Rundgang durch das Viertel

Wie sich Menschen und Meile verändert haben

Norbert Schütz ist Geschäftsführer, Kneipenwirt und ein Kind des Viertels, wie er sagt. Er hat viele Umbrüche im Quartier erlebt. Christian Weth hat mit ihm einen Rundgang gemacht.
29.03.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie sich Menschen und Meile verändert haben
Von Christian Weth

Dieser Mann ist so bekannt im Quartier wie der Postbote, die Polizeistreife und der Bettler an seiner Stammecke zusammen. Keine 50 Meter kommt er weit, ohne zu grüßen oder gegrüßt zu werden: Hey, Stefan! Hallo, Claudia! Hi, Karsi! – Tach, Norbert! Mensch, Norbert! Moin, Norbert! Norbert ist Norbert Schütz, Geschäftsführer, Kneipenwirt und ein Kind des Viertels, wie er sagt. Obwohl er in der Neuen Vahr Süd und in Osterholz-Tenever aufgewachsen ist. Mit 14 hat Schütz das erste Mal am Tresen des „Litfass“, seiner Kneipe, gesessen, mit 16 das erste Konzert in der „Lila Eule“ besucht. „Der Kiez hat mich nicht losgelassen.“

Heute ist Schütz 45, Vater und besorgt. Natürlich habe das Viertel schon viele Umbrüche erlebt. „Einen Wandel gab es immer.“ Schließlich sei das Quartier das lebhafteste in Bremen, wenn auch nicht mehr so lebhaft wie vor Jahrzehnten. Nur jetzt gebe es eine Veränderung, die habe es so noch nicht gegeben, nicht in dieser Form, nicht in dieser Qualität. Schütz steht vor dem „Theatro“ am Goetheplatz, am Einfallstor zum Viertel sozusagen. Dort startet ein Rundgang, auf dem er den Wandel des Viertels zeigt und über die neuen Schwierigkeiten redet. Er geht voran.

Gleich vorm „Casablanca“ ändert Schütz die Richtung. Er hat Stefan Meichau – „Hey, Stefan“ – entdeckt. Statt weiter ins Viertel, geht es ins Lokal. Meichau weiß, was Schütz bedrückt: die Klagen von Anwohnern, oft neuen, oft reichen, denen es im bunten Viertel zu bunt zugeht. Denen der Kiez, in den sie gezogen sind, weil er so hip, so angesagt ist, mittlerweile zu dreckig und laut vorkommt. „Solche Beschwerden hat es schon früher gegeben“, sagt Meichau. Nur jetzt suche man nicht mehr das Gespräch, sondern schicke gleich Anwälte, um Club- und Kneipenbetreibern Konzerte zu untersagen.

Das versuchen mittlerweile nicht nur neue Nachbarn, sondern auch alte. Zum Beispiel sechs Familien, die sich gemeinsam gegen Ruhestörung wehren. Seit 20 Jahren leben sie im Viertel. Vergeblich hätten sie versucht, auf die Wirte mit Worten einzuwirken. Nun vertritt sie ein Anwalt. Meichau, der Mann im „Casablanca“, ist kein Wirt, der 42-Jährige entwirft T-Shirts, sein Label heißt „Stylesucks“. Von den Problemen der Clubs weiß er, „weil immer mehr Leute sie in Gefahr sehen und darüber reden“. Meichau wohnt seit sieben Jahren im Quartier und beobachtet einen Wandel, der hörbar ist. „Hier ist es leiser und nicht lauter geworden.“

Claudia Kunze hastet vorbei. Sie kommt aus der Sankt-Pauli-Straße, vom Kultur- und Bildungsverein Ostertor. Die 31-Jährige arbeitet dort. Im Viertel zu wohnen, könne sie sich nicht leisten. „Viel zu teuer.“ Immer mehr Leute zögen weg, in die Neustadt oder nach Findorff. Immer öfter lösten sich Studenten-WGs auf, weil sie 15 Euro pro Quadratmeter nicht zahlen könnten. Und immer weniger hätten so ein Glück wie die junge Familie. Kunze erzählt von einem älteren Ehepaar, das eine Villa verkauft und nur Leute gesucht habe, die sich das Haus eigentlich gar nicht leisten konnten. Der Preis soll so niedrig gewesen sein, dass Kunze von „günstig abgegeben“ spricht. Und davon, dass manchmal noch Märchen wahr werden.

