Alles sauberer durch Corona-Stillstand?

Wie sich die Pandemie auf die Umwelt auswirkt

Ist die Luft tatsächlich besser? Verbrauchen die Menschen mehr Strom, weil sie jetzt viel Zeit daheim verbringen? Wie und ob sich die Coronavirus-Pandemie auf die Bremer Umwelt auswirkt, erklären Experten.
06.05.2020, 07:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie sich die Pandemie auf die Umwelt auswirkt
Von Jean-Pierre Fellmer
Wie sich die Pandemie auf die Umwelt auswirkt

Der Bürgerpark ist gerade in Zeiten der Corona- Ausgangsbeschränkungen ein beliebtes Ziel für viele Menschen geworden, mit Folgen für die Umwelt.

Frank Thomas Koch

Das Wasser in den Kanälen Venedigs ist klar. Wildschweine tummeln sich in den Straßen der israelischen Hafenstadt Haifa. In Indien ist zum ersten Mal seit Jahrzehnten der Himalaya sichtbar. Weltweit wirken sich die Einschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus auf die Umwelt aus. In Deutschland gibt es zwar keine Ausgangssperren, dennoch verändern Kontaktverbote und Ladenschließungen radikal den Alltag der Menschen. Was macht die derzeitige Situation mit der Bremer Umwelt?

Ein Blick auf die Daten zeigt: Die Luft ist derzeit besser als im Vorjahr. Die Konzentration von Feinstaub in der Bremer Luft war von Mitte März bis Mitte April dieses Jahres niedriger als im gleichen Zeitraum 2019. Der Durchschnitt aller Tageswerte in der Zeit vom 18. März bis zum 19. April, der Zeit mit der bisher stärksten Einschränkung, liegt für 2020 bei 16 Mikrogramm pro Kubikmeter. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr lag er noch bei 20.

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Das ergibt eine Auswertung der Daten der offiziellen Messstation Bremen-Mitte am Staatsarchiv in der Nähe der Wallanlagen. Die Station misst die Konzentration unterschiedlicher Schadstoffe in der Luft, der besagte Wert bezieht sich auf Feinstaub der Klasse PM10. Dazu gehören Teilchen, die im Durchmesser kleiner als 10 Mikrometer sind. Auch bei der verkehrsnahen Messstation am Dobben war die Feinstaubkonzentration etwas geringer.

Die Luft ist in dem besagten Zeitraum, was den Schadstoff Feinstaub angeht, also tatsächlich besser. Die Zahlen zeigen aber auch: In der Zeit von Anfang Februar bis Mitte März, in der es keine maßgeblichen Einschränkungen des öffentlichen Lebens gegeben hat, war der Wert durchschnittlich auch niedriger – und das sogar stärker: Für die Messstation Bremen-Mitte lag der Wert im Jahr 2019 im besagten Zeitraum im Mittel bei knapp 20 Mikrogramm pro Kubikmeter, im Jahr 2020 bei 12. Die Grafik zeigt die Tagesmittelwerte der Feinstaubbelastung der Messstation Bremen-Mitte – ein drastischer Einbruch ab Mitte März ist im Jahr 2020 nicht zu beobachten.

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Wie groß der Einfluss der pandemiebedingten Einschränkungen auf die Luftqualität sei, könne man jetzt noch nicht sagen, sagt Ute Dauert, Leiterin des Fachgebiets Luftqualität beim Umweltbundesamt (UBA). Es gebe viele Faktoren, die sich auf die Konzentration der Schadstoffe in der Luft auswirken. Einen großen Einfluss habe etwas das Wetter: „Wir hatten dieses Jahr keinen Winter mit wirklich tiefen Temperaturen. Außerdem gab es viele Niederschläge.“ Diese Effekte hätten auch auf die Luftqualität gewirkt und sie quasi „ausgewaschen“.

