Ambulanter Palliativdienst Bremen

Wie unheilbar kranke Patienten in ihrem Zuhause versorgt werden können

Wenn nachts das Notdiensthandy klingelt, sind sie am Apparat: die Frauen und Männer vom ambulanten Palliativdienst. Ihr Credo bei Sterbenskranken: „Wenn nichts mehr zu machen ist, kann man noch sehr viel tun.“
08.12.2019, 20:33
Lesedauer: 3 Min
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Wie unheilbar kranke Patienten in ihrem Zuhause versorgt werden können
Von Sabine Doll
Wie unheilbar kranke Patienten in ihrem Zuhause versorgt werden können

Christof Ronge und Petra Kämmer gehören zur Leitung des ambulanten Palliativdienstes, der vor zehn Jahren gegründet wurde.

Frank Thomas Koch

Petra Kämmer bekommt einen Anruf auf dem Notdiensthandy. Eine Pflegekraft, die gerade bei einem Patienten zu Hause ist, berichtet ihr, dass sich der Zustand des schwerkranken Mannes über Nacht verschlechtert hat. Solche Anrufe sind keine Seltenheit. Auch nachts klingelt das Handy, die Anrufer sind meist Angehörige. „Für diese Patienten und ihre Familien sind wir da, tagsüber und nachts“, sagt sie. Kämmer ist pflegerische Leiterin des ambulanten Palliativdienstes Bremen, der unheilbar kranke Menschen in ihrem Zuhause versorgt. Seit zehn Jahren gibt es den Dienst, mit Standorten an der Alfred-Faust-Straße im Ortsteil Kattenturm und am Krankenhaus Diako in Gröpelingen. Träger, damals wie heute, sind laut Kämmer die Zentrale für private Fürsorge und der Klinikverbund Gesundheit Nord.

Das Gesetz, das die sogenannte spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) und ihre Finanzierung durch die Krankenkassen möglich macht, ist 2007 in Kraft getreten. Der Bremer Dienst war einer der ersten, der die Arbeit aufgenommen und damit die palliative Betreuung schwer erkrankter Menschen in ihrem häuslichen Umfeld möglich gemacht hat. „Patienten mit einer fortgeschrittenen Erkrankung und einer begrenzten Lebenserwartung können diese Versorgung erhalten. Der Anspruch ist nicht an eine bestimmte Grunderkrankung oder Diagnose gebunden, und sie kann auch in einem Pflegeheim oder Hospiz erbracht werden. Wir kommen dorthin, wo die Menschen wohnen“, sagt der ärztliche Leiter, Christof Ronge.

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Palliativmedizin bedeutet: Nicht mehr die Ursache einer Erkrankung, sondern nur noch die Symptome können behandelt werden. Schmerzen, Übelkeit, Atemnot und andere Beschwerden werden gelindert, um damit die Lebensqualität solange wie möglich zu erhalten. „Wenn nichts mehr zu machen ist, kann man noch sehr viel tun“, in diesem Satz haben die Mitarbeiter des Bremer Dienstes ihre Haltung zusammengefasst. Fünf Ärzte, 20 Pflegekräfte und zwei Seelsorger gehören zum Team. Bis zu 30 Patienten können sie versorgen, eine ärztliche Verordnung ist laut Ronge Voraussetzung für die ambulante Palliativversorgung. Pflegekräfte und Ärzte haben eine spezielle Weiterbildung mit der Bezeichnung „Palliativ Care“ absolviert. „Überwiegend versorgen wir Krebspatienten. Im Laufe der Jahre ist aber auch die Zahl von Menschen mit anderen Krankheitsbildern wie Multiple Sklerose, Herzinsuffizienz oder dem Lungenleiden COPD gestiegen“, sagt der Arzt.

Die wachsende Zahl von schwerkranken Menschen, die sich bei dem ambulanten Palliativdienst melden und die Versorgung in Anspruch nehmen wollen, führen Kämmer und Ronge vor allem auf eine Ursache zurück: „Es gibt heute mehr Kapazitäten, um dem Wunsch, diese Phase des Lebens zu Hause zu verbringen, erfüllen zu können. Früher war eine palliativmedizinische Betreuung vor allem in Krankenhäusern oder in Hospizen möglich.“ Diese Versorgungslücke sei durch das Gesetz geschlossen worden.

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Die Ärzte und Pflegekräfte des ambulanten Dienstes verabreichen Infusionen und Medikamente, stellen Schmerzpumpen ein, wechseln Verbände, übernehmen medizinische und pflegerische Tätigkeiten. Und sie beraten Angehörige, was in bestimmten Fällen zu tun ist. Die Mitarbeiter kommen auch dann, wenn akute Probleme auftreten. Für diese Situationen können sich Angehörige rund um die Uhr über das Notrufhandy melden. „Das ist eine große Erleichterung für die Angehörigen“, sagt Ronge. „Ausgangspunkt unserer Tätigkeit ist: Ein schwerkranker Patient will zu Hause bleiben. Wir unterstützen dabei.“ Die Mitarbeiter verstehen ihre Arbeit als Bestandteil eines Netzwerkes, das aus dem ambulanten Dienst, Hausärzten und den Angehörigen bestehe. „Das ist die wesentliche Voraussetzung für das Sicherheitsversprechen, das wir den Familien geben wollen“, betont der Arzt.

Das Notrufhandy klingelt erneut. Die Pflegekraft, die noch bei dem schwerkranken Patienten zu Hause ist, meldet sich. „Je nachdem wie die Situation sich entwickelt, fährt ein Arzt zu der Familie“, sagt Kämmer. „Am Tag und auch in der Nacht, wir sind rund um die Uhr in Bereitschaft.“

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