Universität Bremen Wie Schüler Mathe mögen können

Bremen. Der Gedanke an Mathematik weckt bei vielen Menschen spontanes Unbehagen. Folgt man Wissenschaftlern, so hat dies viel mit Erfahrungen während der Schulzeit zu tun. Die Universität Bremen versucht deshalb, in der Lehrerausbildung neue Wege zu beschreiten.
29.01.2010, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Wie Schüler Mathe mögen können
Von Jürgen Wendler

Bremen. Ohne Mathematik gäbe es nicht die vielen technischen Errungenschaften, auf die nur die wenigsten gern verzichten würden. Dennoch weckt der Gedanke an dieses Fach bei vielen Menschen spontanes Unbehagen. Folgt man Wissenschaftlern, so hat dies viel mit Erfahrungen während der Schulzeit zu tun. Die Universität Bremen versucht deshalb, in der Lehrerausbildung neue Wege zu beschreiten - und so am Ende schon Grundschulkindern einen besseren Einstieg in die Welt der Zahlen zu bescheren.

Erst wenige Tage ist es her, dass Forscher der Universität Chicago in einer Fachzeitschrift der US-Akademie der Wissenschaften erklärten, wie stark die Einstellung von Mädchen zur Mathematik in den ersten Schuljahren von Lehrerinnen geprägt wird. Eine Studie hatte gezeigt, dass viele amerikanische Grundschullehrerinnen Angst vor dem Fach Mathematik haben und diese auf ihre Schülerinnen übertragen.

Den Mädchen werde der falsche Glaube vermittelt, dass sie von Natur aus schlechter im Rechnen und besser im Lesen seien, hieß es.

Reimund Albers bildet an der Universität Bremen Mathematik-Lehrer aus, war zuvor 25 Jahre lang als Pädagoge an Schulen tätig und hat die Verhältnisse in den USA, wie er betont, selbst im Rahmen von Fortbildungsreisen kennengelernt. Hierzulande, so sagt er, sei die Situation besser: 'Grundschullehrerinnen besitzen mehr fachliches Selbstbewusstsein.'

Dies ändere allerdings nichts daran, dass auch in Deutschland viele Menschen der Mathematik mit großen Vorbehalten begegneten. Und dies habe mit Kindheitserfahrungen zu tun.

An diesem Punkt hat das Projekt 'Mathematik Neu Beginnen' angesetzt, das - finanziell gefördert von der Deutschen Telekom Stiftung - 2007 an der Universität Bremen gestartet wurde. Wie Albers erklärt, sollen die dabei erprobten Arbeitsweisen auch nach dem Auslaufen des Projekts in der Grundschullehrerausbildung weiter praktiziert werden.

Den Ansatz beschreibt der Hochschullehrer so: 'Die Ausbildung wird häufig nur von der rationalen Seite betrachtet, dabei spielt auch die emotionale eine entscheidende Rolle. Ziel der Ausbildung ist deshalb zunächst eine andere emotionale Einstellung zur Mathematik.'

Angehende Grundschullehrer, von denen an der Universität Bremen etwa drei Viertel weiblich sind, machen zunächst einen Bachelorabschluss und schließen dann eine Ausbildung zum Master of Education an. Zu ihren Pflichtfächern gehört zurzeit entweder Deutsch oder Mathematik. Der emotionale Zugang zum Fach Mathematik steht im ersten Studienjahr im Vordergrund.

Zu diesem Zweck, so Albers, sei die Zahl der reinen Vorlesungsstunden verringert und dafür ein Workshop ins Lehrprogramm aufgenommen worden, für den vier Stunden pro Woche veranschlagt würden. Den Unterricht erteilen Praktiker, das heißt Lehrer aus Schulen. Unter ihrer Anleitung lernen die Studenten, auf der Grundlage von Lehrmaterialien aus der Grundschule mathematische Probleme zu durchdenken.

Das Verständnis der Studenten für Grundschüler, das heißt die emotionale Seite, wird zum Beispiel dadurch gefördert, die sie sich plötzlich in einer ähnlichen Situation wiederfinden wie die Kinder. Für einen Achtjährigen ist es eine Herausforderung, die Zahlen 8 und 7 zu multiplizieren. Ein vergleichbares Erlebnis haben die Studenten, wenn sie die gleiche Aufgabe mit einem anderen Stellenwertsystem lösen müssen.

Ein Stellenwertsystem ist ein System, das mit einer begrenzten Anzahl von Symbolen beliebig große Zahlen darstellen kann. Ein Beispiel liefert das Binär- oder Dualsystem, mit dem Computer arbeiten. Für solche Rechner bedeutet die Ziffer 1, dass Strom fließt, und die 0, dass kein Strom fließt. Mit Hilfe dieser beiden Zustände beziehungsweise Ziffern kann der Computer alle Zahlen darstellen und Aufgaben lösen.

Die mathematische Grundlage für das Binärsystem bilden Zweierpotenzen wie 20 gleich 0, 21 gleich 2, 22 oder 2 mal 2 gleich 4, 23 oder 2 mal 2 mal 2 gleich 8 und 24 oder 2 mal 2 mal 2 mal 2 gleich 16. Wenn die Studenten eine Zahl wie 10 vor sich haben und ins Binärsystem übertragen sollen, müssen sie notieren, ob bestimmte Zweierpotenzen darin enthalten sind.

So schreiben sie zunächst eine 1 für die vorhandene 8, eine 0 für die nicht vorhandene 4, eine 1 für die vorhandene 2 und am Ende noch eine 0 für die nicht vorhandene 20. Die Zahl 10 entspricht also im Binärsystem der Ziffernfolge 1010. Nach dem gleichen Muster müssen die Studenten auch die anderen Zahlen für ihre Gleichungen darstellen.

Nach den Worten von Albers haben die Erfahrungen der letzten Jahre gezeigt, dass die angehenden Grundschullehrer bei der Lösung solcher Probleme zunächst verunsichert sind. Diese Erfahrung sei wichtig, um das Verständnis für Kinder zu fördern. Auch die Ausbildung im Bereich Geometrie sei so angelegt, dass die Studenten ähnliche Erfahrungen machten wie Grundschulkinder.

So werden Flächen vermessen und auf eine Pappe gezeichnet. Anschließend wird die Pappe gewogen. Dadurch werden Größenunterschiede zusätzlich auf dem Umweg über das Gewicht erfahrbar. Zusätzlich erarbeiten die Studenten die mathematischen Grundlagen, sprich: Ohne Formeln geht es natürlich nicht.

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