Auswirkungen auf das öffentliche Leben

Wie Menschen in Bremen mit der Corona-Krise umgehen

Schulen und Kitas geschlossen: Wie wirkt sich das auf das öffentliche Leben in Bremen aus? Ein Streifzug durch eine Stadt im Kampf gegen das Coronavirus.
17.03.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie Menschen in Bremen mit der Corona-Krise umgehen
Von Carolin Henkenberens
Wie Menschen in Bremen mit der Corona-Krise umgehen

Student Jaan-Ole Hoppenberg,hier mit Dilara Tuncer (links), am Montag in einem Café in der Neustadt.

Frank Thomas Koch

Die Sonne scheint an Tag eins. Menschen in T-Shirt und kurzer Hose radeln auf der Straße. Kinder laufen Eis essend umher, Blumen am Wegesrand blühen, das Wasser der Weser glitzert.

Doch wer genau hinsieht, hinhört, mit Menschen ins Gespräch kommt, der spürt: Dieser Montag ist kein gewöhnlicher Frühlingsmontag im März.

Es ist Tag eins der Schul- und Kitaschließungen in Bremen. Fast minütlich verkündet das Smartphone neue Nachrichten: Grenzen teilweise dicht, heißt es am Morgen. Läden, Bars und Diskotheken sollen schließen, lautet die Meldung am Abend. Wie wirkt sich die Corona-Pandemie aus auf das öffentliche Leben in Bremen? Ein Streifzug durch die Stadt.

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Mittags am Bremer Hauptbahnhof. Die Gänge wirken leer, ist das normal für einen Montag? Im „Trendy“-Shop, einem Geschenkartikelladen, sagen zwei Mitarbeiter: nein. Die Besucher würden immer weniger. Schon seit Ende vergangener Woche. Die Leute, die noch in den Laden kämen, kauften ohnehin nur noch das Hygiene-Gel, sagt Abdullah, der seinen Nachnamen nicht nennen will. Und wenn das weg ist? Die meisten Läden würden bald dicht machen, ist er überzeugt. Kollegin Sana sagt: „Unsere Hauptkunden sind Touristen“.

Und die blieben in diesen Tagen zu Hause. Was das für sie und ihre Arbeit bedeutet? Unklar. Gegenüber, am Stand „Haferkater“, wirken die Angestellten angespannt. Kaum hat man sich vorgestellt, sagt einer: „Nix los!“. Alle tragen Plastik-Handschuhe, man nehme kein Bargeld mehr an. Eine Kundin kommt, bestellt und sagt scherzend: „Ich habe keine Angst“. „Aber wir haben Angst“, entgegnet die Mitarbeiterin hinter der Theke.

Kiefert-Wurststand, zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt. Frau B., die Verkäuferin, findet, die Leute seien noch gut drauf und nett. Weniger Würste verkaufe sie, ja. Wie viele, das dürfe sie nicht sagen. Ein Mann tritt heran, möchte eine Frikadelle. Günther ist Rentner. Er sei gerade mit dem Rad im Bürgerpark gewesen, sagt er, Sonnenbrille auf der Nase. Das mit der Frikadelle habe sich so ergeben, sei ja Mittagszeit. Er hält Abstand – und meint: „Wir haben das alle noch nicht so richtig begriffen. Vor zehn Tagen seien es 200 Erkrankte in Deutschland gewesen, jetzt schon mehr als 5000. Günther meint, zu viele Leute beklagten sich über die Corona-Pandemie, zu viele gingen munter weiter ins Kino oder Theater. Er sagt: „Da muss man sich überlegen: Was hat Vorrang? Dass wir überleben oder dass wir Frikadellen verkaufen?“.

