Doppelinterview mit Dekanen der Uni Bremen

Niemand soll verloren gehen

Susanne Kerstin Schmidt und Gralf-Peter Calliess machen sich Sorgen um die Corona-Folgen für Studenten. Sie plädieren im Interview dafür, sobald wie möglich Präsenzveranstaltungen anzubieten, in kleinem Rahmen.
30.06.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Niemand soll verloren gehen
Von Silke Hellwig
Niemand soll verloren gehen

Lehren an der Uni Bremen: Gralf Calliess und Susanne Schmidt

Frank Thomas Koch

Frau Schmidt, Herr Calliess, Sie machen sich Sorgen um das Wintersemester. Warum?

Gralf-Peter Calliess: Das Semester ist als sogenanntes Hybrid-Semester angekündigt worden, eine Mischung aus digitalen Angeboten und Veranstaltungen auf dem Unicampus, auch von der Senatorin für Wissenschaft, Claudia Schilling. Wir machen uns dennoch Sorgen, dass die Corona-Krise dazu führt, dass die Online-Lehre in Zukunft einen größeren Stellenwert erhält, als der Universität und der Gemeinschaft der Lernenden und Lehrenden guttut.

Wissen Sie schon, wie ein solches hybrides Semester aussehen könnte und in welchem Verhältnis die Präsenzveranstaltungen zu digitalen Angeboten stehen?

Susanne Kerstin Schmidt: Wir stehen noch ganz am Anfang, dieses Semester zu planen. Wir überlegen und diskutieren gerade, wie die Präsenzlehre in Kleingruppen und womöglich einem Rotationsprinzip aussehen können, was wie digital ergänzt werden kann und erstellen ein Raum- und Auslastungskonzept. Auf ein solches Modell wird sich das Lehrangebot dann ausrichten.

Warum ist die Präsenzlehre wichtig? Macht es wirklich einen beträchtlichen Unterschied, ob man Ihrer Vorlesung im Audi-Max folgt oder von zu Hause aus?

Susanne Kerstin Schmidt: Ich habe dieses Semester eine Vorlesung gehalten, asynchron. Ich habe MP3-Dateien aufgenommen und PDF-Folien hochgeladen. Das hat ganz gut geklappt. Es gibt auch Zoom-Sitzungen, also Video-Konferenzen, um sich direkt auszutauschen. Aber der Austausch leidet, und das ist ein Problem – weniger für die Studierenden, die sich gut strukturieren und sortieren können und sehr selbstständig arbeiten. Andere tun sich damit schwer oder sogar sehr schwer. Auch die Interaktion unter den Studierenden kommt viel zu kurz. Sie ist aber wichtig: Studierende helfen sich gegenseitig, sie geben sich Tipps, sie inspirieren sich und uns. Seminare leben vom Austausch. Das fällt derzeit weitgehend weg, das bedauern wir sehr.

Gralf-Peter Calliess: Für viele Studierende ist die Struktur der Universität wichtig: Sie haben auf dem Campus Veranstaltungen und treffen ihre Freunde, gehen gemeinsam in die Mensa und in die Unibibliothek. Außerdem verfügen nicht alle Studentinnen und Studenten über ideale Wohnsituationen, nicht alle können zu Hause in Ruhe an einem Schreibtisch arbeiten. Nicht wenige sind darauf angewiesen, an der Uni zu arbeiten und zu lernen.

Lesen Sie auch

Welche Erfahrungen haben Sie mit digitalen Lehrveranstaltungen gemacht?

Gralf-Peter Calliess: Es ist schwer, Studierende online bei der Stange zu halten. Als Professor sitzt man vor einer Vielzahl von angemeldeten Nutzern, von denen sich viele nicht zu erkennen geben. Sie schalten die Videofunktion aus, sie tragen ihre Namen nicht ein, sie melden sich nicht zu Wort, sondern stellen per Chat Fragen. Aber man muss auch festhalten, dass nicht jeder Studierende über eine geeignete technische Ausstattung verfügt. Manche folgen den Online-Veranstaltungen mit dem Handy. Damit kann man aber die Folien, die ich zeige, kaum lesen.

Susanne Kerstin Schmidt: Viele klagen auch über ihre Internetverbindung, die nicht stabil genug ist, um Online-Veranstaltungen zu folgen.

Sie sagen, Sie verlören Studenten. Was meinen Sie damit?

Gralf-Peter Calliess: Wir wissen nicht, wo ein Teil unserer Studierenden abgeblieben ist. Ein Beispiel: Ich biete eine Vorlesung für das zweite Semester an, für rund 300 Studierende. Auch vor der Corona-Krise kam davon zum Ende des Semesters nur gut die Hälfte. In der jüngsten Zoom-Konferenz waren es rund 40 Teilnehmer. Der Rest ist verschwunden. Es kann sein, dass manche verloren sind, dass sie das Studium abgebrochen haben. Es ist zu befürchten, dass es deutlich mehr Studierende gibt, die nicht mehr den Anschluss finden, wenn die Lehre weitgehend digital bleibt, also deutlich mehr Langzeitstudierende und Studienabbrecher.

Lesen Sie auch

Könnte das Festhalten an der digitalen Lehre auch aus Kostengründen zu einem Zukunftsmodell werden?

