Studie zum Kindeswohl

Wie kommen Kinder am besten mit der Trennung der Eltern zurecht?

Jedes Jahr erleben 200 000 Kinder, dass ihre Eltern sich trennen. Wissenschaftler versuchen herauszufinden, wie eine Trennung kindgerechter ablaufen kann. Und suchen noch Studienteilnehmer.
09.04.2017, 19:13
Lesedauer: 4 Min
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Wie kommen Kinder am besten mit der Trennung der Eltern zurecht?
Von Kathrin Aldenhoff
Wie kommen Kinder am besten mit der Trennung der Eltern zurecht?

Unterwegs im Auftrag des Kindeswohls: Stefan Rücker befragt Verena Schmidt zur Trennung vom Vater ihrer Kinder.

Christina Kuhaupt

Jedes Jahr erleben 200 000 Kinder, dass ihre Eltern sich trennen. Wissenschaftler versuchen herauszufinden, wie eine Trennung kindgerechter ablaufen kann. Und suchen noch Studienteilnehmer.

Verena Schmidt* wollte alles richtig machen. Sie wollte, dass der Vater seine beiden Söhne regelmäßig sieht, auch nachdem sie sich von ihm getrennt hat. Ein knappes Jahr klappte das, dann sagte er die Papa-Wochenenden immer wieder kurzfristig ab. Sie musste den Jungs dann erklären, dass sie nicht zu ihrem Vater fahren dürfen. Seit acht Monaten haben sie gar keinen Kontakt mehr zu ihm. Verena Schmidt und ihr Ex-Partner sind ein Beispiel dafür, wie Trennungen verlaufen. Und wie der Streit der Eltern die Kinder betrifft.

Jedes Jahr erleben rund 200 000 minderjährige Kinder, dass ihre Eltern sich trennen. Diese Zahl nennt Stefan Rücker, Psychologe und Wissenschaftler. Seit einem Jahr befragt er mit neun Kollegen Väter und Mütter, die sich vor Kurzem getrennt haben. „Wir brauchen Erfahrungsberichte. Wir müssen wissen, wie die Lebenswirklichkeit dieser Eltern und Kinder aussieht“, sagt der 45-Jährige.

Die Ergebnisse dieser Befragungen fließen in die Studie „Kindeswohl und Umgangsrecht“ ein, die das Bundesfamilienministerium in Auftrag gegeben hat. Stefan Rücker koordiniert die Studie. Sie soll herausfinden, wie Kinder und Jugendliche aus Trennungsfamilien gut aufwachsen, und wie das Umgangsrecht gestaltet werden muss, damit es den Bedürfnissen der Kinder gerecht wird. „Wir dürfen nicht müde werden, Kinder vor Gewalt zu schützen“, sagt Stefan Rücker, selbst Vater von zwei Kindern.

Extreme Belastungen für die Kinder

„Auf dem Weg zu einer Umgangsregelung entstehen oft extreme Belastungen für die Kinder“, sagt Stefan Rücker. Oft seien die Eltern sehr zerstritten. Manche Kinder werden vor Gericht von Richter und Anwälten befragt, auch mehrmals. Die Juristen gingen nicht immer sensibel vor, sagt er. Und erzählt von einem Richter, der ein Kind vor den Eltern fragte: Wen hast du lieber, Mama oder Papa? „So etwas bringt Kinder in einen Loyalitätskonflikt“, sagt Rücker. Und setze sie so zusätzlich unter Druck. In anderen Ländern klappe das besser: Kinder werden nur einmal befragt, von einer Person, während sie spielen. „Davon sind wir in Deutschland noch meilenweit entfernt.“

An diesem Vormittag sitzt Stefan Rücker am Esstisch von Verena Schmidt. Eine schwarze Aktentasche steht neben ihm, vor ihm liegt ein Ordner mit einem Fragebogen. Verena Schmidt hat auf einem Stövchen heißes Wasser für Tee bereitgestellt, in einer Schale liegen Ostereier aus Schokolade. Ihr jüngerer Sohn, drei Jahre alt, sitzt auf ihrem Schoß. Als die 27-Jährige zu erzählen beginnt, geht er in sein Kinderzimmer. Der Sechsjährige ist im Kindergarten.

Beide Kinder leben bei Verena Schmidt. Vor mehr als eineinhalb Jahren hat sie sich vom Vater der beiden Jungs getrennt und ist aus einer anderen Stadt nach Bremen gezogen, 250 Kilometer weit weg vom Vater, weil ihre Eltern und ihre Schwester hier leben. Ihr Ex-Partner war einverstanden, sagt sie. Er konnte gut verstehen, dass sie familiäre Unterstützung brauchte.

Noch fehlen rund 600 Erfahrungsberichte

Stefan Rücker fragt, wer das Sorgerecht hat (sie hat es alleine), ob die beiden verheiratet waren oder sind (nein, das waren sie nie) und ob Gewalt eine Rolle gespielt hat. Ja, sagt sie, psychische Gewalt, gegen sie. Und betont, dass er nie die Kinder bedroht habe und nie körperlich gewalttätig wurde. War das Kindeswohl gefährdet?, fragt der Psychologe. Nein, antwortet sie. Aber besonders der ältere Sohn leide unter der Trennung. Anfangs war er wütend auf sie, fing auf offener Straße an zu schreien. Brüllte, sie tue ihm weh. Sie ist dann zum Jugendamt gegangen, hat um Erziehungsberatung gebeten und sie bekommen. Er kann schlecht einschlafen, jede Nacht kommt der Sechsjährige zu ihr ins Bett. „Er hat Angst, mich auch noch zu verlieren.“

Verena Schmidt antwortet offen und direkt, auch auf die sehr privaten Fragen. Sie erzählt, dass sie in psychotherapeutischer Behandlung ist, redet über ihre finanzielle Situation als Studentin und Mutter und darüber, dass sie keine neue Beziehung hat. Stefan Rücker macht Notizen, nickt, hört zu. Mehr als 600 Väter und Mütter haben seine Kollegen und er in ganz Deutschland schon befragt, noch einmal so viele fehlen noch. Bis Ende des Jahres wollen sie die Befragung abgeschlossen haben, dann geht es an die Auswertung.

Verena Schmidt hofft, dass der Vater sich noch einmal um den Umgang mit seinen Kindern bemüht. Dass er einwilligt, mit ihr Beratungsgespräche beim Jugendamt zu führen. Die sind für sie die Voraussetzung dafür, ihm noch eine Chance zu geben. „Wir müssen erst lernen, miteinander zu sprechen, sonst funktioniert der Umgang nicht“, sagt sie. Das soll er aber, wenn sie es noch mal probiert, und zwar langfristig. Denn das Wichtigste ist ihr, ihre beiden Söhne vor neuen Enttäuschungen zu schützen.

* Name von der Redaktion geändert.

Teilnehmer gesucht
Noch fehlen dem Forscher-Team rund 600 Erfahrungsberichte. Für die Studie „Kindeswohl und Umgangsrecht“ werden Väter und Mütter gesucht, die sich getrennt haben und deren Kinder noch nicht erwachsen sind. Wer sich vorstellen kann, mit Stefan Rücker oder einem seiner Kollegen über seine Trennung, die Umgangsregelung mit dem Ex-Partner oder der Ex-Partnerin und die familiäre Situation zu sprechen, kann sich unter der Telefonnummer 218 686 54 bei der Arbeitsgruppe Kindeswohl an der Universität Bremen melden oder eine E-Mail an kindeswohl@uni-bremen.de schicken.
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