Bremer Jugendbeiräte stellen Arbeit vor Wie Politik sein sollte

Jugendliche interessieren sich für Politik, zeigen diverse Umfragen - nur an den Politikern stören sie sich häufig. Die Bremer Jugendbeiräte wollen es besser machen. Im Rathaus stellen sie ihre Arbeit vor.
26.04.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie Politik sein sollte
Von Frauke Fischer

Jugendliche interessieren sich für Politik, zeigen diverse Umfragen - nur an den Politikern stören sie sich häufig. Die Bremer Jugendbeiräte wollen es besser machen. Im Rathaus stellen sie ihre Arbeit vor.

Als Rebecca Engler vor einigen Jahren von ihrem Lehrer gefragt wurde, ob sie nicht im Jugendbeirat ihres Stadtteils aktiv werden wolle, wusste sie wenig über das, was sie erwarten könnte. Wer die heute 20-jährige Bremerin fragt, was sie an der oftmals zeitaufwendigen Arbeit schätzt, muss nicht lange auf eine Antwort warten: „Es gibt Erfolgserlebnisse, das macht Spaß“, sagt sie dann.

Etwas planen – eine Jugendbeiratswahl zum Beispiel mit guten Informationen, engagierter Wahlwerbung und -party – und dann in die Praxis umsetzen und sehen, dass es nachweislich funktioniert hat, das macht Rebecca zufrieden. Die Wahlbeteiligung ist durch die Aktionen, die die Gröpelinger auf die Beine stellten, von der vorletzten zur letzten Jugendbeiratswahl enorm gestiegen, erzählt sie. Manch ein Vertreter einer etablierten Partei dürfte da neidisch werden.

Acht Jugendbeiräte in Bremen

Insgesamt acht Jugendbeiräte (Burglesum, Gröpelingen, Findorff, Oberneuland, Osterholz, Hemelingen, Neustadt und Huchting) vertreten die Belange ihrer Altersgruppen. Sie verwalten eigene Budgets, die aus Globalmitteln gespeist werden, und stimmen über die Verwendung ab. Sie führen Protokoll über Ausgaben, schreiben eine eigene Satzung und stellen Anträge auf Fördermittel. Und sie legen Rechenschaft über ihr Tun ab.

Dass all das, was Rebecca Engler, Hüseyn Demir, Senihad Sator, Zehra Aggün, Pia Straßburger, Aliny Stengel, Tursun Baklyeva und ihre Mitstreiter tun, eigentlich politische Arbeit im besten Sinne ist, machen sich die Jugendlichen selbst kaum bewusst.

"Wieso müssen wir auf die Politiker zugehen und nicht umgekehrt?"

Politik – das verbinden sie vielfach mit Parteivertretern und Abgeordneten, die sich zu wenig oder gar nicht für die Belange der Menschen in den Quartieren interessieren. „Warum gehen die Politiker nur zu den Leuten, wenn Wahlen bevorstehen?“, fragt Zehra. Und Senihad schließt sich an: „Wieso müssen wir auf die Politiker zugehen und nicht umgekehrt?“ Die Hürden, mit Abgeordneten in Kontakt zu kommen, seien oft viel zu hoch.

Und dann die Sprache! Oft abgehoben, schwer verständlich, lautet die Kritik der Bremer Jugendlichen. Und sie deckt sich mit dem, was die Berliner Kommunikationswissenschaftlerin Bettina Fackelmann mit ihrem Team schon vor einigen Jahren mit einer Studie herausfand. Unter dem Titel „Sprichst du Politik?“ machten sie Gruppeninterviews und darüber hinaus eine Online-Befragung, an der unter anderem rund 10.000 Jugendliche im Alter zwischen 16 und 19 Jahren Fragen beantworteten.

Jugendliche finden Politik wichtig

Ein Ergebnis der umfangreichen Auswertung: Jugendliche halten die Sprache von Politikern für eine Kunstsprache voller Fremdwörter und Beschönigungen. Auffällig ist, dass mehr als 80 Prozent der Jugendlichen es wichtig finden, dass sich Menschen mit Politik auseinandersetzen. Je nach Bildungsgrad ist ein erheblicher Teil aber der Ansicht, sowieso nichts verändern zu können.

