-jährige Studentin hat ein Zimmer bei der 73-jährigen Rentnerin – und arbeitet dafür in Haus und Garten statt Miete zu zahlen. „Wohnen für Hilfe“ nennt sich das Programm, bei dem Studentenwerk und Sozialbehörde gemeinsame Sache machen.

Sie könnten Mutter und Tochter sein, nicht nur vom Alter her. Die Jüngere rückt den Stuhl der Älteren auf der Terrasse zurecht, sie schenkt ihr ein Glas Wasser ein, verscheucht eine Biene, die um den Kopf von Elke Siemßen schwirrt. Eigentlich könnte die Rentnerin das alles spielend allein. Siemßen, braun gebrannte und muskulöse Arme, Schultern so breit wie bei einer Ausdauerathletin, rudert regelmäßig. Drei- bis viermal die Woche macht sie das. Kürzlich war sie auf der Donau unterwegs, im Vierer, fast 14 Tage lang. Als sie zurückkam, fand sie auf dem Küchenboard eine Schiefertafel vor, die Eli beschrieben hatte: „Willkommen liebe Frau Elke Siemßen!“ Die Rentnerin hält die schwarze Tafel mit der weißen Schrift in beiden Händen. „Ist das nicht toll, ist das nicht herrlich?“

Rasenmähen: 20 Minuten – Elaheh Mohammadbaghban hilft nicht nur im Haus, sondern auch im Garten. Jede Arbeit wird auf einem Stundenzettel vermerkt.

Rasenmähen: 20 Minuten – Elaheh Mohammadbaghban hilft nicht nur im Haus, sondern auch im Garten. Jede Arbeit wird auf einem Stundenzettel vermerkt.

Foto: Christina Kuhaupt

Wäre die Studentin nicht, würde Elke Siemßen nach einer Rudertour in ein leeres Haus zurückkehren. An den Wänden über den Treppen ihres mehrgeschossigen Reihenhauses in Schwachhausen hängen Bilder, die Kinder gemalt haben. Autos, Berge, Schiffe. Und überall gibt es Fotos von ihrer Familie, die nicht da ist: von den beiden Töchtern, die in Zürich und Dresden leben, von den Schwiegersöhnen, von den Enkeln. Und von Henning Siemßen, ihrem Mann, der vor zwei Jahren gestorben ist. Zwischenzeitlich hat Elke Siemßen überlegt, das Haus, das ihr auf einmal so groß vorgekommen ist, zu verkaufen. „Was soll ich denn alleine mit 140 Quadratmetern anfangen?“

Jetzt ist Eli da. Eine junge Frau, die auf den ersten Blick so anders ist. Die Studentin mag Türkis: Ihre Haare sind es, der Halsschmuck, das Kleid, die Flipflops, jeder zweite Fingernagel, die anderen Nägel sind dunkelblau. Elke Siemßen hat graue Haare, trägt eine helle Dreiviertel-Hose und ein dunkles Sportshirt, ihre Fingernägel sind nicht lackiert. Auf den zweiten Blick gibt es jedoch etwas, was beide gemeinsam haben. Sie lieben den Iran – die Studentin, weil es ihre Heimat ist, die Seniorin, weil sie dort drei Jahre gelebt hat. In einem Regal im Wohnzimmer stehen Bücher mit iranischen Rezepten und Bildbände über Isfahan. Elke Siemßen: „Die schönste Stadt der Welt.“

Für Elke Siemßen zu groß, um allein dort zu leben: ihr Reihenhaus in der Wätjenstraße.

Für Elke Siemßen zu groß, um allein dort zu leben: ihr Reihenhaus in der Wätjenstraße.

Foto: Christina Kuhaupt

Das freut die Perserin. Sie strahlt und sagt: „Danke, Frau Siemßen.“ Es ist ihre Stadt, dort ist sie geboren, aufgewachsen, dort hat sie Grafik studiert und zehn Jahre lang als Grafikerin gearbeitet. Jetzt studiert sie an der Hochschule für Künste Integriertes Design. Sie sagt es auf Englisch, weil ihr die deutschen Wörter ausgehen. „Ich lerne noch die Sprache.“ Eli ist vor sieben Monaten nach Deutschland gekommen. Erst war sie bei Verwandten. Weil sie jedoch eigenständig sein wollte, hat sie versucht, etwas eigenes zu finden – ein Zimmer in einem Wohnheim, in einer WG, in einem Mietshaus. Und überall gab es nichts für sie, oder nichts, was für die Studentin bezahlbar gewesen wäre.