In der Stadt sei der Straßenverkehr mit den Verbrennungsmotoren und dem Abrieb von Reifen, Bremsen und der Straße der größte Einfluss auf die Feinstaubkonzentration. Aber auch die Düngung in der Landwirtschaft, die Verbrennungsanlagen aus der Industrie und der Energiewirtschaft, die privaten Haushalte sowie Wüstenstaub aus der Sahara wirkten sich auf die Schadstoffkonzentration aus.

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„Man kann nicht sagen: Die Feinstaubkonzentration in der Luft ist 30 Prozent niedriger, das liegt am Verkehr“, sagt Dauert. Klar ist jedoch: „Wenn keine Schadstoffe ausgestoßen werden, können diese sich auch nicht ausbreiten.“ Wie groß der Einfluss der Einschränkungen derzeit sei, ließe sich jedoch erst in einer Jahresbilanz bewerten. „Schwankungen, die wir jetzt sehen, haben wir immer“, sagt Dauert.

Ein Indikator für eine geringere Belastung der Umwelt kann der Stromverbrauch sein: Rund 90 Prozent des Stroms in Bremen verbrauchten Industrie und Gewerbe, nur zehn Prozent die privaten Haushalte, sagt Christoph Brinkmann, Sprecher der SWB mit dem Schwerpunkt Technik. Der Stromverbrauch sei deutlich zurückgegangen, weil etwa der Stahlproduzent Arcelor Mittal und der Autobauer Mercedes Benz ihre Produktion reduziert hätten.

Aber auch Brinkmann weist daraufhin, dass sich die Auswirkungen auf die Luftqualität nicht trennscharf betrachten ließen. Derzeit ist eines der Kraftwerke herunter gefahren worden, da es nicht benötigt wird. Auch das Wetter hat einen Einfluss auf den Strommix, weil bei günstigen Lagen mehr Strom aus regenerativen Energien ins Netz gespeist werden kann.

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Der Lockdown bedeutet aber nicht unbedingt eine Schonung der Umwelt in allen Bereichen. Weil die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung begrenzt sind, besuchen viele Bremer derzeit die Parks der Stadt. „Seit Mitte März haben wir schlagartig erheblich mehr Besucher, auch an den Wochentagen und in den frühen Morgenstunden“, sagt Tim Großmann, Direktor der Bürgerparks.

Das führe zwar zu einem größeren Müllaufkommen, im Verhältnis zum Anstieg der Besucher halte es sich jedoch in Grenzen. Großmann schätzt, dass die verstärkte Präsenz von Polizei und Ordnungsdienst sowie die Besucher soziale Kontrolle ausübten. Dadurch werde unerlaubtes Grillen sowie illegale Müllentsorgung vermieden. Durch seine Sonderstellung sei der Bürgerpark allerdings nicht repräsentativ, sagt Großmann.

Auf Anfrage teilte der Umweltbetrieb Bremen mit, dass derzeit die Grünanlagen der Stadt besser besucht seien. Einen Zusammenhang zur Coronavirus-Pandemie könne aber nicht hergestellt werden, sagt Pressesprecherin Kerstin Doty. Die Bremer Stadtreinigung beobachte bei schönem Wetter generell mehr Besucher bei Parks und Badeseen und somit auch mehr Abfälle.

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Die Coronavirus-Pandemie kann auch Auswirkungen auf die Tierwelt haben, sagt Juliane Filser, Professorin für allgemeine und theoretische Ökologie an der Universität Bremen. Zu konkreten Beobachtungen könne sie nichts sagen, aber es gebe Untersuchungen, die den Einfluss des Menschen auf seine Umwelt erläutern. Werden etwa Naturschutzgebiete häufiger besucht, scheucht das die Tiere stärker auf, weil Menschen sich unterhalten – auch durch Radfahrer, die wegen der Fahrt deutlich lauter sprechen müssten.

Wird weniger produziert, würden auch weniger Rohstoffe aus der Natur gebraucht, was sich wiederum auf die Belastung der Umwelt etwa durch Bergbau auswirke. Zudem zeige eine Statistik von Eurostat, wie in der Finanzkrise 2008 der Pestizidverbrauch zurückgegangen sei, weil weniger produziert wurde. Auch das entlaste dann die Umwelt.

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