Bremer Biologe klärt auf

Wie sich Windkraftanlagen auf Fledermäuse auswirken

Moderne Windkraftanlagen können für Fledermäuse gefährlich, wenn nicht sogar tödlich sein. Wie viele Fledermäuse das tatsächlich trifft, damit beschäftigt sich der Biologe Lothar Bach.
03.08.2019, 15:34
Lesedauer: 5 Min
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Von Jörn Hildebrandt
Wie sich Windkraftanlagen auf Fledermäuse auswirken

Besonders moderne Windkraftanlagen mit ihren hohen Geschwindigkeiten stellen ein Risiko für Fledermäuse dar.

Patrick Pleul/dpa

Es ist ein harter Job: Ab Sonnenuntergang fängt die Arbeit an, und sie dauert meist, bis die Sonne wieder aufgeht. „In den Sommermonaten bin ich froh, wenn ich vier Stunden Schlaf bekomme“, sagt Lothar Bach. Denn für den Biologen folgt auf die nächtliche Geländearbeit die Schreibtischarbeit am Tag, bei der er Daten sichert, auswertet und in die Gutachten einarbeitet.

Dass Lothar Bach meist nachts unterwegs ist, hat mit den Tieren zu tun, mit denen er sich beschäftigt: Der Biologe, der mit seiner Frau Petra in Borgfeld wohnt, erfasst Fledermäuse im Umfeld von Windkraftanlagen. Er bestimmt die Arten mit einem sogenannten Batdetektor, einem Gerät, das die Ultraschall-Laute der Tiere, die fürs menschliche Ohr nicht vernehmbar sind, hörbar macht.

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„Als die ersten Windkraftanlagen entstanden, dachte keiner, dass von ihnen eine Gefahr für Fledermäuse ausgeht“, sagt Bach. „Die ersten Hinweise, dass es so sein könnte, kamen aus Sachsen. In den 1990er-Jahren dachte man, dass Fledermäuse wegen ihrer Echoortung die großen, sich drehenden Rotoren umfliegen. Zufallsfunde Anfang der 2000er-Jahre zeigten jedoch: Nicht alle Fledermäuse meiden die Bereiche der großen Propeller, sondern es werden offenbar häufig Tiere getötet“, erklärt Bach.

Doch die Beweise ließen vorerst auf sich warten, sagt Bach: Es sei schwierig, im Gras oder im Dickicht unter den Masten überhaupt tote Fledermäuse ausfindig zu machen. Schließlich wurden jedoch immer mehr tote Fledermäuse unter Windkraftanlagen entdeckt, nicht zuletzt auch dank des Einsatzes von Hunden, die feine Nasen für den Aasgeruch der Tiere besitzen.

Zwergfledermaus, Zwerg-Fledermaus (Pipistrellus pipistrellus), in Hand, wird untersucht, Deutschland

Zwergfledermäuse gibt es viele in Bremen.

Foto: Wolfgang Buchhorn /Frank Hecker

Fledermäuse werden von den Windkraftanlagen angelockt

Fledermäuse, so stellte sich heraus, fliegen in Höhen bis zu 120 Metern. Sie kommen damit nicht nur in die Nähe der Rotoren, sondern werden sogar von den Windkraftanlagen angelockt: „In einer ausgeräumten Kulturlandschaft ist der Bereich unter den Windkraftanlagen noch relativ reich an Insekten“, sagt Bach, „hinzu kommt, dass die Anlagen nachts Wärme abstrahlen, was wiederum Insekten anzieht – für Fledermäuse können die Anlagen also eine Art ökologische Falle sein.“ Ein deutlicher Hinweis darauf sei, dass man im August, dem Monat mit dem reichsten Insektenleben, auch besonders viele tote Fledermäuse unter Rotoren finde.

Eine weitere Gefährdung geht von den Windkraftanlagen für ziehende Fledermäuse aus. Denn ähnlich wie Zugvögel verlassen Fledermäuse gegen Ende des Sommers ihre Quartiere und wandern zu geschützten Winterruhestätten. Besonders die Rauhautfledermaus werde häufig auf ihren alljährlichen Wanderungen geschlagen, so Bach.

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Und noch ein Problem wurde erst jüngst bekannt: Fledermäuse nehmen in offenen Landschaften die aufragenden Masten wie Bäume wahr, die ihnen potenziell Quartiere bieten – sie fliegen also die Masten gezielt an.

