Eine Kapitänin im Porträt

Von der Zeit auf hoher See als Frau

Seit zwei Jahren fährt sie Lotsenversetzboote in Bremerhaven, vorher hat sie zehn Jahre lang mit Kreuzfahrtschiffen die Welt befahren. Ein Porträt über die Kapitänin Nicole Schnieders.
11.04.2021, 05:00
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Von der Zeit auf hoher See als Frau
Von Frieda Ahrens
Von der Zeit auf hoher See als Frau

Nicole Schnieders neben einem Modell ihres Lostenversetzbootes in Bremerhaven.

Florian Sulzer

Nicole Schnieders hat endlich Zimmerpflanzen, echte Zimmerpflanzen. Jahrelang besaß die 36-Jährige nur Grünes aus Plastik. Denn bis 2019 war sie regelmäßig auf hoher See unterwegs: vier Monate auf einem Kreuzfahrtschiff, drei Monate daheim, dann wieder Monate unterwegs. Jetzt gibt es ihn, den einen Heimathafen, regelmäßiges Heimkehren, und eben auch Zimmerpflanzen. Und nicht nur ihre Beziehung zu Pflanzen ist wieder deutlich einfacher geworden.

„Durch Skype und Emailkontakt habe ich versucht, die Kommunikation mit meiner Familie aufrecht zu halten“, sagt Schnieders über ihre Zeit auf See. An jedem Hafen habe sie geschaut, ob es dort Internet gibt, und bei den Kreuzfahrtschiffen sei Wlan an Bord meistens zum Glück kein Problem gewesen. Außerdem sei ihre Kabine voll gehängt gewesen mit Fotos.

Nicole Schnieders hat ein weiches Gesicht, sie lacht viel, hat schon kleine Lachfalten um die Augen. Doch ihre Karriere verrät, dass sie auch anders kann. Zehn Jahre war sie mit Kreuzfahrtschiffen von Hapag-Lloyd auf Tour, hat sich dabei hochgearbeitet, vom dritten Offizier zum zweiten, dann zum ersten, schließlich war sie „Staff Captain“, also die direkte Vertreterin des Kapitäns. Da musste sie auch mal hart durchgreifen. „Ich hab' schon Besatzungsmitglieder nach Hause geschickt“, sagt sie. Auf einem Schiff herrsche eine klare Hierarchie. Da die Besatzung viel aufeinander hänge und das auf engem Raum, käme es immer wieder mal zu Reibereien. Diese müsse sie als Chefin direkt thematisieren, anders funktioniere es an Bord nicht.

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Wenn sie erzähle, dass sie Kapitän ist, ernte sie regelmäßig ungläubige Blicke. „Wie? Als Frau?“, käme dann schon mal zurück. Das sei für sie das Schlimmste: „Wenn Leute denken, ich bin eine Frau, also kann ich nicht Kapitän sein. Da denke ich immer so: Ja, und?“ Schnieders besteht nicht auf das „in“ am Ende ihres Jobtitels. Eine Rolle spiele das an Bord nur, wenn man es absichtlich thematisiere. „Ich bin Seemann und dann ist gut“, findet sie. Doch auf ihrem Karriereweg sei ihr schon aufgefallen, dass Frauen oft mehr leisten müssten als Männer. „Die Männer liefen so durch und als Frau gibt man noch mal Vollgas, so 150 Prozent.“ Aber das habe sie nie gestört.

Ihr erstes Praktikum auf See habe sie mit 20 Jahren gemacht. Auf einem Containerschiff in Südamerika, die ganze Westküste hoch und runter. 23 Männer an Bord, sie als einzige Frau. Oft sei sie mit Menschen aus anderen Kulturen unterwegs gewesen, die ein anderes Frauenbild hätten. Sie habe während ihres Praktikums ein, zwei nicht so schöne Situationen erlebt. „Man muss dann nachts schon die Kabine abschließen“ sagt Schnieders. Gestört – oder gar davon abgehalten, den Job zu machen – habe das sie aber nie.

