Optimistisch in Zeiten von Corona Wie sich eine Bremer Tanzschule zurück in den Alltag wagt

Der Unternehmerverband der Tanzschulen in Deutschland befürchtet wegen der Corona-Krise einen Kollaps der Branche. Die Bremer Tanzschule Schipfer-Hausa ist optimistischer.
31.07.2020, 05:00
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Wie sich eine Bremer Tanzschule zurück in den Alltag wagt
Von Jürgen Hinrichs

Der letzte Tango? So ist ein Text über die Situation der Tanzschulen in Deutschland überschrieben. Sie kämpfen demnach um ihre Existenz, weil wegen der Corona-Pandemie monatelang keine Kurse veranstaltet werden konnten und das Geschäft erst jetzt neu anläuft. Auch in Bremen bewegen sich wieder Paare übers Parkett. Mit weitem Abstand allerdings und unter strengen Hygieneregeln. Eine schwierige Situation, sagt Carsten Wulf, Inhaber der Tanzschule Schipfer-Hausa an der Parkallee. Großartig klagen will er aber nicht.

Von Mitte März bis Mitte Juni ist der Unterricht komplett ausgefallen. Kein Ringelpiez mehr, und Anfassen schon gar nicht. „Das war eine lange Durststrecke“, sagt Wulf. Insofern gibt er dem Unternehmerverband seines Gewerbes recht, der in dieser Woche Alarm geschlagen hat.

Besorgniserregende Ergebnisse

„Unsere Branche leidet sehr, wir befürchten einen Kollaps“, lässt die Swinging World GmbH verbreiten, dem annähernd 500 Betriebe angehören. Der Verband habe eine Umfrage organisiert, das Ergebnis sei besorgniserregend: Die Unternehmen hätten bis jetzt einen wirtschaftlichen Schaden von rund 55 Millionen Euro zu verbuchen, zum Jahresende müsse in den klassischen Geschäftsfeldern „Unterricht, Gastronomie und Veranstaltungen“ mit einem Verlust von mindestens 70 Millionen Euro gerechnet werden. Vor allem die fehlenden Neukunden träfen die Tanzschulen hart – „das hat Auswirkungen weit über das Jahr 2020 hinaus“, erklärt Swinging World.

Schipfer-Hausa kämpft zwar genauso mit den Folgen von Corona, hat dabei aber einen unschlagbaren Vorteil: „Das Haus, in dem wir unterrichten, gehört uns“, sagt Wulf. Er muss keine Miete zahlen und erzielt im Gegenteil sogar Einnahmen, weil das Gebäude noch von einer anderen Firma genutzt wird. Trotzdem, so der Unternehmer, sollte angesichts der laufenden Kosten jetzt langsam wieder was reinkommen. „Und natürlich will ich unsere Kunden tanzen sehen.“ Viele darunter, die zum Stamm gehören, im Jugendklub und Tanzkreis. Sie zahlen eine Jahresgebühr. Anders ist es mit den Kursen, die einzeln abgerechnet werden.

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Wulf unterrichtet selbst, Angestellte hat er keine. Eine Abwechslung ist für ihn jedes Jahr die Schaffermahlzeit. Dort gibt es die sogenannten Debütanten, Jugendliche, die von Haus Seefahrt, den Schaffern und dem Senat ausgesucht werden. Auch ihnen bringt Wulf das Tanzen bei, damit sie beim Brudermahl im Rathaus und später im Parkhotel bei Polonaise und Wiener Walzer eine gute Figur machen. Doch wird es dieses Fest, das immer im Februar stattfindet, überhaupt geben?

Wegen Corona steht alles auf der Kippe oder ist bereits abgesagt worden. Darunter auch die Abtanzbälle von Schipfer-Hausa, die Mitte März über die Bühne gehen sollten. Das ist jedes Mal die Probe aufs Exempel, nachdem die Jugendlichen ein halbes Jahr lang Schrittfolge, Rhythmus und einen möglichst geschmeidigen Umgang mit dem Tanzpartner trainiert haben. Die Bälle sind das Salz in der Suppe, findet Wulf. „Das ist wunderbar, wie die jungen Leute das wahrnehmen, wie sie sich begeistern, weil es mal was anderes ist und sie auch anders gekleidet sind“, schwärmt der Tanzlehrer.

Älteste Tanzschule Bremens

Nun bangt er um die nächsten beiden Bälle. Ende Oktober will Wulf, wenn es irgend geht, wieder Kurse anbieten, im März darauf gäbe es den krönenden Abschluss, mit Tanzkapelle und allem drum und dran. Der Ort ist das ­Atlantic-Hotel am Universum. „Wir haben die Termine fest gemacht und warten jetzt bis Ende November, um eventuell doch noch die Reißleine zu ziehen.“ Vier Bälle veranstaltet Schipfer-Hausa normalerweise jedes Jahr – die beiden Abtanzbälle im Frühjahr mit insgesamt 700 Teilnehmern, eine Veranstaltung im Sommer und eine kurz vor Weihnachten. „Sonst finden ja kaum noch Bälle statt“, sagt Wulf, „eine traurige Entwicklung.“

Schipfer-Hausa, benannt nach Emmy Schipfer, der Gründerin, und ihrer Adoptivtochter, einer Frau Hausa, ist 114 Jahre alt und damit die älteste Tanzschule in Bremen. 1963 hatte der Vater von Carsten Wulf das Unternehmen übernommen. In der ganzen Zeit, so Wulf, sei die Tanzschule nicht einen Tag geschlossen gewesen, auch während des Krieges nicht. Corona war also auch in dieser Hinsicht eine Zäsur, als drei Monate lang nicht getanzt werden konnte.

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Doch nun drehen sich die Paare wieder, vor fünf Wochen hat Schipfer-Hausa den Betrieb neu aufgenommen. „In sehr geringem Umfang“, erklärt der Inhaber. Er hat viel Platz, 160 Quadratmeter, und ausreichend Belüftung. Bei den Kursen für jugendliche Anfänger versammelten sich vor Corona bis zu 30 Paare auf der Fläche. Heute sind es maximal acht, manchmal auch nur vier oder fünf. Wulf hat Spender mit Desinfektionsmittel aufgestellt. Vorgeschrieben hat ihm das niemand.

Die Tanzschulen fliegen ein wenig unterm Radar. Wulf hat dafür Verständnis: „Es gibt wichtigere Branchen, um die sich die Regierung kümmern muss.“

Deutlich anders sieht es der Unternehmerverband der Tanzschulen: „Obwohl Tanzen seit Anbeginn zur Menschheit gehört, scheint diese kulturelle Fähigkeit bei den behördlichen Krisenmanagern und politischen Entscheidern völlig durch das Wahrnehmungsraster gefallen zu sein.“

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