Geschichten vom Hörensagen, die mit der Angst spielen Wie urbane Legenden entstehen

Bremen. Gerüchte ist ein zu kleines Wort dafür. Wer sich mit dem Phänomen beschäftigt spricht deshalb lieber von urbanen Legenden oder Wandersagen. Es sind Geschichten, die mit der Angst spielen.
04.11.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie urbane Legenden entstehen
Von Jürgen Hinrichs

Bremen. Gerüchte ist ein zu kleines Wort dafür. Wer sich mit dem Phänomen beschäftigt spricht deshalb lieber von urbanen Legenden oder Wandersagen. Es sind Geschichten, die mit der Angst spielen. Da werden Kinder entführt, Krankheiten übertragen, Drogen untergejubelt oder Unheil vorhergesagt. Besorgte Bürger rufen bei der Polizei an, und die muss dann jedes Mal prüfen, ob was dran ist an der Geschichte. Eine dieser Legenden, sagen die Behörden, hat sich in Bremen zum Klassiker entwickelt.

Was da erzählt wurde, von einem Journalisten-Kollegen, einem Ausbund von Seriosität, war eigentlich unvorstellbar. Eine Fantasterei, denn wie sollte so etwas unter dem Deckel bleiben?

Eltern, die in einem Bremer Einkaufszentrum ihr Kind aus den Augen verlieren und verzweifelt mit der Suche beginnen. Sie schalten irgendwann die Sicherheitsleute des Centers ein, und gefunden wird das Kind schließlich in einem Lieferwagen, halb kahl geschoren und mit anderen Kleidern am Leib.

Das ist die Geschichte, und wenn es nicht der Kollege gewesen wäre mit seinen glaubhaften Schilderungen des Unglaublichen, hätte man mit den Achseln zucken können: Da spinnt einer, ganz klar. So aber wurde recherchiert. Zuerst beim Einkaufszentrum, und man musste nicht viele Worte machen: Kennen wir, hieß es, stimmt nicht.

Also noch einmal an die Quelle ran: Musst gar nicht viel fragen, sagte der Kollege, es ist wahr, definitiv. Er verlässt sich auf die Angaben seiner engsten Verwandten, und die wieder haben es von einem engsten Kollegen gehört. Dessen Familie, kein Zweifel, sei das in dem Center passiert. Polizei und Einkaufszentrum würden den Fall verschweigen. Ein Skandal!

Nachher war es dann nicht der engste Kollege des Verwandten, es war ein Kollege des Kollegen, angeblich, und der nun sei leider nach Köln verzogen und nicht mehr erreichbar. "Das ist in Bremen mittlerweile ein Klassiker", sagt Polizeisprecher Nils Matthiesen. In der Regel mit dieser Variante: Rumänische Organhändler, die in einem Bekleidungsgeschäft Kinder entführen, sie in die Umkleidekabine zerren, ihnen die Haare abschneiden – und im letzten Moment daran gehindert werden, die Betäubungsspritze anzusetzen.

Ein Szenario, das sich im Internet dutzendfach wiederholt hat, meistens leicht verändert, und das auch an anderen Orten als in Bremen spielt. "Diese Nachrichten und Warnungen werden mit der Aufforderung verbreitet, sie an möglichst viele Benutzer weiter zu senden, um alle vor der angeblichen Gefahr zu warnen", erklärt Matthiesen, "man nennt das ,Hoaxes’, was so viel wie Schwindel, Schabernack oder Ulk bedeutet."

Ein anderes Beispiel: Kostenlose Schlüsselanhänger, die an Tankstellen oder auf Parkplätzen verteilt werden. Sie enthalten einen GPS-Sender, so die Legende. "Kriminelle Typen verfolgen Sie vom Tanken bis nach Hause", heißt es in einem Beitrag in den sozialen Netzwerken. Mit dem Chip könnten sie Peilung aufnehmen und feststellen, wann der Betreffende nicht zu Hause ist, um ohne Gefahr einbrechen zu können. "Eine neue Art von Kriminalität! Bitte informieren auch Sie ihre Freunde und Bekannte", schreiben die Internet-Nutzer.

Besorgte Bürger hatten sich deswegen in der vergangenen Woche an die Bremer Polizei gewandt. Und die warnt nun nicht vor den Schlüsselanhängern, denn die gibt es nicht, sondern vor den Legenden: "Seien Sie vorsichtig bei dubiosen Nachrichten. Verteilen Sie nichts, ohne den Absender zu kennen und sich gegebenenfalls der Seriosität des Inhalts zu versichern."

Wie kommt es aber, dass Menschen solche Geschichten in die Welt zu setzen oder sie ungeprüft weiter erzählen? Bernd Harder, ein Autor aus Augsburg, hat dazu ein Buch verfasst, das "Lexikon der Großstadtmythen". Harder destilliert daraus ein bestimmtes Muster: "Man kann diese Geschichten an zwei Dingen erkennen", sagt er, "erstens an der vagen Quelle. Und zweitens am Variantenreichtum der Erzählung." Die "Wandersage", wie Harder das Phänomen bezeichnet, spreche nicht den Verstand an, sondern das Gefühl. "Wer auch nur ein paar Sekunden darüber nachdenkt, der kann der Geschichte nur wenig Glaubwürdiges abgewinnen."

Eine alte Dame, die ihre Katze zum Trocknen in die Mikrowelle steckt, wo das arme Viech dann explodiert. Ein Verrückter, der mit einer Aids-Spritze durch die Diskotheken zieht und wahllos Partygäste infiziert. Oder die Abziehbildchen, die sich Kinder auf die Haut kleben. Da sind Drogen dran, die Kinder werden süchtig gemacht. Alles Unsinn, aber er wird geglaubt, mal mehr und mal weniger.

"Bei Eltern, die ohnehin um ihren Nachwuchs besorgt sind, fallen Gerüchte wie dieses auf fruchtbaren Boden", sagt Harder, "lieber einmal zu vorsichtig gewesen, als das Kind der möglichen Drogensucht aussetzen." Solche Legenden finden die weiteste Verbreitung, meint der Autor, die am stärksten an unsere Emotionen appellieren, wie in diesem Fall Angst.

Schwer angesagt seien immer wieder auch Warnungen vor angeblichen Gesundheitsgefahren. Dass Süßstoff Krebs verursacht, zum Beispiel, Flip Flops aus China Entzündungen hervorrufen oder Würmer im Döner sich durch den ganzen Körper bis ins Gehirn fressen. Harder: "Das Böse ist eben immer und überall – das ist die häufigste Botschaft von modernen Mythen."

Es muss freilich nicht immer ein schlechter Gedanke dahinterstecken, wenn Gerüchte entstehen. Wer etwas vom Hörensagen weiß, die Quelle gut kennt und sie für verlässlich hält – warum soll er es nicht weitererzählen, zum Beispiel der Zeitung?

Ein Anruf in der Redaktion, eine Frau, die erfahren haben will, dass im Bremer Hauptbahnhof an einem bestimmten Tag mit einer Waffe geschossen wurde, ein Mann hat auf eine Frau gezielt. Unten, am Aufgang zu den Bahnsteigen 5 und 6.

Unwahrscheinlich, aber wer weiß? Also fragt man nach: War da was, und falls ja, warum hat die Zeitung davon nichts mitgeteilt bekommen? Die Bundespolizei recherchiert. Nein, sagt sie schließlich, keine Schüsse. Wohl aber ein Mann an besagtem Tag und Ort, der Glasflaschen auf dem Boden zerdeppert hat. Das knallt ganz schön, und schon sind es Schüsse.

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