Hirnforschung und Schuldfähigkeit

Wie sind Sexual- und Gewaltstraftäter verfasst?

Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth hat sich intensiv mit der Frage befasst, was Sexual- und Gewaltstraftäter neurobiologisch von anderen Menschen unterscheidet. Sein Fazit: "Es ist kompliziert."
12.05.2018, 16:53
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Wie sind Sexual- und Gewaltstraftäter verfasst?
Von Silke Hellwig
Wie sind Sexual- und Gewaltstraftäter verfasst?

Prof. Dr. Gerhard Roth ist Neurobiologe an der Universität Bremen.

Frank Thomas Koch

Mit der inneren Verfasstheit von Menschen, die schwere Verbrechen begangen haben, und der Frage nach ihrer Schuldfähigkeit beschäftigt sich die Wissenschaft seit Jahren. Auch der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth hat sich intensiv mit dem Thema befasst. Er forderte in der „Welt“ vor mehr als zehn Jahren, den strafrechtlichen Schuldbegriff aufzugeben.

Die zentrale Frage sei, sagt Roth, wie verhindert werden könne, dass sich aus auffälligen oder schwierigen Kindern Straftäter entwickeln, aus Straftätern Schwerverbrecher. Bis heute sei darauf keine angemessene Antwort gefunden worden. Strafhaft und Buße seien es jedenfalls nicht, das zeigten die Karrieren von Intensiv-Straftätern.

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Roth gehört zu einer Gruppe von Forschern, die die Gehirne von Gewalt- und Sexualstraftätern untersuchten. Unter anderem wurde Tätern quasi in den Kopf geschaut, während sie Bilder betrachteten, die bei den meisten Menschen Mitleid erregen oder Entsetzen auslösen. Die Reaktionen einiger Straftäter fielen anders aus. Roth bei 3sat: "Umwelteinflüsse verformen das Gehirn, und wenn nichts dagegen getan wird, dann verfestigt sich das mit 4, 5, 6 Jahren, als ob es genetisch bedingt wäre."

„Es hängt von sehr vielen und sehr unterschiedlichen Faktoren ab, ob jemand gewalttätig wird“, sagt Gerhard Roth. Die Annahme, dass etwas existiere, was man grob als Verbrecher-Gene bezeichnen könnte, habe sich bislang nicht bewahrheitet. „Es ist sehr viel komplizierter.“ So gebe es verschiedene Typen von Gewalttätern. Manche „sind psychologisch völlig normal, aber mit Gewalt aufgewachsen“. Das seien „instrumentelle Gewalttäter“. Eine große Gruppe bildeten die „impulsiv-reaktiven Gewalttäter“. Sie fühlten sich ständig bedroht, „gleichzeitig haben sie eine geringe Impulskontrolle“. Etwa drei bis fünf Prozent männlicher Schwerverbrecher sei den Psychopathen zuzurechnen. „Sie sind unerschrocken, unemotional, unempathisch. Sie setzen ihre Ziele mit besonderer Raffinesse und Brutalität durch.“

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Was tun? Untersuchungen mit Intensiv-Straftätern zeigten, dass sie sich schwertäten, aus Fehlern zu lernen. Sie ließen sich nicht abschrecken, auch nicht durch lange Haftstrafen. Selbst Therapien zeigten wenig Wirkung. „Es ist aber auch noch nicht viel ausprobiert worden“, sagt Roth. Es gebe also nur eine Chance: „Man muss die Defizite in der frühesten Kindheit erkennen und etwas unternehmen, alles andere ist ausgesprochen schwierig.“

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