Der feine Unterschied beim Public Viewing "Wie jetzt? Ist Frauen-WM?"

Stell dir vor, es ist Fußball-WM, und keiner schaut hin: Genau das ist in Bremen aktuell zu erleben. Denn der Titelkampf der DFB-Frauen in Kanada stößt beim Publikum kaum auf Interesse.
17.06.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ralf Michel

Frauen-WM: Deutschland gegen Thailand. Es geht um den Gruppensieg. Das „Litfass“ im Viertel ist gut gefüllt, überwiegend Männer beim Bier, in Gespräche vertieft. Gespannte Erwartung als die Live- Übertragung beginnt. Wie wird das Publikum reagieren auf den Frauenfußball? Interessiert mitfiebernd, am Ende vielleicht sogar begeistert? Auf geht’s, das kanadische Sommermärchen beginnt und wir sind dabei? Oder doch mit Sprüchen und abfälligen Bemerkungen, man kennt das, es geht um Frauenfußball? Nein, keine Sprüche. Es kommt dicker: Ein, zwei gelangweilte Blicke auf den Bildschirm, mehr ist nicht drin für die bundesdeutschen Nationalkickerinnen. Stell dir vor, es ist Fußball-WM, und keiner schaut hin.

Rückblende: Sonnabend, 21. Juni 2014. Deutschland gegen Ghana, das zweite Gruppenspiel bei der Weltmeisterschaft in Brasilien, Anpfiff um 21 Uhr. Neben dem Theater am Goetheplatz steht eine Großleinwand, davor drängen sich gut gelaunte Menschen, in der einen Hand ein Bier, in der anderen die Deutschlandflagge. Das ist erst der Anfang – das Public Viewing zieht sich durchs gesamte Viertel. Fernseher in oder vor jeder Kneipe. Nicht anders ist es an der Schlachte.

2:2 endete das Spiel. Wie es danach weiterging, ist bekannt. Finale, 113. Minute: 1:0 durch Mario Götze, Deutschland war Weltmeister. Dass ist auch in Kanada nicht auszuschließen, die Kickerinnen um Bundestrainerin Sylvia Neid gehören zu den Favoriten. Wie aber ist es diesmal um die öffentliche Begeisterung gestellt? „Schau’n mer mal“, würde eine bekannte (männliche) Fußballikone sagen.

Mit Public Viewing im großen Stil ist schon mal nichts. Angesichts der hohen Kosten und des überschaubaren Interesses ein zu großes Wagnis, winkt Arnold Arkenau vom Theatro ab. Er hatte vor einem Jahr die Großleinwand am Goetheplatz organisiert. Timo Bahr von der Bremer Veranstaltungs- und Event GmbH sieht das genauso. Er hatte 2014 das Public Viewing auf der Galopprennbahn auf die Beine gestellt. Nicht mal drüber nachgedacht habe man diesmal. „Dafür ist das Interesse am Frauenfußball einfach nicht groß genug.“

Nächster Versuch – was tut sich an der Schlachte? Das Gespräch mit den Kellnerinnen und Kellnern ergibt, dass die Frage des Abends nicht lautet, ob ab 22 Uhr Fußball geschaut wird oder nicht, sondern: „Wie jetzt? Ist Fußball-WM? Wusste ich gar nicht. Wo denn?“ In der Sportbar „Red Rock“ kann geschaut werden, natürlich. Ansonsten aber bleibt vom „Luv“ bis zum „Celona“ der Bildschirm schwarz. Wenn es denn überhaupt einen gibt. „So was machen wir nur bei der Herren-WM“, lautet die meistgenannte Antwort.

Feldversuch im „Litfass“

Allein Sascha Blohm aus dem „Kangaroo-island“ würde den Fernseher einschalten, wenn denn jemand fragen würde. Es fragt aber niemand. Absage auch im „Celona“. Immerhin, Kellnerin Valentina weiß von einem Stammgast zu berichten, der gerade gegangen ist. „Der hat gesagt, dass er nach Hause muss – Frauen-WM gucken.“

Zurück ins Viertel. Feldversuch im „Litfass“: Vor einem Jahr hatte die Kneipe noch draußen eine Leinwand zwischen ihre Schaufenster gespannt. Diesmal ist die WM kein Thema. Anpfiff ist um 22 Uhr, aber die beiden Fernseher bleiben aus. Auch hier niemand, der nach der ZDF-Live-Übertragung fragt. Als sie dann um kurz nach Zehn auf Bitten eines einzelnen Redakteurs doch eingeschaltet werden – „okay, aber nur ohne Ton“ – stoßen die Bilder auf völliges Desinteresse. Als Barkeeper Jannik Landmark sagt, dass die Fernseher trotzdem anbleiben und zumindest er jetzt weiterschauen würde, klingt das fast wie Mitleid.

Auch im „Hegarty’s Irish Pub“ läuft der Fernseher ohne Ton. Hat aber nichts mit Frauenfußball zu tun. An diesem Montag ist Quizabend angesagt, dagegen haben noch ganz andere Sendungen keine Chance. Das erste Spiel der deutschen Mannschaft hätten letzte Woche ein paar Männer geschaut, erzählt eine Mitarbeiterin. „Aber ich glaube, die gucken nur, weil das zur Zeit der einzige Fußball ist.“

Doch dann, in der Kneipe „Spaß im Viertel“. „Geht gleich los, Fernseher läuft schon“, hatte Wirtin Gitta Packhäuser schon 20 Minuten vor dem Spiel gesagt. Jetzt, eine Dreiviertelstunde später, als das 1:0 für die Deutschen fällt, gibt es anerkennende Worte. „Na, das war doch mal ein klasse Kopfball.“

Trotzdem ist das Interesse auch hier überschaubar. „Das Spiel läuft zu spät, die Leute müssen doch morgen zur Arbeit“, erklärt Packhäuser. „Und das Spiel gegen Thailand ist ja nun auch nicht der Renner. Dafür nimmt sich keiner Urlaub.“ „Für den HSV-Abstieg hätte ich das getan!“, ruft einer ihrer Gäste dazwischen. Aber das hat mit Frauenfußball eher weniger zu tun.

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