Seit drei Monaten lernt sie mittlerweile bei Elke Siemßen Deutsch. So lange wohnt die Iranerin mittlerweile bei der Rentnerin, die wieder das ist, was sie einmal im Hauptberuf war: Lehrerin. Zugleich ist sie aber auch Schülerin, weil Eli ihr Farsi, die persische Sprache, beibringt. Es ist, sagt Siemßen, ein Geben und Nehmen. Obwohl das Nehmen bei ihr überwiegen soll. So sehen es die Statuten beim „Wohnen für Hilfe“ vor. Die Studentin beteiligt sich an den Kosten für Gas, Wasser, Strom. 60 Euro im Monat zahlt sie an Elke Siemßen. Die restliche Miete, wenn man so will, arbeitet Eli ab.

Was ist zu erledigen? Studentin und Rentnerin gehen den Plan für die nächste Tage durch.

Was ist zu erledigen? Studentin und Rentnerin gehen den Plan für die nächste Tage durch.

Foto: Christina Kuhaupt

Die Studentin sitzt in ihrem Zimmer im ersten Stock. Früher war es einmal Kinderzimmer, später Büro, dann Spielzimmer für die Enkel. An einem Schrank hängt noch ein bunt bemaltes Holzbrett, an das Kinder gestellt werden, um die Größe festzuhalten. Jetzt ist es Elis Zimmer. Ein großer Schreibtisch, der wie ein L angeordnet ist, bestimmt den Raum. Daneben steht ein Sessel, das Bett, der Schrank, ein Regal. Nichts liegt herum, alles ist aufgeräumt. 17 Quadratmeter misst das Zimmer. Das bedeutet, dass die Studentin 17 Stunden im Monat arbeiten muss, fein säuberlich festgehalten auf einem Formblatt, dass Eli ausfüllt und Elke Siemßen unterschreibt. Rasenmähen: 20 Minuten. Bad putzen: 40 Minuten, Flur und Treppenhaus saugen: 30 Minuten...

Als Elke Siemßen zum Rudern auf der Donau war, hat die Studentin noch mehr gemacht. Sie hat die Rosensträucher im Garten hinterm Haus gestutzt, die Blumen auf den Fensterbänken gegossen, die Mülltonnen rausgestellt, die Zeitung reingeholt, den Briefkasten geleert. Auf dem Stundenzettel der Behörde stehen aber auch andere Arbeiten. Zum Beispiel, dass die Studentin der Rentnerin Sprachunterricht gibt, sie unterstützt, wenn der Computer mal nicht so will wie sie. Nur eines darf Eli nicht. Elke Siemßen pflegen. Auch das schreiben die Richtlinien vor, ausdrücklich sogar. Der Mann von der Sozialbehörde, der das Zimmer im ersten Stock mit dem Zollstock vermessen hat, erzählte der Rentnerin, dass manche Leute versuchten, Studenten als billiges Pflegepersonal auszunutzen.

Das war kurz nach dem Anruf bei der Behörde, als sie sich entschieden hatte, das große Haus nicht zu verkaufen, sondern mit einer Studentin zu teilen – „gerne eine aus dem Ausland, am liebsten eine aus dem Iran“. Am 22. April stand Eli das erste Mal vor der Tür. Ein kurzes Gespräch zum Kennenlernen, mehr Zeit war nicht. 24 Stunden später war sie wieder da, diesmal mit dem Koffer unterm Arm. Die Studentin und die Rentnerin wissen das Datum des Einzugs deshalb so genau, weil die Iranerin an diesem Tag Geburtstag hatte. Eli erzählt, dass „Frau Siemßen“ sie mit einem Geschenk empfangen hat. Und ihre Vermieterin, dass sie am Nachmittag zu Tee und Kuchen aufs Zimmer eingeladen wurde. Beide sitzen jetzt in der Küche und halten sich die Hände.

Erst Kinder-, jetzt Studentenzimmer: 17 Quadratmeter misst der Raum der Iranerin.

Erst Kinder-, jetzt Studentenzimmer: 17 Quadratmeter misst der Raum der Iranerin.

Foto: Christina Kuhaupt

Sie geben sich Halt. Erst ist es Elke Siemßen, die das sagt. Später wird es die Studentin ähnlich sagen. Irgendwie, meint die Rentnerin, hat Eli es geschafft, eine Lücke zu füllen. „Es ist schön zu wissen, dass jemand im Haus ist.“ Die Studentin will am liebsten so lange bei der Rentnerin wohnen, wie sie studiert. Vier Jahre. Frau Siemßen, sagt sie, hat ihr so viel über deutsche Kultur und Gepflogenheiten beigebracht wie kein anderer Mensch bisher in Bremen. „Von ihr kann ich mehr lernen als nur die Sprache.“ Dabei sehen sie sich manchmal mehrere Tage in Folge nicht. Kommt Eli nachmittags von der Hochschule, ist Elke Siemßen in der Regel unterwegs, meistens beim Rudern. Manchmal treffen sie sich in der kleinen Küche zum Frühstücken oder im großen Wohnzimmer zum Abendessen. Oder auf der Terrasse einfach bloß zum Reden, was schon mal bis in die Nacht dauern kann.

