Die Lage in Bremen

Wie sich die Corona-Krise auf Geschäfte und Restaurants auswirkt

Seit Mittwoch gelten auch in Bremen erhebliche Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Ein Rundgang durch Bremen zeigt, wie sich das auf den Alltag der Menschen auswirkt.
19.03.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Wie sich die Corona-Krise auf Geschäfte und Restaurants auswirkt
Von Lisa-Maria Röhling
Wie sich die Corona-Krise auf Geschäfte und Restaurants auswirkt

Im Einkaufszentrum Waterfront herrscht normalerweise reges Treiben, seit Mittwoch sind die Gänge leer.

Frank Thomas Koch

Schulter an Schulter geht die Gruppe junger Männer und Frauen durch die Langenstraße, sie unterhalten sich angeregt, gestikulieren viel, lachen ausgelassen. In den Händen hält jeder von ihnen eine braune Papiertüte mit dem Emblem eines Bäckers darauf, wegen der milden Temperaturen tragen einige von ihnen die Jacken offen. Typische Szenen zur Mittagszeit an einem Wochentag. Die Pflastersteinstraße unweit des Bremer Marktplatzes ist auch am Mittwoch rechts und links mit Kleintransportern verschiedener Handwerksbetriebe zugeparkt, die Gruppe muss immer wieder entgegenkommenden Passanten ausweichen, die sich an den Autos vorbeidrängen.

Zur besten Mittagspausenzeit herrscht reges Treiben in der Innenstadt, kleinere Touristengruppen kreuzen über den Marktplatz und bestaunen das Rathaus, andere nutzen offensichtlich ihre Pause, um ein bisschen frische Luft zu schnappen und zumindest für einen kurzen Moment die Sonne zu genießen. Social distancing, soziale Distanz, das hat sich noch längst nicht bei allen durchgesetzt.

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Tag eins nach den neuen Corona-Maßnahmen wirkt wie jeder andere Frühlingstag. Dabei gelten seit Mittwochnacht, null Uhr, in Bremen und zahlreichen anderen Bundesländern erhebliche Einschränkungen des öffentlichen Lebens, um die weitere Ausbreitung des Virus' einzudämmen. Der Einzelhandel ist weitestgehend geschlossen, viele Betriebe haben ihre Angestellten angehalten, von zu Hause zu arbeiten. Wer trotzdem an seinen Arbeitsplatz muss, soll soziale Kontakte vermeiden, Abstand halten, in den Ellbogen niesen und husten, sich regelmäßig die Hände waschen. Vorgaben des Robert-Koch-Instituts, die wohl über verschiedene Kanäle inzwischen bei den meisten Bundesbürgern angekommen sind.

Die Schließung vieler Geschäfte in Bremen ist ein weiterer Schritt, Infektionen zu verhindern. Die Bremerinnen und Bremer im Innenstadtgebiet scheinen diese neuen Einschränkungen mit einer Art von stoischer Gelassenheit hinzunehmen. Leer ist es am Mittwoch nicht; überraschend viele Menschen eilen durch die Straßen, manche haben ihre Schals über Nase und Mund gezogen, andere schütteln sich sorglos die Hände. Ein Mann schlendert durch eine kleine Seitenstraße unweit des Marktplatzes; als er husten muss, hebt er nicht einmal die Hand. Alltag im Ausnahmezustand.

Thema Corona -  menschenleere Einkaufstraßen und Einkaufscenter - Domshof

Auf dem Domshof (l.) und in der Böttcherstraße (r.) waren wenige Menschen unterwegs.

Foto: Frank Thomas Koch

Wegen Corona geschlossen

In der Obernstraße gehen deutlich weniger, aber doch einige Menschen an den geschlossenen Läden vorbei, ein paar treten näher an die versperrten Eingänge heran und lesen die Schilder, auf denen fast überall in unterschiedlichen Worten das Gleiche steht: Wegen Corona geschlossen. Der Unterschied zu den Vortagen sticht nicht ins Auge, aber er schleicht sich ins Gehör: Die Menschen reden leiser miteinander, fast scheint es, als sei die Geräuschkulisse in der Innenstadt gedämpft.