Gralf-Peter Calliess: Denkbar ist das, auch wenn es derzeit wohl niemand aussprechen würde oder bewusst kalkuliert. Aber natürlich kostet die Infrastruktur einer Universität sehr viel Geld, und Fernuniversitäten zeigen, dass man auch anders ausbilden kann. Allerdings gehört das Leben auf einem Campus zum Studium dazu, es hat Konsequenzen für die Lehre und für die wissenschaftliche Arbeit. Man kann das nicht einfach streichen und glauben, dass die Universität die bleibt, die sie bisher ist.

Susanne Kerstin Schmidt: Die Digitalisierung der Lehre hat ein großes Rationalisierungspotenzial, mit Chancen und mit Risiken. Es spricht nichts dagegen, dass wir Erkenntnisse aus diesem digitalen Semester für die Zukunft nutzen. Daraus kann sich sicher noch viel entwickeln. Wir haben aber auch festgestellt, dass Aufwand und Belastung in der digitalen Lehre hoch sind, für alle Beteiligten. Das hatte auch etwas damit zu tun, dass wir uns nicht vorbereiten konnten und in dieses digitale Semester hineingestoßen worden sind. Besorgniserregend ist aber vor allem, dass die digitale Lehre Ungleichheiten verstärkt – ganz ähnlich wie das Homeschooling. Alle Studierenden müssen sich bei uns gut aufgehoben fühlen, sie müssen Ansprechpartner und Anknüpfungspunkte haben. Unser Angebot muss attraktiv sein, weil wir in Konkurrenz zu anderen Universitäten und Ausbildungsinstitutionen stehen.

Gralf-Peter Calliess: Das gilt vor allem für die nächsten Erstsemester. Wer neu an die Uni kommt, orientiert sich stark an anderen und bekommt viel Hilfe und Unterstützung von Studierenden aus höheren Semestern. So finden sie sich schnell auf dem Campus, in der Fakultät oder auch mit Studienplänen zurecht. Insbesondere für diese Studierenden werden wir für so viele Präsenzveranstaltungen wie möglich mit so wenigen Beschränkungen wie nötig sorgen. Es darf sich nicht der Eindruck verfestigen, dass in Bremen so gut wie alles geschlossen ist, schon gar nicht, wenn es an anderen Universitäten schon oder bald anders ist.

Lesen Sie auch

Welche Folgen hätte es, wenn sich weniger Studentinnen und Studenten für die Bremer Uni entschieden?

Gralf-Peter Calliess: Die Bundesregierung hat 2007 mit dem Hochschulpakt ein finanzielles Instrument geschaffen, von dem die Länder pro Studierendem profitieren. Wer also viele Studierende für sich gewinnt, bekommt mehr Geld. Das Land Bremen hat sich mit einer Zusage über eine bestimmte Anzahl an Studierenden an der Uni und den Hochschulen gegenüber dem Bund verpflichtet. Die Zuschüsse sind schon geflossen. Wenn die vereinbarte Zahl an Studierenden nicht erreicht wird, könnte es theoretisch dazu kommen, dass Geld zurückgezahlt werden muss. Auch die Zuwendungen aus dem neuen Zukunftspakt richten sich nach der Zahl der Studienanfängerinnen und -anfänger, der Studierenden in Regelstudienzeit sowie der Absolventinnen und Absolventen. Werden es durch die Corona-Krise weniger, könnte auch das finanzielle Folgen haben.

Susanne Kerstin Schmidt: Wir als Uni tragen eine gesellschaftliche Verantwortung, der wir auch gerecht werden wollen. Deshalb liegt es uns am Herzen, trotz der Corona-Krise ein möglichst gutes Studienangebot zu unterbreiten. Es ist zu Recht politisch gewollt, dass auch die jungen Menschen einen akademischen Abschluss machen, die nicht die leichtesten Voraussetzungen haben. Sie brauchen mehr Unterstützung, dafür müssen wir sorgen.

Wie sieht es an anderen Hochschulen und Universitäten aus? Sind darunter welche schon weiter als die Bremer Uni, was die konkreten Pläne für das nächste und damit das hybride Semester betrifft?

Gralf-Peter Calliess: Ich habe den Eindruck, dass wir mit unseren Überlegungen relativ früh dran sind. Viele Unis warten noch ab, weil noch niemand weiß, was im November wieder möglich sein wird und was noch nicht. Allen ist aber klar, dass uns kein Wintersemester wie jedes andere bevorsteht.

Susanne Kerstin Schmidt: Meine Hoffnung ist, dass wir in dieser besonderen Situation die Stärken der Uni Bremen ausspielen können und dass die Herausforderungen, vor denen wir gemeinsam stehen, die Universität auch stärken. Wir kooperieren ausgesprochen gut über Fachbereichsgrenzen hinweg. Zudem haben wir viel Expertise an dieser Uni, von der Epidemiologie bis hin zur Informatik, das kommt uns sehr zugute.

Info

Zur Person

Susanne Kerstin Schmidt ist Politikwissenschaftlerin, seit 2006 Professorin für Politikfeldanalyse und Dekanin des Fachbereichs Sozialwissenschaften an der Universität Bremen.

Gralf-Peter Calliess ist Jurist, seit 2007 Jura-Professor an der Uni Bremen und Dekan des Fachbereichs Rechtswissenschaften.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+