Grüner Gürtel um die Altstadt

Wie sich die Wallanlagen von Bremen und Hamburg unterscheiden

Durch die Wallanlagen in die Innenstadt. Täglich durchqueren Tausende den Park als Passage, doch er ist mehr: Grüne Lunge, Denkmal, Gartenkunstwerk. Anders als in Hamburg ist er jedoch kein Ort für eine Pause.
02.08.2020, 05:00
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Wie sich die Wallanlagen von Bremen und Hamburg unterscheiden
Von Jürgen Hinrichs
Wie sich die Wallanlagen von Bremen und Hamburg unterscheiden

Die Bremer Wallanlagen – durchaus malerisch an manchen Stellen, aber nicht lebendig genug und zu wenig angebunden, wird kritisiert.

Frank Thomas Koch

Tausende jeden Tag, die diese Strecke nutzen, um in die Innenstadt zu gelangen und später am Tag wieder hinaus: Fußgänger und Radfahrer, die sich auf der schmalen Brücke über dem Stadtgraben erstaunlich gut vertragen. Der Weg führt durch das Bischofstor und die Bischofsnadel – das am stärksten benutzte Stück Wallanlagen mit dem bronzenen Rosselenker auf der einen Seite und dem Akkordeonspieler auf der anderen. Der Mann sitzt dort winters wie sommers, er ist eine Konstante und hat das Geld verdient, das ihm in den Instrumentenkoffer geworfen wird.

Dieser Eindruck ist es, dieser Weg von gut hundert Metern, den die meisten Bremerinnen und Bremer mit den Wallanlagen verbinden. So war das schon immer, oder besser: seit sehr langer Zeit. Als Bremen noch eine Stadtmauer hatte, gab es für den Dombezirk einen eigenen Durchlass, die sogenannte Bischofsnadel, eine Bezeichnung, die das erste Mal vor 750 Jahren in den Büchern auftauchte. Die Nadel, das Nadelöhr, war schon damals der bevorzugte Zugang zur Altstadt.

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Der Park als Passage, als kürzester Weg, doch er ist mehr: Grüne Lunge der Innenstadt, Denkmal mit Denkmälern (der bald 120 Jahre alte Rosselenker von Louis Tuaillon ist eines von vielen), Wasserzug, Bunkerstätte, Gartenkunstwerk. Das alles, aber eines eben noch nicht: Die Wallanlagen sind kein Ort, an dem man lange verweilt. Es gibt kaum Angebote dafür. Die Menschen streifen hindurch, sie haben ein Ziel, und das ist in der Regel nicht der Park. Abends, wenn es dunkel wird, schon gar nicht. Wohl sitzt mal jemand auf der Bank oder lässt sich ins Gras fallen, auch gibt es Spaziergänger. Das ist aber die Minderheit.

Bremen will das ändern, nicht zum ersten Mal. In der Diskussion, wie die Innenstadt belebt werden kann, sind auch die Wallanlagen neu in den Fokus gerückt. Sie sollen besser angebunden und als Attraktion wahrgenommen werden. Pause im Park, wenn am Mittag die Arbeit halb getan ist. Pause auch für die Touristen, die in der Kunsthalle waren und sich als Nächstes vielleicht das Viertel vornehmen, die Böttcherstraße oder das Wagenfeld-Haus. Leute treffen, auch das. Eine Kleinigkeit essen, etwas trinken. Das Ziel, kurzum: mehr Urbanität auch im grünen Gürtel der Altstadt.

Die kleine Brücke über dem Stadtgraben wird jeden Tag von Tausenden Radfahrern und Fußgängern benutzt.

Die kleine Brücke über dem Stadtgraben wird jeden Tag von Tausenden Radfahrern und Fußgängern benutzt.

Foto: Christina Kuhaupt

Gastronomie zunächst als provisorischer Bau

Robert Bücking von den Grünen regt an, eine alte Idee aufzunehmen und auf dem Theaterberg, wo vor der Zerstörung im Krieg das Stadttheater stand, eine Gastronomie einzurichten – nicht irgendwann und mit langem planerischen Vorlauf, sondern zunächst als provisorischer Bau. Der Vorschlag hat es vor zwei Wochen immerhin ins Protokoll des Innenstadtgipfels geschafft.

Bücking, Sprecher für Stadtwicklung seiner Bürgerschaftsfraktion, geht noch weiter, er möchte, dass es zusätzliche Querungen über den Stadtgraben gibt. Einmal zwischen der Bischofsnadel und der Ostertorstraße. Ein zweites Mal zwischen Bürgermeister-Smidt-Straße und Doventor.

Wallanlagen

Ein Blick aus den Wallanlagen hoch zum Altenwall und dem alten Polizeihaus, in dem heute unter anderem die Stadtbibliothek untergebracht ist.

Foto: Frank Thomas Koch

Auch hier, meint der Abgeordnete, könnten es zunächst Provisorien sein: „Wir probieren das aus und sehen, wie es funktioniert.“ Und: Die stark frequentierte Bischofsnadel mit dem Tunnel müsse an anderen Stellen durch neue Rampen entlastet werden. „Die Wallanlagen waren früher ein Bollwerk und trennen auch heute noch viel zu sehr“, sagt Bücking.

