Bremer Institut schult Ärzte und Rettungssanitäter

Wie im Notfall Hypnose hilft

Es hat einen schweren Verkehrsunfall gegeben. Notärzte und Rettungssanitäter versorgen die Schwerverletzten. Ein Unfallopfer befindet sich noch im Auto. Sie hat starke Schmerzen. Eine Hypnosetherapeutin kann Schwerverletzte zusätzlich versorgen.
15.02.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Wie im Notfall Hypnose hilft
Von Sabine Doll
Wie im Notfall Hypnose hilft

Die Bremer Notfallmedizinerin Annette Held und der Arzt Thomas Kemmler-Kell haben das Institut für Notfall-Hypnose 2015 gegründet.

Frank Thomas Koch

Es hat einen schweren Verkehrsunfall gegeben. Notärzte und Rettungssanitäter versorgen die Schwerverletzten. Ein Unfallopfer befindet sich noch im Auto. Sie hat starke Schmerzen. Eine Hypnosetherapeutin kann Schwerverletzte zusätzlich versorgen.

Es hat einen schweren Verkehrsunfall gegeben. Notärzte und Rettungssanitäter sind vor Ort und versorgen die Schwerverletzten. Ein Unfallopfer, eine junge Frau, befindet sich noch im Auto. Ihr Bein ist eingeklemmt, sie hat starke Schmerzen. Doch die Bergung ist schwierig und wird wenigstens eine halbe Stunde dauern. Die Frau gerät in Panik, sie hat Angst, steht unter enormem Stress, kann kaum atmen.

Annette Held ist Notfallmedizinerin am Klinikum Links der Weser. Und sie ist Hypnosetherapeutin. Sie beherrscht die Schulmedizin, und sie kann Schwerverletzte zusätzlich mit einer Notfall-Hypnose versorgen. „Wir können sie psychisch stabilisieren, beruhigen, ihnen die Schmerzen nehmen“, erklärt die Ärztin. Dazu verfügt sie über ein Repertoire unterschiedlicher Hypnose-Techniken. „Innerhalb kürzester Zeit, keiner Minute, können wir die Patienten rein mit Worten oder Gesten in einen Trancezustand versetzen.“ Die eingeklemmte Frau in dem Auto bittet sie zum Beispiel, sich vorzustellen, dass frische Luft durch ihren gesamten Körper strömt. Den Blick der Frau lenkt sie auf einen bestimmten Punkt, den sie mit den Augen nicht mehr loslässt. „Das Wichtige dabei ist, dass es positive Formulierungen sind“, sagt Annette Held. Blickfixation nennt sie diese Technik. Das Unfallopfer fokussiert sich gedanklich auf einen Punkt. Gehirn und Wahrnehmung werden abgelenkt von der traumatisierenden Lage, in der sich das Opfer befindet.

Ärzte schulen in Hypnose-Techniken

Vor zwei Jahren hat Annette Held gemeinsam mit dem Allgemeinmediziner Thomas Kemmler-Kell in Bremen 2015 das Institut für Notfall-Hypnose gegründet. Die Ärzte schulen Notfallmediziner, -sanitäter und Rettungsassistenten in Hypnose-Techniken. Zur Zielgruppe gehören aber auch Notfallseelsorger und Psychologen für den Bereich der Krisenintervention. Sie reisen für das zweitägige Seminar aus der gesamten Republik an, denn das Bremer Institut ist bundesweit das erste und einzige dieser Art. Beim Symposium für Intensivmedizin und Intensivpflege, das ab diesem Mittwoch bis Freitag in der Messe Bremen läuft, stellen die beiden Ärzte ihre Arbeit und Hypnose-Techniken dem Fachpublikum vor. 4600 Teilnehmer werden an den drei Tagen erwartet, es ist der bundesweit größte verbandsunabhängige Kongress in diesem Sektor und findet bereits zum 27. Mal statt. „Damit dürften wir viele Interessierte erreichen“, sagt Annette Held.

Beim Stichwort Hypnose haben viele Bilder willenloser Menschen in Fernsehschaus vor Augen, die in diesem Zustand in aller Öffentlichkeit lächerlich gemacht werden. „Das hat nicht das Geringste mit dem Trancezustand zu tun, in den wir Schwerverletzte oder andere Patienten mit der therapeutischen Hypnose versetzen“, sagt Thomas Kemmler-Kell. „Man muss sich das wie einen Zustand zwischen wach sein und schlafen vorstellen. In etwa so wie kurz vor dem Einschlafen, es ist ein wohliger Zustand. Die Patienten können sich bewegen, sie sind ansprechbar.“ Aber: Die Hypnose funktioniert nicht immer. Zum Beispiel dann nicht, wenn sich der Patient dagegen wehrt und sich nicht auf die Hypnose einlässt. Auch Sprachbarrieren oder psychiatrische Erkrankungen wie Psychosen oder eine Borderline-Störung sprechen dagegen.

Atemstörungen behandeln

Dass die Hypnose in Trauma-Situationen wie bei Unfällen so gut funktioniert, liege unter anderem daran, dass sich die Patienten durch Schock, Stress und Panik oft in einer sogenannten Problemtrance befinden: Ihre gesamte Aufmerksamkeit ist auf ihren Zustand fokussiert, in dem sie nach einem Ausweg aus der Notsituation suchen. „Das macht sie besonders empfänglich, und wir können ihnen diesen Ausweg bieten. Sie psychisch stabilisieren und beruhigen“, erklärt Annette Held. Besonders gut ließen sich Atemstörungen von Hyperventilation bis hin zu Asthmaanfällen mit diesen Techniken behandeln. Vor allem Schmerzen ließen sich sehr gut lindern, quasi ausschalten. „Es ist sogar möglich, schmerzhafte Knochenbrüche zu richten.“

Hypnose in der Notfallmedizin ist bislang kaum verbreitet – vielmehr ist sie es nicht mehr. Seit der Einführung von Äther, Chloroform und später nebenwirkungsärmeren Medikamenten zur Anästhesie war sie als effektives Verfahren zur Schmerzlinderung verschwunden. Das ändert sich: In der Bergrettung in Österreich wird sie seit 2011 eingesetzt, in der Schweiz sind mehrere Hypnosekonzepte für den Rettungsdienst und Notfallsituationen zu finden, sagt Annette Held. 2013 haben im Elsass 120 Feuerwehrangehörige Notfall-Hypnose-Techniken gelernt. „Und 2016 haben in Bremen die ersten Notärzte, Rettungsassistenten und Notfallsanitäter eine Ausbildung in Notfall-Hypnose erhalten“, sagt die Bremer Ärztin.

Annette Held betont aber auch, dass die Hypnose im Rettungsdienst kein Allheilmittel ist – und kein Ersatz für Medikamente. „Es ist eine Ergänzung, die eine größere Variationsbreite an Techniken für die schnelle und sichere Versorgung von Notfall-Patienten bietet.“

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