Dort, wo sich zur Mittagszeit normalerweise zahlreiche Menschen um Tische drängen und Pause machen, wird das Ausmaß besonders deutlich: Überall stehen nur vereinzelt Personen, die sich schweigsam über ihre Teller beugen. Restaurants und Imbissstände müssen sich seit Mittwoch an neue Öffnungszeiten halten, nur noch von sechs bis 18 Uhr dürfen sie Essen servieren. Auf dem Domshof halten die Menschen in den Warteschlangen vor den Imbisswagen einen gewissen Abstand zum Vordermann, wer sein Gericht entgegengenommen hat, steuert zielgenau auf einen leeren Tisch zu. Viele Sitzgelegenheiten und Stehtische bleiben aber an diesem Mittag unbesetzt. „Es ist schon ein Unterschied“, sagt einer der Verkäufer.

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In der angrenzenden Markthalle Acht sind die meisten der sonst zur Mittagszeit überfüllten Gänge abgesperrt, an einigen verbliebenen Hochtischen stehen auch hier nur Einzelpersonen. Die sonst überwältigende Geräuschkulisse, die Besucher meist schon an den Schiebetüren am Eingang entgegenschlägt, ist verstummt. Neuankömmlinge streifen mit kritischen Blicken durch die Reihen, um einen Platz mit genügend Abstand zum Nachbarn zu bekommen. Nur wenige Meter weiter, beim Fischhändler Bodes, achten die Mitarbeiter darauf, dass nicht zu viele Gäste auf einmal in den Verkaufsraum kommen. „Vor zehn Minuten war hier draußen noch eine lange Schlange“, erklärt eine der Verkäuferinnen. Auch jetzt huschen noch Menschen an ihr vorbei in den Verkaufsraum – wohl darauf bedacht, Abstand zu halten.

An einem Ort fehlt an diesem Tag eine Schlange, die eigentlich fast selbstverständlich ins Stadtbild gehört: Im Schatten des Rathauses sind die Bremer Stadtmusikanten fast verwaist, nur ein paar wenige Touristen machen verstohlen Fotos. Denn auch die Stadtmusikanten warnen vor der aktuellen Lage: Der Esel trägt einen gebastelten Mundschutz, die goldene Schnauze, die sonst so viele Besucher für Fotos berühren, ist verdeckt. Um seinen Hals hat jemand ein Schild gehängt, auf dem eine Nachricht steht: „Gewinnen werden wir den Kampf gegen Corona nur, wenn jeder und jede Einzelne mitwirkt.“

Böttcherstraße ungewohnt leer

Eine Touristin geht etwas näher zu den Figuren heran, zoomt auf ihrem Smartphone das Bild heran und macht einen Schnappschuss. Die Böttcherstraße wirkt ungewohnt leer: Die sonst dicht mit Touristengruppen bepackte Gasse, die man kaum im normalen Laufschritt durchqueren kann, ist verwaist. Nur vereinzelt huschen Menschen hindurch, ungewöhnlich eilig, als fühlten sie sich nicht wohl, wirklich auf der Straße zu sein.

Das ganze Ausmaß zeigt sich erst einige Kilometer weiter westlich von der Bremer Innenstadt: Die Drehtüren am Eingang des Einkaufszentrums Waterfront stehen still, der sonst belebte Vorplatz ist menschenleer. Nur eine der Schwingtüren ist geöffnet, dort haben sich mehrere Männer in dunklen Anzügen postiert und begrüßen jeden Besucher mit einem Kopfschütteln. „Alles zu“, sagt einer. „Da drin ist Geisterstadt.“ Das soll aber nur vorübergehend so sein: Den Mittwoch hat das Center dazu genutzt, um einen Schlachtplan für die kommenden Tage auszuarbeiten. Ab Donnerstag sollen dann Drogerien und auch der Food-Court wieder begehbar sein. Doch an Tag eins bleiben die Pforten geschlossen.

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Ordnungsdienst kontrolliert

Die seit Mittwoch gültigen Einschränkungen stellen auch das Bremer Ordnungsamt vor erhebliche Herausforderungen: Die Mitarbeiter müssen kontrollieren, ob sich alle betroffenen Einrichtungen auch daran halten, ihren Betrieb vorerst einzustellen. Zudem ist die Behörde auch für die Überwachung der ausgesprochenen Quarantäneanordnungen zuständig und nimmt Kontakt zu betroffenen Personen auf.

„Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen jetzt vor einer Fülle von Aufgaben“, sagte Rose Gerdts-Schiffler, Sprecherin des Innenressorts. Die Kontrollen sollen deshalb in Stichproben geschehen, auch die Polizei werde unterstützend eingreifen. Wer sich nicht an die Vorgaben hält, muss mit einer sofortigen Schließung des Betriebs durch die Kontrolleure rechnen. Wie viele Mitarbeiter des Ordnungsdienstes unterwegs sind, konnte das Innenressort am Mittwoch nicht sagen.

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