Sie sprechen über Sport. Nicht nur übers Rudern, sondern auch über Slam Dunks, weil Eli Basketballerin ist. Über persische Kunst, die sowohl auf Anrichten und Schräken in Elke Siemßens Wohnzimmer als auch im Regal in Elis Zimmer steht – lauter Spiegel, die von ihr gestaltet wurden. Über Tradition und Kultur, Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Und darüber, warum Deutsche und Iraner so sind, wie sie sind. Was sie ausmacht, was sie eint und trennt. Menschen im Iran, sagt die Studentin, fragen einen Gast nicht extra, was sie ihm zu Trinken oder zu Essen anbieten sollen. „Sie stellen einfach eine Auswahl an Speisen und Getränken zusammen und servieren es ihm.“ Und sie nehmen einen Reisenden ganz selbstverständlich mit nach Hause, wenn er keine Bleibe für die Nacht findet, selbst einen Wildfremden. Elke Siemßen hat das oft erlebt. Im Urlaub genauso wie in den drei Jahren, in denen sie mit ihrem Mann, der Spediteur war, im Iran lebte. „Diese Gastfreundschaft gibt es kein zweites Mal.“

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Jetzt ist sie die Gastgeberin. Eine, die ihre Besucherin gar nicht wie einen Gast behandelt. Eli darf so gut wie jedes der sechs Zimmer im Haus nutzen. Sie braucht nicht zu fragen, ob sie sich den Liegestuhl in den Garten stellen oder Freunde auf die Terrasse einladen darf. Ob es in Ordnung ist, dass sie am Abend länger ausbleibt, sich das Fahrrad aus dem Keller nimmt oder ihre Verwandten in Bremen besucht. Sie soll nur Bescheid sagen, dass sie es tut. Elke Siemßen: „Wir versuchen, so viel Rücksicht aufeinander zu nehmen, wie es in jeder Familie gang und gäbe sein sollte.“ Eben wie es eine Mutter von ihrer Tochter erwartet, nur dass Eli eben nicht die Tochter ist – „aber irgendwie zur Familie dazugehört“. Während die Rentnerin das sagt, klopft sie der Iranerin mehrmals auf den Handrücken.

Später, am Nachmittag, will die Ältere die Jüngere den Nachbarn vorstellen, ganz offiziell sozusagen. An diesem Sonnabend werden sie nämlich alle da sein. Die Wätjenstraße, an der das Reihenhaus von Elke Siemßen liegt, ist seit dem Morgen für ein Nachbarschaftsfest gesperrt. Die ersten Stände stehen schon. Die Studentin, davon geht die Rentnerin fest aus, wird viele Hände schütteln. Und noch öfter sagen, was sie ohnehin häufig zur Begrüßung sagt: „Nennen Sie mich einfach Eli, das ist kürzer.“

Die andere Wohngemeinschaft

Wohnen für Hilfe“ ist mittlerweile in rund 30 deutschen Universitätsstädten für Studenten zu einer Alternative auf dem Wohnungsmarkt geworden. Das Prinzip ist einfach: Ältere Menschen, Alleinerziehende und Familien stellen ein Zimmer bereit. Im Gegenzug helfen die Studenten im Alltag. In der Regel beteiligen sie sich lediglich an den Kosten für Gas, Wasser, Strom. Die Art der Hilfeleistungen kann individuell verhandelt werden. In Bremen wird eine Art Vertrag geschlossen.

Das Programm ist von der Sozialbehörde und dem Studentenwerk Anfang vergangenen Jahres gestartet worden. Während in Städten wie Köln, Marburg und Tübingen mehrere Dutzend Studenten und Senioren pro Semester zusammengebracht werden, ist die Resonanz in Bremen geringer. Die Zahl der Wohnen-für-Hilfe-Gemeinschaften lag anfangs bei fünf und liegt jetzt bei fünf. Nach Rechnung der Behörde gibt es rund 130 000 ältere Menschen über 65 Jahre in Bremen und damit viele ehemalige Kinder- und Gästezimmer, die ungenutzt sind. Dem stehen 27 200 Studenten gegenüber, für die es immer schwerer wird, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Davon ist jedenfalls Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) beim Start des Programms ausgegangen.

Für Studenten, die sich für „Wohnen für Hilfe“ interessieren, ist das Studentenwerk Ansprechpartner. Wer ein Zimmer frei hat und jemanden aufnehmen will, für den ist die Sozialbehörde zuständig. Anfragen nimmt das Studentenwerk unter der Telefonnummer 220 11 01 29 entgegen, die Behörde über das Bürgertelefon unter der Nummer 115. Beide Kontaktstellen sind wegen der Sommerpause erst ab 17. August wieder besetzt.

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