Kneipenmann Schütz zeigt nicht die Ausnahme, sondern die Regel: auf Häuser entlang der Meile, wie er den Ostertorsteinweg und die Straße Vor dem Steintor nennt. Es sind alte Häuser, aber alle in Schuss: „Teuer saniert, viel Wohnraum, doch für Normalverdiener unbezahlbar.“ An der Sielwallkreuzung bleibt er stehen und schaut auf ein strahlend weißes Gebäude. „Dort haben fast alle Wohnungen 200 Quadratmeter.“ Die Mieterschicht habe sich grundlegend verändert.

Kaum am „Litfass“ vorbei, läuft dem Wirt Nadia Noack über den Weg. Die Frau ist 26, im Viertel geboren, dort aufgewachsen – „und immer noch hier“. Das Quartier sei ihre Heimat, obwohl sich die Heimat verändert habe, nicht immer zum Guten. Das Leben sei teurer geworden, teurer als auf manch anderem Kiez. Noack war am Wochenende in Berlin. 20 Euro habe sie für einen bunten Abend ausgegeben, im Viertel brauche man locker das Doppelte. „Das Bier hat in Berlin einen Euro fünfzig gekostet.“ Solche Preise gebe es auf der Meile längst nicht mehr, höchstens im Kiosk. Aber von denen gebe es immer weniger. Dafür immer mehr Bäcker-, Friseur- und Telefonläden.

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Schütz hat eine simple Erklärung dafür. „Die Läden gehören alle zu Ketten, die mit den Reichen kommen.“ Ketten könnten sich noch leisten, was sich viele Händler nicht mehr leisten könnten: die Pacht. 300 Geschäfte gibt es im Viertel, mehr als ein Drittel sei eine Franchise-Filiale. Schütz zahlt fürs „Litfass“, 78 Quadratmeter, 80 Plätze, 5500 Euro im Monat. Ein moderater Preis, sagt er. Der Hausbesitzer sei ein Bekannter. Ein anderer Bekannter ist Dirk Bauer. Der Wirt ruft ihn an, weil der Freund ein Paradebeispiel dafür sei, wie sich die Monotonie der Bäcker, Friseure, Telefonanbieter unterbrechen lasse. Weil er einen Laden eröffnet habe, der so cool wie das Quartier sei. Bauers Geschäft heißt „Fun Factory“. Er verkauft „alles für ein sinnliches Sexualleben“. Andere würden Sexspielzeuge sagen. Im Schaufenster sind sie so sparsam drapiert wie die Computer in einem Apple-Store. Schütz: „Das ist witzig, nicht schmuddelig.“ Für Bauer ist das Viertel die ideale Adresse. „Dorthin kommen Leute, die aufgeschlossen sind, die Vielfalt suchen.“

Karsi Müller und Sandra Prawitt suchen etwas ganz anders. Sie stehen unweit des Ziegenmarktes vor dem weißen, glatten Betonbau, in dem es oben Wohnungen gibt und unten einen Supermarkt. Der Albtraum vieler Viertelbewohner, sagt Schütz. Müller und Prawitt träumen von einem eigenen Altbremer Haus. Oder von einer eigenen Vier-Zimmer-Wohnung, die bezahlbar ist. Seit Jahren suchen sie schon. Weil sie nichts gefunden haben, sind sie inzwischen weggezogen, nach Schwachhausen, das als teures Pflaster gilt. Prawitt: „Dort sind Immobilien inzwischen günstiger als im Viertel.“

Müller sind schon viele Häuser angeboten worden, ab 700 000 Euro aufwärts. „Nur so viel Geld erst mal haben.“ Der 47-Jährige hat die „Rockwurst“, früher ein rollender Imbiss, jetzt ein Lokal, in dem es eben zur Wurst Rock gibt. „Das gehört im Viertel dazu.“ Wer in ein Szene-Quartier ziehe, der müsse damit rechnen, dass es dort etwas bunter zugehe – und lauter. Allein die Straßenbahn verursache dort mehr Lärm als anderswo in Bremen. „Hier fahren mehr als 350 Bahnen am Tag, alle drei Minuten“, sagt Schütz, der Mann vom „Litfass“. Das gebe es nirgends sonst.

Schütz hat keinen Zweifel: „Der Prozess der Verdrängung wird sich fortsetzen.“ Aber langsamer als in anderen Metropolen. Die Bremer Szene habe sich jetzt formiert. Das Treffen der Wirte in dieser Woche sei nur der Anfang gewesen. Schütz spricht von einem Festival im Mai. Eines, das hochleben lassen soll, solange es sie noch gibt: Vielfalt im Viertel.

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