Die ersten, inzwischen veralteten Windkraftanlagen mit kürzeren Propellern konnten vom Echoortungssystem der Fledermäuse noch erkannt werden. „Die heutigen langen Rotorblättern erreichen an ihren Spitzen Geschwindigkeiten bis zu 220 Stundenkilometern – das bekommen Fledermäuse nicht mehr aufgelöst“, sagt Bach, „sie fliegen in die Rotoren hinein und werden getötet.“

Da derzeit nach Angaben des Bundesverbands Windenergie knapp 30.000 Anlagen in Deutschland in Betrieb sind, würde das erhebliche Verluste von Fledermäusen bedeuten. Als jedoch die tödliche Wirkung von Windkraftanlagen auf Fledermäuse erkannt war, wurden die Betreiber gesetzlich verpflichtet, sie zeitweise abzuschalten. „Das schränkt zwar die Verluste ein, hat aber den Nachteil, dass jede neue Anlage genehmigt werden kann", sagt Bach. "Die Standortwahl spielt, anders als zum Beispiel bei der Planung neuer Straßen, keine Rolle." Heutige Grundlage sind die diversen sogenannten Windenergieerlasse, die alle Bundesländer außer Bremen erarbeitet haben.

Um eine Datengrundlage zu schaffen, werden an den Windkraftanlagen zum Beispiel in Niedersachsen durchschnittlich 14 Kartierungsdurchgänge pro Jahr gemacht, um Artenzahl und Anzahlen von Fledermäusen zu ermitteln. Zusätzlich werden Geräte aufgehängt, die über die gesamte Saison alle Fledermauslaute aufnehmen. Dazu wird nach dem Aufbau der Windkraftanlagen unter der Gondel ein Mikrofon eingebaut und eine Dauererfassung mit einem Ultraschallgerät durchgeführt.

Der Bremer Wissenschaftler Lothar Bach beschäftigt sich mit Fledermäusen.

Der Bremer Wissenschaftler Lothar Bach beschäftigt sich mit Fledermäusen.

Foto: FR

Eventuelle Abschaltung bei Nacht

Nach einem zwei Jahre währenden sogenannten Monitoring und einer abschließenden Bewertung werden die Abschaltzeiten für die Windkraftanlage für die nächsten 20 Jahre festgelegt. „Wird eine besonders hohe Aktivität von Fledermäusen in der Nähe der Anlagen festgestellt, müssen sie, je nach Windverhältnissen, in der Nacht abgeschaltet bleiben“, sagt Bach, was über mehrere Monate im Jahr erfolgen könne. Die Regelungen, ab wann und wie lange sich die Rotoren nicht mehr drehen dürfen, sei je nach Bundesland unterschiedlich.

Nach Angaben der Bremer Umweltbehörde waren in Bremen Ende 2018 insgesamt 89 Anlagen im Netz. „Doch welche Auswirkungen sie auf Fledermäuse haben, wurde bisher unzureichend untersucht“, sagt der Fledermausexperte, obwohl sie in Bremen zum Beispiel auch im Vogelschutzgebiet Niedervieland oder im Industriepark des Werderlands zumindest am Rande des Schutzgebiets stehen.

„Ob und wie Anlagen zum Schutz von Fledermäusen abgeschaltet werden, wird anders als in Niedersachsen in Bremen nach einer Einzelfallprüfung geregelt“, sagt Henrich Klugkist von der Bremer Naturschutzbehörde, „bisher gibt es nur wenige Totfunde von Abendseglern.“ Die Kapazität der Landschaft für Windkraftanlagen ist nach Einschätzung von Betreibern und einiger Politiker bei weitem noch nicht ausgeschöpft.

„Vor kurzem wurden in Niedersachsen die Mindestabstände zu Wohngebieten von 1000 Metern auf 400 Meter gesenkt“, sagt Bach, „und damit können neue Flächen erschlossen werden.“ Hinzu komme, dass alte Anlagen durch leistungsfähigere Motoren ersetzt werden, was wiederum neue Untersuchungen zu Fledermausvorkommen notwendig macht – die kräftezehrende Nachtarbeit wird für Bach auch in Zukunft nicht weniger werden.

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Wo es in Bremen Fledermäuse gibt

Nach Angaben des Naturschutzbundes BUND in Bremen kommen im kleinsten Bundesland vier Fledermausarten am häufigsten vor: die Breitflügel- und die Wasserfledermaus, der Große Abendsegler und die Zwergfledermaus. Dabei kommen sie meist in Parks, Wäldern sowie in Gärten entlang alter Bäume oder an Gewässern vor.

Insgesamt sind in Deutschland 25 verschiedene Fledermausarten heimisch, weltweit sind es allerdings 1200 verschiedene Arten. In Bremen kommen 13 der bundesweit heimischen Arten vor, in Niedersachsen sind es 19.

Wer die Tiere beobachten möchte, hat in der Dämmerung eines Sommerabends die besten Chancen. Dazu eignen sich beispielsweise der Schwanenteich im Bürgerpark, der Vahrer See, der Osterdeich auf Höhe der Sielwallfähre, Knoops Park oder die Strecke entlang der Ochtum. Wer eine Fledermaus findet, sollte sich laut BUND an bestimmte Regeln halten: Die Tiere sollten nicht ohne Handschuhe angefasst werden, weil sie beißen und dabei Krankheiten übertragen können. Hilfe für den weiteren Umgang mit verletzten oder flugunfähigen Tieren gibt es unter www.bund-bremen.net.

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