Reeder und Häfen warnen: Umweltschutzauflagen verteuern Fracht, die künftig wieder auf Lkw landen könnte Wie Schiffsladung an Land kommt

Bremen. Verschärfte Umweltschutzauflagen für Nord- und Ostsee könnten fatale Folgen für die Schifffahrt haben. Sollte der Schwefelgehalt im Treibstoff wie international vereinbart ab 2015 auf 0,1 Prozent sinken, würden wegen steigender Kosten große Ladungsmengen vom Wasser zurück auf die Straße wandern. Davor warnten gestern der Verband Deutscher Reeder (VDR) und der Zentralverband der Deutschen Seehäfen (ZDS) und stützen sich dabei auf eine Studie aus Bremen.
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Von Krischan Förster

Bremen. Verschärfte Umweltschutzauflagen für Nord- und Ostsee könnten fatale Folgen für die Schifffahrt haben. Sollte der Schwefelgehalt im Treibstoff wie international vereinbart ab 2015 auf 0,1 Prozent sinken, würden wegen steigender Kosten große Ladungsmengen vom Wasser zurück auf die Straße wandern. Davor warnten gestern der Verband Deutscher Reeder (VDR) und der Zentralverband der Deutschen Seehäfen (ZDS) und stützen sich dabei auf eine Studie aus Bremen.

'Unsere Unternehmen und deren Beschäftigte sind in großer Sorge', sagte gestern Ralf Nagel, Hauptgeschäftsführer des Reederverbandes. Denn Fähr- und Containerreedereien könnten deutlich an Einnahmen verlieren, wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert werde.

Schiffe gelten als umweltfreundliches Transportmittel - bezogen auf Treibstoffverbrauch und Schadstoffausstoß pro beförderter Tonne. Dennoch sind sie auch die reinsten Dreckschleudern. Denn ihre Motoren verbrennen Schweröl, eine schwarze Masse so zäh wie Pech. Und hoch giftig. Dieses Abfallprodukt des Raffinerieprozesses müsste, wenn es nicht auf See verbrannt würde, eigentlich als Sondermüll entsorgt werden. Zusammen verbrauchen die rund 50000 Handelsschiffe täglich rund eine Million Tonnen und pusten jede Menge Schadstoffe durch den Schornstein. Bis zu 400 Millionen Tonnen allein an Kohlendioxid (CO2) im Jahr, lauten die Schätzungen. Dazu kommen weitere Klimakiller wie Stick- (NOx) und Schwefeloxide (SOx).

Die internationale Schifffahrtsorganisation (IMO) hat deshalb, wie schon lange von Umweltschützern gefordert, neue Grenzwerte und Fristen gesetzt und besondere Emissionssondergebiete (SECA) festgelegt. Ärmelkanal, Nord- und Ostsee gehören dazu, derzeit darf der in diesen Fahrtgebieten verwendete Treibstoff nur noch ein Prozent Schwefelgehalt aufweisen. Künftig sind es nur noch 0,1 Prozent.

Mehr Umweltschutz hat seinen Preis: Das von den beiden maritimen Verbänden beauftragte Bremer Institut für Seeverkehr und Logistik (ISL) kommt in seiner Studie zu dem Schluss, dass sich die Treibstoffkosten erheblich verteuern werden - um bis zu 560 Dollar pro Tonne. Den höheren Frachtraten könnten Spediteure entgehen, indem sie gleich auf der Straße bleiben. Besonders betroffen wären Ostsee-Verkehre. Laut der Studie dürften Fähren nach Finnland ein knappes Drittel der Ladung verlieren, Fähren ins Baltikum sogar knapp die Hälfte. Insgesamt erwarten die Gutachter dadurch mehr als 600000 zusätzliche Lkw auf den Straßen.

Auch die Containerschifffahrt würde verlieren: Feederschiffe, die die Ladung der interkontinentalen Dienste auf kleinere Häfen verteilen, würden je nach Route zwischen 16 und 34 Prozent der Container verlieren. Insgesamt erwartet das ISL eine Verlagerung von rund 830000 Containern vom Schiff auf den Lkw.

Mit einem eindringlichen Appell wenden sich Reeder und Hafenwirtschaft daher an die Bundesregierung. Sie müsse sich bei der IMO für Korrekturen einsetzen. Die bisherige Planung widerspreche dem seit Jahren propagierten und auch öffentlich geförderten Ziel, Verkehr von der Straße auf Schiffe zu bringen. 'Ohne geeignete Maßnahmen könnten Umweltschutz und wirtschaftliche Interessen nicht in Einklang gebracht werden', so Nagel. Die zu erwartenden Verlagerungseffekte könnten einige Fährverbindungen in ihrer Existenz bedrohen. Die Reeder wollen zwar nicht den künftigen Schwefelgrenzwert infrage stellen. Moderne Neubauten könnten den geforderten Standard jederzeit einhalten. Probleme bereite hingegen die bereits fahrende Flotte, die nicht ohne weiteres umzurüsten sei. 'Da brauchen wir möglichst andere Übergangs- oder Ausnahmeregelungen', sagte ein Verbandssprecher. Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern aus Politik, Reedereien, Werften, Häfen und aus der Mineralölindustrie soll daher möglichst

schnell gegründet werden und bis Mitte 2011 geeignete Vorschläge erarbeiten.

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