Das große Fressen

Wie Wildgänse Milchbauern in Ostfriesland ärgern

Weil Wildgänse den Milchkühen in Ostfriesland das Gras wegfressen, sollen Bauern Entschädigungen bekommen. Es gibt auch schon eine Rechnung. Aber das Niedersächsische Umweltministerium will nicht zahlen.
09.01.2020, 21:22
Lesedauer: 4 Min
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Wie Wildgänse Milchbauern in Ostfriesland ärgern
Von Marc Hagedorn
Wie Wildgänse Milchbauern in Ostfriesland ärgern

Amos Venema ist Milchbauer. Weil Wildgänse seinen Kühen das Gras wegfressen, ist seine Existenz gefährdet.

Philipp Ledényi

Das Unheil kam mit ganz viel Anlauf. Amos und Jan Venema konnten über Jahre dabei zusehen, wie es sich ankündigte und immer größer wurde. Dafür mussten die beiden Brüder, Milchbauern aus Ostfriesland, nur jeden Morgen an die Zäune ihrer Weiden treten. Auf den grünen Wiesen machten sich Wildgänse breit und ließen es sich schmecken. Die Zugvögel fraßen das saftige Gras, das eigentlich Venemas Kühe satt machen sollte. Doch wenn die Tiere der Bauern im Frühjahr zum Grasen an die frische Luft durften, war die Wiese kahl.

Für die Brüder eine Katastrophe, „existenzbedrohend“, sagt Amos Venema. Dagegen unternehmen können sie nichts: Jagen oder Vertreiben ist nicht erlaubt, Wildgänse sind eine geschützte Tierart. Inzwischen sorgt der Fall aus dem Örtchen Jemgum in der Nähe von Leer dafür, dass sich zwei Ministerien der Landesregierung vor Gericht sehen. SPD-Ministerium gegen SPD-Ministerium. Das Innenressort hatte den Venemas nämlich eine Entschädigung zugesprochen, exakt 38 821,53 Euro für die Jahre 2013 und 2014.

Festgelegt hatte diese Höhe die Enteignungsbehörde, eine Art Gericht. Sie ist im Innenministerium ansässig. Zahlen muss die Rechnung, ausgestellt im Jahr 2017, das Umweltressort, aber das weigert sich beharrlich. Es zweifelt die geltend gemachte Schadenshöhe an. „Die Berechnung ist für uns nicht akzeptabel“, sagt Umweltminister Olaf Lies. Nun muss das Verwaltungsgericht in Oldenburg entscheiden. Im zweiten oder dritten Quartal des Jahres, so ist zu hören, könne es ein Urteil geben.

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Die Gänse machen weiter

Die Venemas fühlen sich hilflos, weil die Wildgänse ihren Kühen in der Zwischenzeit weiterhin das Gras wegfressen. „Wir sind aber keine Gänsewirte, sondern Milchbauern“, sagt Amos Venema. Er muss deshalb Futter für die Kühe dazu kaufen, genau wie Einstreu für die Ställe, wenn die Kühe länger dort statt an der frischen Luft sind. Und mehr Arbeit macht das alles auch. Amos Venema ist sauer. „Wie kann es sein“, sagt er, „wie kann es sein, dass zwei Minister aus demselben Kabinett nicht in der Lage sind, sich zu einigen?“

„Weil das keine Frage ist, die sich auf die Schnelle unter Amtskollegen oder am Kabinettstisch klären lässt“, sagt Matthias Eichler, Sprecher des Umweltministeriums. Im Kern geht es um zwei Fragen: Wie ermittelt man die Schadenshöhe verlässlich? Und: Ab welcher Schadensgrenze sollen Entschädigungen gezahlt werden? „Dafür brauchen wir eine rechtliche Klärung und eine solide Grundlage auch mit Blick auf mögliche künftige Forderungen. Schließlich geht es um Steuergelder, wenn Entschädigungen gezahlt werden müssen.“ Das Umweltministerium würde am liebsten eine eigene Berechnungsmethode einsetzen, das sogenannte Rastspitzenmodell. Es wird noch bis Jahresende in Ostfriesland und in der Wesermarsch erprobt und soll Schäden exakter bestimmen.

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Amos Venema sagt, dass er nichts gegen Wildgänse habe und auch nichts dagegen, dass sie geschützt werden. Schon sein Vater habe früh beim Vertragsnaturschutz mitgemacht. „Wir sind vertragstreu“, sagt er, „vom 1. November bis 31. März dulden wir die Wildgänse hier.“ Das Problem ist nur, dass die Gäste inzwischen immer früher kommen und immer länger bleiben. „Und das können wir nicht mehr verkraften“, sagt Venema. Genauso wenig wie die Tatsache, dass die Zahl der Wildgänse immer größer wird, „wir werden ihrer nicht mehr Herr.“

Amos Venema ist jetzt 51. Davon hat er 34 Jahre als Landwirt gearbeitet. Er liebt die Gegend, plattes Land und grüne Wiesen, so weit das Auge reicht, und er mag seinen Beruf. Er schreibt Kolumnen für Fachmagazine. Er dreht Videos, die er im Internet hochlädt, etwa auf der Seite MyKuhTube, benannt in Anlehnung an das Videoportal Youtube. Aber immer häufiger fragt er sich, wie lange er als Milchbauer von seinen Einkünften wohl noch leben kann.

„Ist das bürgernah?“

Früher hätten sie pro Hektar umgerechnet 15 000 Liter Milch gemolken, heute seien es unter 10 000. Früher hätten sie fünf-, sechsmal im Jahr das Gras geschnitten, heute seien es drei Schnitte, „und dann ist es gut gelaufen“. Wenn er heute, so wie es früher der Fall war, Mitte September neu einsäen würde, käme das Gras nicht durch den Winter, weil sich die Gänse daran zu schaffen machten. Venema würde sie außerhalb der Schutzzeiten deshalb gern bejagen lassen. Aber das ist politisch nicht gewollt. Amos Venema findet überhaupt, dass die Politik der Landwirtschaft das Überleben unendlich schwer macht.

Immer mehr Bürokratie, immer mehr Verordnungen, immer mehr Einschränkungen, so sieht er das, „die Rahmenbedingungen werden immer enger“, sagt er. Und dann auch noch der inzwischen Jahre andauernde Ärger wegen der Entschädigungen, über die nun ein Gericht entscheiden muss. „Es ist immer die Rede davon, dass man bürgernah sein will, dass man den ländlichen Raum stärken will, dass man der Politikverdrossenheit begegnen will“, sagt er, „hier passiert aber genau das Gegenteil. Wozu brauchen wir noch Parlamente, wenn in letzter Konsequenz doch Gerichte entscheiden?

Für mein Gefühl stellt so ein Handeln die Demokratie infrage.“ Immerhin eine Gewissheit haben er und sein Bruder. Dass sie eine Entschädigung bekommen sollen, ist unstrittig. „Das ist ein Schaden, keine Frage“, sagt Minister Lies, „und den müssen wir bezahlen.“ Die Venemas wüssten nur gern, wann und wie viel das am Ende sein wird. Sie warten schon lange genug auf Hilfe. Im Juli 2015 hatten sie ihren ersten Antrag eingereicht, bis heute ist für jedes weitere Jahr ein neuer dazu gekommen.

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