Je höher der Schulabschluss, sagt Bettina Fackelmann, desto größer das Selbstvertrauen, mit dem eigenen Engagement etwas bewirken zu können. „Bildung ist ein Schlüssel, der den Zugang ermöglicht“, betont die Wissenschaftlerin. Ein weiteres Ergebnis der Studie: Jugendliche schätzen eine sachliche Auseinandersetzung. Und sie deuten viele Auftritte von Politikern in Fernseh-Talkshows als Scheindebatten.

"In der Bürgerschaft spielen alle auf ihren Handys"

Das sehen die jungen Bremer ähnlich: „Sie akzeptieren sich nicht mal gegenseitig“, sagt Zehra über ihre Wahrnehmung von Politikerinnen und Politikern. Und die anderen stimmen ihr zu: der Respekt vor dem Gesprächspartner fehle. Hüseyn erinnert sich an Debatten in der Bürgerschaft. „Da spielen alle auf ihren Handys und hören sich nicht zu. Uns aber sagt man, wir sollen unsere Handys in der Schule weglegen.“

Gespräche auf Augenhöhe wünschen sie sich. Und, dass Politikvertreter auch ihnen mehr zuhörten. Auf Stadtteilebene in Zusammenarbeit mit Ortsämtern und Beiräten klappt das offenbar recht gut. Auch Tursun, die nach der jüngsten Wahl die Funktion der Jugendbeiratssprecherin in Hemelingen inne hat, ist gern im Stadtteil aktiv: „Ich war vorher bei Greenpeace. Da haben wir viel geredet, aber man konnte keine Ergebnisse sehen“, sagt die 18-Jährige. Das sei nun anders.

"Wir haben kein Partei- und Fraktionsdenken"

Der Vorteil der Jugendbeiräte liegt für die engagierten Mitglieder auf der Hand: „Wir haben kein Partei- und Fraktionsdenken und ganz andere Strukturen als im Erwachsenenbeirat“, sagt Senihad, der Jura studiert. Er schätzt es, dass die Beiräte ihre Arbeit wahrnehmen und gutheißen. „Wir sind dicht an den Kindern und Jugendlichen dran“, sagt Aliny Stengel.

In Oberneuland beispielsweise setzt der Jugendbeirat sich für eine bessere Verkehrssicherheit an der Oberneulander Landstraße ein. Für die 20-jährige Sprecherin, die ihr Bundesfreiwilligenjahr macht, ein gutes Gefühl: „Beirat und Ortsamt stehen hinter uns.“

Sich selbst zu engagieren, können die Jugendlichen ihren Gleichaltrigen also nur empfehlen. Aber Zehra sagt auch: „Man kann Jugendlichen nicht vorwerfen, dass sie nichts machen, wenn man ihnen keine Wege aufzeigt. Das ist Aufgabe von Politikern und anderen.“ Pia schlägt deshalb vor: „Man sollte mit den Informationen schon in die jüngeren Klassen gehen, damit sie sich orientieren können.“ Für sie steht fest: „Ich möchte etwas bewirken. Wenn man denkt: Ich kann doch nichts ändern, bleibt ja alles, wie es ist.“ Zehra stimmt ihr zu: „Man sieht, wie man sich entwickelt und Fortschritte macht. Und man merkt: Ich muss nicht erwachsen sein, um etwas zu erreichen.“

Musik, Slam und Werkstatt

Die Veranstaltung „Wem gehört die Stadt?“, findet am Dienstag, 26. April, von 17 bis 20 Uhr im Festsaal im Rathaus statt. Jugendliche und Interessierte aus Politik, Ortsämtern, Jugendhilfe und Schule sind eingeladen, sich über Projekte in den Stadtteilen, Arbeit in Jugendbeiräten und andere Beteiligungsformen zu informieren und auszutauschen. Es gibt das Kurzreferat „Sprichst du Politik?“ von Bettina Fackelmann, Musik und Poetry-Slam von Zehra Aggün sowie eine offene Werkstatt zu verschiedenen Projekten. Wer sich für das Mitmachen in Jugendbeiräten interessiert, kann sich informieren bei Heike Blanck, per Mail über jugendbeteiligung@sk.bremen.de und auf der Webseite www.jubis-bremen.de.

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