Marathon der Notfallmedizin

Wie sich Krankenhäuser gegen Terroranschläge rüsten

Beim Symposium der Intensivmedizin und Intensivpflege in Bremen zeigt ein Brüsseler Krisenmanager auf, wie Terroranschläge die Krankenhäuser herausfordern – und wie sie ihnen begegnen können.
15.02.2017, 21:48
Lesedauer: 4 Min
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Wie sich Krankenhäuser gegen Terroranschläge rüsten
Von Nico Schnurr

Beim Symposium der Intensivmedizin und Intensivpflege in Bremen zeigt ein Brüsseler Krisenmanager auf, wie Terroranschläge die Krankenhäuser herausfordern – und wie sie ihnen begegnen können.

Die Warnung kam per Kurznachricht. „Viel Glück“ blinkte es auf dem Bildschirm seines Smartphones, als Jan Vaes seinen Wagen durch den Brüsseler Morgenverkehr in Richtung Militärkrankenhaus Königin Astrid lenkte. Viel Glück, das wünscht ihm sonst keiner seiner Freunde zu seinem Dienstbeginn. Vaes ist Krisenmanager im Militärkrankenhaus. Wenn etwas schiefgeht, dann hat er dafür Pläne. Einer wie er braucht normalerweise kein Glück. Als die Nachricht aufleuchtete, war Vaes sofort klar: Dieser 22. März 2016 wird kein normaler Tag. Nicht für Brüssel, nicht für ihn. Dieser Tag hat den Krisenmanager nun nach Bremen geführt, zum Symposium der Intensivmedizin und Intensivpflege.

„Mir war bewusst: Jetzt kommt es auf mich an“, erinnert sich Vaes. „Ich wusste, die nächsten Stunden werden so etwas wie meine praktische Abschlussprüfung.“ Er hat sie bestanden. So viel lässt sich knapp ein Jahr nach den Terroranschlägen am Brüsseler Flughafen Zaventem und an der U-Bahnstation Maalbeek sagen. Wie vielen Menschen er an diesem Tag das Leben gerettet hat, weiß Vaes nicht.

Was er weiß, ist, dass 35 Menschen starben und dass es deutlich mehr hätten werden können. Glück und Vaes' Pläne haben das verhindert. Vaes soll der deutschen Branche von jenem Tag in Brüssel berichten; erzählen, was ihn herausgefordert hat, was er gelernt hat aus diesem 22. März.

Kaum Training im Umgang mit Terror

„Terror – was bedeutet das für Akut- und Notfallmedizin?“, fragt der Veranstaltungstitel. Eine ganze Menge neuer Probleme, lautet die Antwort. Zumindest die von Jan-Thorsten Gräsner. Am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein leitet er das Institut für Rettungs- und Notfallmedizin. In seinem Vortrag beim Bremer Kongress betont er: „Es fehlt in den deutschen Kliniken an einem Trainingszustand im Umgang mit dem Terror.“

Gräsner glaubt, dass es in vielen deutschen Krankenhäusern inzwischen zwar Sonderpläne für Anschlagssituationen gebe, ein großer Teil aller Mitarbeiter aber gar nicht von ihnen wisse. Der Institutsleiter befürchtet auch, dass es auf chirurgischer und intensivmedzinischer Seite in deutschen Kliniken an Erfahrungen fehle im massenhaften Umgang mit Schuss- und Explosionsverletzungen.

Zumindest für Bremen sieht Karin Matiszick das anders. „Bei uns würde für jede Verletzung die passende Hilfe gefunden werden“, sagt die Sprecherin des Klinikverbunds Gesundheit Nord. Grundsätzlich seien die Bremer Kliniken gut auf ungewöhnliche Situation vorbereitet. Dafür sorgten die „Alarm- und Einsatzpläne“. Sie sollen helfen, sobald sich die Bremer Kliniken mit einem „Massenanfall von Verletzten“ konfrontiert sehen. Ausgelegt seien diese Pläne bislang vor allem für ein Notfallszenario nach „einem Flugzeug oder einer Massenkarambolage auf der Autobahn“, erklärt Matiszick. Das soll sich nun ändern.

Unterstützung durch die Feuerwehr

„Wir sind dabei, unsere Alarm- und Einsatzpläne so zu erweitern, dass wir auch auf Terrorschläge vorbereitet sind“, sagt die Sprecherin der Gesundheit Nord. Die Terrorbedrohung stelle eine „zusätzliche Herausforderung“ für die Bremer Kliniken dar. Schließlich könnten die Patienten dann wohl nicht am Ort des Geschehens erstversorgt werden, sondern müssten an einen sicheren Ort gebracht werden. Einen Puffer an Betten, die in Bremer Kliniken für einen solchen Fall frei blieben, gebe es aber nicht. „Das wäre unbezahlbar“, betont Matiszick.

Unterstützt würden die Bremer Kliniken im Falle eines Terroranschlags von der Feuerwehr. Seit Langem bereite man sich dort auf so ein Szenario vor, sagt Rose Gerdts-Schiffler, Sprecherin von Innensenator Ulrich Mäurer (SPD). Neben der Einsatztaktik betreffe dies auch die Ausstattung des Rettungsdienstes. Sämtliche Fahrzeuge der Rettungsdienste und der Feuerwehr in Bremen seien deshalb mit Tourniquets ausgestattet worden.

In seinem Bremer Vortrag widmet sich Jan Vaes minutenlang diesem Abbindesystem, das lebensbedrohliche Blutungen stoppen kann. Tourniquets sind für Brüssels Krisenmanager ein Symbol. An ihnen will er der deutschen Branche verdeutlichen, dass es sehr wohl möglich ist, sich auf den Terror vorzubereiten. Dass die Notfallmedizin der Gefahr nicht völlig ohnmächtig ausgeliefert ist. Vaes Botschaft lautet: Die Lage ist ernst, sehr ernst. „Ihr braucht einen Plan, ansonsten droht das Chaos“, sagt er.

Brüssel war auf Ernstfall vorbereitet

Wie ernst es ist, das war dem Belgier spätestens am Abend des 13. November 2015 bewusst geworden. Als es an jenem Tag zu einer ganzen Reihe von Terroranschlägen in Paris kam und über 130 Menschen starben, saß Vaes in seinem Brüsseler Büro und fragte sich: „Was würde ich jetzt tun?“ Da wurde ihm klar: Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es Belgiens Hauptstadt trifft.

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Noch in den Wochen darauf begann er, neue Strategien für das Militärkrankenhaus zu entwickeln. Er schaffte viele Hundert Tourniquets an und richtete eine „Pufferzone“ ein, einen Saal mit knapp 100 freien Betten. Immer wieder ließ er seine Kollegen im Krankenhaus mögliche Situationen durchspielen, ließ sie eine Choreografie des Notfalls einstudieren.

Ohne diese Maßnahmen, glaubt der Krisenmanager heute, wären die Folgen des Brüsseler Anschlags noch verheerender ausgefallen. „Krankenhäuser müssen den Umgang mit Terror noch mehr trainieren“, sagt Vaes. „Für die Notfallmedizin ist der Kampf gegen die Folgen eines Anschlags wie ein Marathon – und den übersteht man nicht einfach mal eben so.“

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