Weil die Wallanlagen unter Schutz stehen, muss jede Veränderung mit dem Landesdenkmalpfleger abgesprochen werden. Georg Skalecki zeigt sich auf Anfrage offen für das Ziel, ein wenig mehr Leben in den Park zu bringen.

„Die Betonung liegt auf ,ein wenig'“, schränkt er ein. Wo früher ein Theater, künftig ein Café – „warum nicht, das kann man sehr wohl machen“. Für ihn sei auch vorstellbar, dafür ein paar Bäume und Büsche zu kappen. „Wichtig ist, die historischen und visuellen Qualitäten der Wallanlagen zu erhalten“, betont Skalecki.

Planten un Blomen: Der Park für die Pause in Hamburg

Wer in Hamburg am Bahnhof Dammtor ankommt und das Pech hat, aus beruflichen Gründen an einem der manchmal sehr langatmigen Prozesse beim Hanseatischen Oberlandesgericht teilnehmen zu müssen – der hat gleichzeitig das Glück, einen wunderschönen Weg vor sich zu haben. Über die Fußgängerbrücke, am Kriegerdenkmal vorbei, und schon ist man da, am Eingang zu Planten un Blomen.

Der Park empfängt mit einer Eisdiele, was schon mal ein Plus ist. Eine Gelegenheit für den Rückweg, denn noch ist es zu früh dafür. Linker Hand der Wallgraben, die Ufer gestaltet, interessant, an einer Stelle rauscht ein Wasserfall. Rechts tauchen die Mittelmeerterrassen auf, oben drauf die Schaugewächshäuser. Und dann mäandert man durch den Park, eine knappe Viertelstunde, bis die Wassertreppe erreicht ist und damit der angrenzende Sievekingplatz, Sitz des hohen Gerichts.

Wasserfontänen auf dem Parksee von Planten un Blomen.

Wasserfontänen auf dem Parksee von Planten un Blomen.

Foto: Berndt Andresen

Ja, auch Planten un Blomen dient als Passage, um mitten in der Stadt und parallel zu den Hauptverkehrsstraßen von A nach B zu kommen. Doch spätestens zur Mittagszeit, wenn im Gericht das Urteil noch nicht gesprochen wurde, der Prozess aber eine Pause macht, erlebt man den Park noch ganz anders. Junge Leute auf den hölzernen Sitzmöbeln, die über die Rasenflächen verteilt sind. Sie essen ihr Essen, reden miteinander oder dösen in der Sonne. Ein friedliches Bild. Und erstaunlich: Kein Müll, jedenfalls nicht dort, wo er nicht hingehört. Eine in jeder Hinsicht saubere Sache.

Der Park wird von den Pflanzen eingefasst, aber nicht unterjocht. So gibt es viel freien Raum, um weit gucken zu können. Wer mag, geht ein paar Schritte und setzt sich vor das Café Schöne Aussichten oder läuft bis zum Parksee, wo weitere Cafés geöffnet haben. Es gibt zwei große Spielplätze, und die Eisarena, die im Sommer zur Rollschuhbahn wird. Es gibt die Schachgärten, den Japanischen Garten und die prächtigen Stauden in den Bürgergärten.

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Den Keim für diese Vielfalt hatte vor 200 Jahren der Bremer Kunstgärtner Isaak Hermann Altmann gelegt. Er bekam vom Hamburger Senat den Auftrag, aus dem Befestigungsring, der in den Jahren zwischen 1616 und 1625 um den damaligen Stadtkern gelegt wurde, einen Park nach englischem Vorbild zu gestalten. Die Wallanlagen waren Ende des 18. Jahrhunderts in Europa militärisch be­deutungslos geworden, es bot sich deshalb eine andere Nutzung an.

Der westliche Teil blieb Parkanlage

Aus der Ostseite des Wallrings wurde später eine Verkehrszone, mit dem 1906 eingeweihten Hauptbahnhof als zentralen Punkt. Der westliche Teil blieb Parkanlage und wurde immer größer, wie es in einer Beschreibung von Planten un Blomen heißt. „Der Grüngürtel umfasste seinerzeit neben den von Altmann umge­wandelten Wallanlagen die Friedhöfe vor dem Dammtor, den ehe­maligen Botanischen Garten sowie den 1861 nördlich davon errichteten Zoologischen Garten, dessen erster Leiter Alfred Brehm war, bekannt als Verfasser von ,Brehms Tierleben‘“, schreibt die Parkverwaltung.

Innovationstreiber für den Park waren die großen Gartenausstellungen in den Jahren 1935, 1953, 1963 und 1973. Sie veränderten das Gesicht der Anlage erheblich. Nach 1973 wurden die Areale Planten un Blomen, Alter Botanischer Garten, Kleine Wallanlagen und Große Wallanlagen zum Wallringpark zusammenge­fasst. 1986 erhielt die gesamte Anlage dann auch offiziell den Namen Planten un Blomen.

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