Steintor, Bremer Viertel: Vor dem Café Piano frühstücken Menschen in der Sonne. Drinnen sitzen vereinzelt Gäste. Kellnerin Hanna Kowalski sagt, seit einigen Tagen sei abends deutlich weniger los als sonst. Heute habe der Chef Antrag auf Kurzarbeit gestellt, die ja nun vereinfacht gewährt wird. Das „Coffee-Corner“ am Sielwall ist auch leerer als gewöhnlich. Angestellte Rika Volkmann sagt, ihre Kollegin räume deshalb den Keller auf. Die Stimmung sei dennoch gut: „Ich glaube, die, die Angst haben, kommen nicht.“

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Auf dem Spielplatz gegenüber dem Theater am Goetheplatz ist einiges los. Katharina und Kerim Cokic sind mit ihrer Tochter Mia (3) da. Katharina ist Erzieherin, ihr Mann macht eine Ausbildung. Beide haben derzeit frei. Das sei eigentlich ganz schön, so habe man ein bisschen Familienzeit, sagt Katharina Cokic. „Wir überlegen jetzt, was wir in den nächsten vier Wochen machen könnten, vieles fällt ja weg.“ Sie denkt an einen Waldspaziergang. „Wir versuchen, unser Leben möglichst normal weiter zu leben.“

Thema Corona - Stimmung auf der Straße, Atmosphäre  Umfrage usw - Bilal Yetimoglu mit seinen Kinder vl. Salih und Nisa

Spielplatz statt Arbeit: Bilal Yetimoglu mit seinen Kindern.

Foto: Frank Thomas Koch

Spielplatz an der Neustadtcontrescarpe: Bilal Yetimoglu ist mit seinen Kindern Salih (5) und Nisa (3) da. Er musste sich frei nehmen, um sie zu betreuen. Yetimoglu arbeitet bei einem Fastfood-Restaurant. Er vertraut den staatlichen Behörden im Vorgehen gegen Corona: „Wir warten, was die Regierung sagt.“ Für ein starkes Immunsystem achte er auf eine gesunde Ernährung der Familie.

Neustadt, Pappelstraße, vor dem Rewe, 14 Uhr: Andreas Mahlstedt und seine Mitarbeiter bauen gerade den Gemüsewagen zusammen. Wie lief es so? „Gutes Geschäft“, sagt Mahlstedt. Die Leute kaufen weiter Obst und Gemüse ein. Einige seien verunsichert, fragten, ob der Marktstand weiter geöffnet sein werde. Zweieinhalb Stunden später verkündet der Bremer Senat: Die Wochenmärkte bleiben geöffnet. Während die einen versuchen, ihr Leben trotz der Corona-Pandemie so normal wie möglich weiter zu leben, gehen andere Klopapier kaufen.

Überall das gleiche Bild: Auffällig viele tragen ein oder zwei Packungen. Manch einer hamstert, weil er befürchtet, durch das Hamstern der anderen selber leer auszugehen. Wiederum andere brauchen einfach wirklich neues Klopapier. So wie Petra Pusch. Sie sagt, sie versteht die Leute nicht. „Man muss den Supermärkten auch die Chance lassen, die Regale aufzufüllen.“ Das Gute an Corona, ergänzt ihre Begleitung, sei die Solidarität, die Nachbarschaftshilfe für ältere oder kranke Menschen.

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Ein paar Meter weiter, Café Yellowbird. Jaan-Ole Hoppenberg und Dilara Tuncer trinken Kaffee und Smoothie. Tuncer hat Urlaub, sie wollte nach Istanbul, doch der Flug wurde gestrichen, sie sei deswegen schlecht drauf gewesen. Sie wollte trotz Corona-Epidemie fliegen. Hoppenberg studiert, die Hochschule ist aber dicht. Am Vortag habe er Geburtstag gehabt. Seine Großeltern hätten trotz seiner Bedenken gesagt: „Papperlapapp, wir kommen.“

Er nehme das Virus ernst, im Alltag spüre er noch keinen Unterschied. Außer, dass es kein Klopapier mehr gebe. Café-Inhaber Daniel Wenkel ist wütend. „Unfassbar“ findet er die Panikmache bestimmter Medien und das Verhalten bestimmter Menschen. Das mache ihm mehr Angst als das Virus. Enttäuschend sei, dass die Bundesregierung Geschäftsinhabern Kredite anbiete. „Das ist zynisch“, sagt er. Er kenne viele Selbstständige, die nun in absolute Existenznot gerieten. Ein Kredit helfe denen wenig.

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