Breites Engagement und viel Armut

Wie reich ist Bremen?

Es gibt viel Reichtum im Land Bremen und gleichzeitig große Armut. Damit hat sich eine Diskussionsrunde in der Kunsthalle beschäftigt.
16.05.2017, 21:21
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Wie reich ist Bremen?
Von Lisa Boekhoff

Eigentlich sollte es in der Debatte um Bremens Reichtum gehen. Das Diakonische Werk Bremen und die Initiative „Die offene Gesellschaft“ hatten dazu unter der Überschrift „Welches Land wollen wir sein? Wie reich ist Bremen?“ in die Kunsthalle eingeladen.

Am Ende beschäftigten Publikum und Podium der Veranstaltung aber vor allem die Armut und Ungerechtigkeit in Bremen – trotz des großen Engagements der gemeinnützigen Vereine und Stiftungen. „Wie schaffen wir es, dass Bremen für alle Leute reich ist?“ Diese Frage einer Zuhörerin fasste den Kern der Diskussion zusammen.

Bürgermeisterin und Finanzsenatorin Karoline Linnert (Grüne) mahnte in ihrem Eingangsbeitrag: „Wenn wir darüber sprechen, wie schön, lebendig, liebenswert und reich Bremen ist, darf das nicht den Zungenschlag bekommen, dass es nicht viel Armut gibt, Menschen sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt fühlen und nicht die gleichen Chancen haben.“ Die Politik habe vor allem die Aufgabe, die Möglichkeiten der Armen zu vergrößern. „Reiche können sich selbst helfen.“ Derzeit sei die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum ein großes Problem.

Lesen Sie auch

„Ich denke, wir können in Bremen mit unserem Reichtum anders umgehen. Wir können ein gerechteres Land sein“, legte auch Manfred Meyer, Landesdiakoniepastor und Vorstand der Diakonie Bremen, den Schwerpunkt auf die Ungleichheit in Bremen. Schließlich gebe es in beiden Städten, Bremen und Bremerhaven, Menschen, die Schwierigkeiten hätten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Bildung sei immer noch davon abhängig, in welchem Stadtteil ein Kind aufwachse.

Lesen Sie auch

„In vielen Bereichen ist Bremen reicher, als wir glauben“

„In vielen Bereichen ist Bremen reicher, als wir glauben“, lenkte Thomas Fürst, Vorstand der Sparkasse Bremen, auch auf die positiven Entwicklungen. Er lobte den starken Zusammenhalt in Bremen. Das Bundesland habe die zweithöchste Dichte an gemeinnützigen Einrichtungen. Gleichzeitig gebe es eine große Bescheidenheit: „Man sagt: Die Bremerin trägt die Halskette unterm Pullover.“

Sehr arm und sehr reich – die Bundestagsabgeordnete Bettina Hornhues (CDU) betonte zunächst, wie groß die Unterschiede in Bremen seien. „Die Pro-Kopf-Verschuldung ist in keinem anderen Bundesland so hoch, andererseits ist Bremen, was die Einkommensmillionäre angeht, weit vorn. Es gibt also viel Reichtum im armen Bundesland.“ Doch auch Hornhues versuchte zum Ende ihres Beitrags, einen positiven Blick einzunehmen: „Bremens Vielfalt ist gleichzeitig Bremens Reichtum.“

Lesen Sie auch

Ob Politikerin, Pastor oder Banker: Jeder der sechs Podiumsteilnehmer trug zunächst ein kurzes Statement zum Thema vor. Danach ging es sofort in die Diskussion mit den etwa 50 Besuchern. Moderator Max Bohm von der Initiative Offene Gesellschaft bat darum: „Wir müssen uns das Podium jetzt wegdenken. Wir sind nun alle Publikum und Diskutanten.“ Der Ansatz ist nicht verwunderlich: Der Initiative geht es vor allem um den gemeinsamen Austausch der Menschen. Mitzugestalten – auch das sei Reichtum, sagte Maria Loheide, Vorständin der Diakonie Deutschland. „Engagierte Menschen bereichern einander und ihre Nachbarn. Sie stehen für Toleranz und sozialen Ausgleich.“

Lesen Sie auch

Die Besucher der Veranstaltung äußerten sich überwiegend besorgt über die Armut in Bremen. Er wolle ein Heim für Obdachlose gründen, sagte ein Mann in der ersten Reihe. Doch dabei lege die Verwaltung ihm Steine in den Weg. „Das ist grausam. Obwohl wir so reich sind. Das geht gar nicht. Lass mal anpacken!“ Ein anderer Podiumsgast problematisierte, dass es kaum Studien zum Thema Reichtum gebe.

„Das ist statistisch nicht erfasst. Es gibt keine Vermögenssteuer. So kommen wir da nicht ran. Das bringt auch Bremen in die Bredouille.“ Dabei könne eine Erbschaftssteuer direkt dem Land zugute kommen. Linnert entgegnete zu diesem Punkt mit hörbarem Bedauern: Für die Erbschafts- und Vermögenssteuer gebe es in Deutschland keine Mehrheit. Sei wisse jedoch auch nicht, wie die Entwicklung der wachsenden Ungleichheit anders aufgehalten werden könnte.

„Da ist noch viel Luft nach oben“

Im Publikum saß auch Andreas Rheinländer. Er ist Geschäftsführer des Vereins Sozialer Friedensdienst Bremen und damit zuständig für die Freiwilligen-Agentur und den Jugendfreiwilligendienst. Rheinländer bemängelte, dass das soziale Engagement so ungleichmäßig auf die Stadtteile verteilt sei – auch bei Jugendlichen. „Da ist noch viel Luft nach oben.“ Landesdiakoniepastor Meyer gab zu Bedenken, dass das auch mit der jeweiligen Lebenssituation zu tun habe: „Einige junge Menschen wissen nicht, wie es mit ihrem Leben weitergeht. Sie leiden unter einem immensen Druck.“

„Bildung und Erziehung sind der Schlüssel“, sagte ein anderer Zuhörer. „Ich verstehe nicht, warum Bremen nicht radikal auf diese Instrumente setzt. Da passiert nicht genug.“ Bürgermeisterin Linnert hielt gegen: Es sei unheimlich viel getan worden, um das Bildungsproblem anzugehen. Doch Bremen sei ein Haushaltsnotlageland. „Ich bitte da um Fairness. Zaubern können wir hier nicht.“ Zudem: Es sei ein Ammenmärchen, zu glauben, dass Kitas und Schulen die Unterschiede eines Elternhauses auffangen könnten. Wichtig sei es, die Menschen in eine gute Beschäftigung zu bringen. „Durch jahrelange Arbeitslosigkeit gehen Familien kaputt.“

Dorothee Hansen, stellvertretende Direktorin der Kunsthalle Bremen, fasste zusammen, dass es in der Debatte entgegen dem Titel doch vor allem um Armut gegangen sei. Doch bereits eingangs stellte sie klar: „Es ist auch wichtig, zu schauen, was gut läuft.“ Reichtum einer Stadt, dabei gehe es um mehr als Geld. „Es geht auch um die Qualität der Kultur, Bildung, Wissenschaft, der Vielfalt und des Gemeinsinns.“ Die Kulturförderung beruhe neben Geld auch auf Engagement und Ideen – das zeige der Bürgerparkverein oder der Kunstverein, der Träger der Kunsthalle ist. „Mit fast 9500 Mitgliedern ist er der zweitgrößte Verein nach Werder Bremen.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+