Mit 16 Jahren wusste sie, dass sie auch beruflich zu See fahren will. Es fing so an: Schon ihr Großvater hatte ein Boot, und als ihre Mutter mit ihr schwanger war, ist diese zwischen Boot und Steg ins Wasser gefallen. Da war sie „Fender“, wie sie selbst sagt. Als Fender wird der Schutz zwischen Schiff und Steg bezeichnet. „Ich bin auf dem Boot groß geworden. Ich wollte das immer schon und liebe das Schifffahren immer noch“, sagt sie schlicht. Sie könne das nicht besser erklären. Einige mögen Rennauto fahren, sie fahre eben gern Schiff.

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Mit 16 wurde dann also der Sportbootführerschein gemacht, nach dem Abitur 2009 direkt vier Jahre lang Nautik studiert. Mit Zirkel und Dreiecken auf Karten zu navigieren, nach den Sternen zu fahren, das habe sie fasziniert. Mit Schiffen war sie bereits weltweit unterwegs. „Antarktis, Arktis, Amazonas, Indonesien, ich war eigentlich überall auf der Welt.“

Am meisten gefallen hat ihr die Antarktis. Das erste Mal war sie 2010 dort, und es habe sie komplett überwältigt. „Das Eis, die Tierwelt, da ist wirklich Remmidemmi“, sagt sie. Im Nachhinein sei für sie die Veränderung der Umwelt sehr spannend, die sie im Vergleich von 2010 und beim letzten Besuch 2018 in der Antarktis gesehen habe. Seitdem lebe sie noch bewusster. Die Entwicklung der Kreuzfahrtschiffe sieht sie kritisch: „Da scheint es momentan kein Limit nach oben zu geben.“ In vielen Köpfen ginge es nur noch darum: schneller, höher, größer, weiter. „Aber Corona, so schlimm die Situation gerade weltweit ist, kann vielleicht was das Thema angeht, die Branche wieder etwas erden.“

Seit zwei Jahren ist Schnieders nicht mehr auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs, sondern mit deutlich kleineren Gefährten. Sie arbeitet beim Lotsbetriebsverein Bremerhaven und fährt Lotsen zu den größeren Schiffen. Ihr Schiff ist dabei eine Art Taxi. Oder genauer: ein Lotsenversetzboot. Die ersten Fahrten seien eine große Herausforderung gewesen. „Ich fahre an diese Schiffe ran, gucke eine zehn Meter hohe Bordwand hoch und habe ja eine geführte Kollision mit dem Schiff, während sich beide Schiffe mit der gleichen Geschwindigkeit weiterbewegen“, schildert sie. Da richtig ranzufahren, habe Überwindung gekostet.

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Während beide Schiffe weiterfahren, steigt der eine Lotse aufs große Schiff, und nach einer Übergabe kommt der andere aufs kleine Boot runter. Das passiert, egal welches Wetter herrscht. Je windiger es ist, je mehr Seegang herrsche, desto rauer gehe es zu. Und dann habe man immer noch Menschenleben vorne auf der Leiter. „Wenn da einer über Bord geht, je nachdem, wie die Strömung ist, dann findet man die nicht so schnell wieder – dass das passieren kann, geht schon durch den Kopf“, sagt sie. Und der Nebel sei schlimm. Immer schon gewesen, auch auf dem Kreuzfahrtschiff in der Antarktis. Da müsse man sich komplett auf die Geräte verlassen.

Doch der aktuelle Job hat auch große Vorteile, Schichtdienst zum Beispiel. Wenn sie nach Hause fährt, könne sie alles an Bord lassen. Das nennt sie Luxus. Sie könne momentan Schifffahren, aber trotzdem zuhause sein und eine Familie gründen. Schnieders ist nämlich schwanger. „Mein Mann und ich werden gerade ein wenig sesshaft, das genieße ich sehr.“

Sie will sich von der Zukunft überraschen lassen, müsse nicht unbedingt noch mal die Welt bereisen. Wenn man sie nach dem nächsten großen Ziel fragt, lacht sie und nennt dann Orte in Deutschland: „Ich war bisher viel zu wenig in Deutschland unterwegs.“ Bei diesen kürzeren Trips würden in Zukunft dann während ihrer Abwesenheit auch die Zimmerpflanzen überleben.

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